Musée de L’Elysée Lausanne:
Schauplätze des Verbrechens

Fotografien von Verbrechensschauplätzen und Zeugnisse von Gefangenschaft und Unterdrückung sind derzeit in Lausanne zu sehen.

Rodolphe A. Reiss, Assassinat Ducret, la chambre avec le cadavre, Beaumaroche, 24 septembre 1907

Das Musée de l’Elysée in Lausanne warnt ausdrücklich: Kinder unter 14 Jahren und sensible Menschen sollten sich die (echten) Fotografien von historischen Gewaltverbrechen besser nicht anschauen. Bedrückend, aber auch berührend sind die Aufnahmen von Graffitis aus einem irakischen Gefängnis des Saddam-Hussein-Regimes. Andreas Rentschs Obsession ist die fotografische „Verwicklung“ mit der Justiz.

Rodolphe A. Reiss, Affaire Binggeli, Saint-Cierges, juin 1912

Vor über hundert Jahren war Rodolphe Archibald Reiss (1875 – 1929) einer der Pioniere der forensischen Fotografie. Er hat damals das Institut de police scientifique an der Universität Lausanne begründet. Die 120 im Musée de L’Elysée ausgestellten Bilder zeigen tatsächliche Schauplätze in einem sehr formalen Stil, mit dem diese Verbrechen dokumentiert wurden.

Diese für den Gebrauch der Polizei und der Gerichte bestimmten Fotografien sind selten in der Öffentlichkeit zu sehen.

Normalerweise ruhen sie in vertraulichen Archiven, weil sie, wie oben schon erwähnt, in ihrer dokumentarischen Drastik nicht unbedingt für die Öffentlichkeit geeignet sind. Im Abstand von hundert Jahren zur Tat zeigen sie heute neben ihrer emotionalen auch ihre sehr formale ästhetische Kraft.

© Adam Broomberg and Oliver Chanarin, The Red House 2006

Die beiden Fotografen Adam Broomberg (Südafrika, Jahrgang 1970) und Oliver Chanarin (England, 1971) drücken Gewalt und Unterdrückung auf eine ganz andere Art und Weise aus. Sie zeigen die Graffitis, die die Gefangenen im ehemaligen sogenannten „Roten Haus“ in die Wände ritzten und kratzten. Das „Rote Haus“ war ein Gefängnis der irakischen Baath-Partei von Saddam Hussein – in der Stadt Sulaymaniyah im kurdischen Landesteil gelegen.

Für ungezählte kurdische Gefangene waren die Wände in den Zellen die einzige Möglichkeit sich auszudrücken. Über die große Vielfalt dieser Graffitis erhalten wir eine gewisse Nähe zu diesen Gefangenen, weil sie dort ihre Hoffnungen und ihre Ängste aufgezeichnet haben. Es scheint fast, als wären diese Wandbilder kleine Fenster hinaus in die Freiheit.

© Adam Broomberg and Oliver Chanarin, The Red House 2006

Broomberg und Chanarin entschieden sich bei ihrem Besuch im „Roten Haus“, sich ganz auf diese Graffitis zu konzentrieren und so diese spezielle Geschichte von Gewalt und Unterdrückung zu erzählen. Alles andere ließen sie außer Betracht, weil sie der Meinung waren, dass diese Spuren mehr berichten würden als Szenen aus dem aktuellen Gefängnis-Alltag. Die Graffitis sind Zeugen der bedrückenden Zustände unter der Herrschaft von Saddam Hussein.

Adam Broomberg und Oliver Chanarin arbeiten von London aus schon mehr als zehn Jahre zusammen. Sie lehren beide dort Fotografie und haben mit ihrer Arbeit zahlreiche Preise gewonnen. „Red House“ und viele andere Projekte sind auf Broombergs und Chanarins Website zu finden.

© Andreas Rentsch

Und noch mehr Geschichten von Gefangenschaft gibt’s im Lausanner Musée zu sehen: das Werk des Schweizer Künstlers Andreas Rentsch, der in New York lebt unter dem Titel – ungefähr übersetzt „verwickelt mit der Justiz“. Er begann diese Serie unter dem schockierenden Eindruck der Bilder aus Abu Ghraib, einem anderen irakischen Gefängnis, diesmal das der Amerikaner. Rentsch, Jahrgang 1963, vermischt Fotografie, Zeichnung und Performance. Er fotografiert mit der Polaroid 55 sich selbst in und arbeitet mit Blitz die Körperumrisse heraus. Jedes der Bilder benötigt Belichtungszeiten von fünf bis 15 Minuten.

Über Wochen oder Monate lässt er dann Positiv und Negativ des Polaroids noch zusammen, so dass sich der Entwicklungsprozess fröhlich und unkontrolliert fortsetzen kann.

© Andreas Rentsch

Was dabei herauskommt, wird erst sichtbar, wenn Negativ und Positiv getrennt werden. Dann fixiert er das Bild, tont es in Sepia und zerkratzt auch noch die Emulsion.

Andreas Rentsch ist als Sohn eines Gefängnisdirektors von früher Jugend an mit diesen Erfahrungen von Justiz und Strafvollzug konfrontiert gewesen. Das beschäftigt ihn bis heute.

Mehr Bilder auf der Website von Andreas Rentsch.

Rodolphe A. Reiss – Le Théâtre du crime
Adam Broomberg & Oliver Chanarin – La Bastille rouge
Andreas Rentsch – Entraves judiciaires

Bis 25, Oktober
Musée de l’Elysée, 18 avenue de l’Elysée, CH-1014 Lausanne
+41(0)21 3169911, info@elysee.ch
Geöffnet Dienstag bis Sonntag 11 – 18 Uhr

Adam Broomberg/Oliver Chanarin
Andreas Rentsch
Musée de L’Elysée Lausanne

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