Cologne Pride 2009:
Zu weit links

In der Strassenfotografie und auf Reportage mit Actionshots hängt (fast) alles am richtigen Standort – oder am Seriefeuer für die nachträgliche Auswahl.

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Andreas Brössel).

Kommentar des Fotografen:

Parade CSD 2009 in Köln. In Erinnerung an die Protestmärsche für die Gleichberechtigung homosexueller im Juni 1969.

Peter Sennhauser meint zum Bild von Andreas Brössel:

Dein nostalgisch anmutendes Schwarz-Weiss-Reportagebild zeigt einen Teilnehmer der CSD-Parade in Köln inmitten anderer Teilnehmer, durch die Schärfe gut isoliert und in Haltung und Aufmachung an die Vergangenheit erinnernd.

Die Fotografie ist eine gelungene Mischung aus Strassenbild eines Anlasses, der vergnüglich sein sein soll, und drückt dennoch die Ernsthaftigkeit des Anliegens aus, welches die Paradeteilnehmer vertreten:

Das gelingt einerseits durch die Schwarz-Weiss-Umsetzung und den ernsthaften Gesichtsausdruck des Mannes, den Du ins Zentrum gerückt hast, die mit der offenbar vergnügten Frau im Hintergrund und dem eindeutigen Showcharakter der Veranstaltung. Der klare Fokus auf dem Gesicht des jungen Mannes lässt keinen Interpretationsspielraum – es geht bei dieser Aufnahme nicht so sehr um das Vergnügen als um den Inhalt und den mahnenden Charakter der Parade. Die kämpferisch gereckte Faust verdeutlicht den Protest, die in einem gewissen Kontrast zu der nackten Haut steht, wobei beides zusammengehört.

Obwohl die Bildelemente passen und namentlich die Bademütze (Wasserball?) der Dame im Hintergrund den nostalgischen Hauch verstärkt, wie auch ihre Miene die ernsthaftigkeit des Mannes ein wenig lockert: Das Bild lässt mich unwillkürlich den Auslöseknopf drücken. Es wirkt, als ob es zwei Sekunden zu früh aufgenommen wurde, oder vielmehr zwei Meter zu weit links.

Denn obwohl die Schärfentiefe sehr schön zwischen der Faust im Vordergrund und der Frau im Hintergrund liegt, verdeckt diese doch einen wichtigen Teil des Gesichts des Mannes, und die ganzen unscharfen Körperteile rechts im Bild lenken von dem zentralen Motiv der drei Köpfe (im linken Hintergrund ein weiterer Mann) ab. Mit ein paar Schritten nach rechts hätte sich zwar der Mann links hinter den im Zentrum geschoben, aber die Faust hätte sich vom Kopf entfernt und zugleich die Frau rechts etwas mehr isolierten Raum gekriegt. Die Tiefe des Bildes wäre dabei wahrscheinlich erhalten geblieben, aber der zentrale Akteur wäre noch besser inszeniert gewesen und die beiden angeschnittenen Schultern im rechten Bildrand wären aus der Komposition gerückt worden.

In solchen Situationen – ich gehe davon aus, dass diese Leute auf einem Parade-Wagen an Dir vorbeifuhren – lohnt es sich, auf dem Auslöser zu bleiben und eine gewisse Wegstrecke des Motivs in einer Serie von Aufnahmen mitzunehmen: Ähnlich wie bei Actionporträts, wo diese Technik dazu dient, geschlossene Augen und unnatürlich wirkende Bewegungen der Akteure am Ende dank einer Serie ausscheiden zu können, hättest Du so eine ganze Serie von leicht verschiedenen Perspektiven, aus denen Du die wirksamste auswählen kannst.

Da Filmkosten kein Thema mehr sind, erschliesst sich dieses Vorgehen, das Pressefotografen mit Motortransport-Kameras seit Jahrzehnten praktiziert haben, auch uns Amateuren, und wir sollten keine Hemmungen haben, davon Gebrauch zu machen. Die Erwartung, dass jede Aufnahme ein Einzelstück sein und beim ersten Auslösen sitzen muss ist ein Anspruch, den sich Profis noch nie leisten konnten.

Eine spannende Alternative der vorleigenden Aufnahme hätte übrigens eine Variante mit auf der Faust liegender Schärfe sein können.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
Mehr über die Profi-Bildkritik erfahren / Eigene Bilder zur Kritik einreichen.

1 Antwort
  1. Andreas Brössel says:

    Hallo Peter,

    vielen Dank für die Zeit und Mühe die Du bei der Kritik meines Bildes investiert hast.

    „[..] gelungene Mischung aus Strassenbild eines Anlasses, der vergnüglich sein soll, und drückt dennoch die Ernsthaftigkeit des Anliegens aus, welches die Paradeteilnehmer vertreten“.

    Vorweg: Ich bin zu jung als das ich mir selbst ein Bild von den Menschenrechtsbewegungen in den 60er und 70er Jahren hätte machen können. Mein Wissen stützt sich lediglich auf Aufzeichnungen der damaligen Zeit.

    Im Rahmen einer Bilderserie war es mein Ziel im Rahmen des CSD, der in vielen Städten Deutschland stattfindet, die Kontroverse zwischen einer ernsthaften Demonstration und Party-Aufmarsch herauszuarbeiten. Daraus ergab sich die zentrale Fragestellung: Was erinnert noch an den Stonewall-Aufstand und welchen politischen Charakter trägt die Veranstaltung heute?

    Unter nachfolgendem Link ergänzend einiger Bilder aus der Serie.

    http://img117.imageshack.us/gal.php?g=y01.jpg
    http://yfrog.com/39y01jx

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