Fotografisches Können (2/2):
Wie gut ist mein ästhetischer Blick?

Fotografie braucht neben Kamera-Beherrschung auch ein fotografisches Auge. George Barrs Level-System erlaubt eine künstlerische Selbsteinschätzung.

Ausnahmekönner Henri Cartier-Bresson: Wenn Fotografen zu Motiven werden. (keystone)

Das eigene fotografische Niveau einzuschätzen ist ein schwieriges Unterfangen. Fotograf und Autor George Barr hat ein zweiteiliges Level-System entwickelt, mit dem wir unser Können technisch und ästhetisch einstufen können. Hier folgt die Tabelle der künstlerischen Kategorien.

Barr setzt dabei auf eine Reihe von Kriterien, die keine Fachausdrücke und Regeln voraussetzen, sondern im Wesentlichen auf einfachen Masstäben wie die Zufriedenheit des Fotografen mit seiner Arbeit und die Reaktionen darauf setzen. Das mutet etwas befremdlich an, ist aber bei genauem Hinsehen ideal:

So kann ohne Vorwissen eine Einschätzung des eigenen Niveaus vorgenommen werden. Viel mehr als ein grobes Hilfsmittel wollen diese Level-Kriterien im übrigen gar nicht sein; es geht vor allem darum, die Fähigkeiten und Mängel zu erkennen und darauf schliessen zu können, worauf sich die Fotografin konzentrieren könnte, um die nächste Stufe zu erreichen – sowohl in technischer wie in ästhetischer Hinsicht.

Barr erklärt in seinem Buch „Besser Fotografieren“ (Affiliate-Link) auch recht ausführlich, wie das geschehen kann; das Hauptrezept besteht darin, sich von andern Fotografen objektiv und auf Basis fotografischer Grundlagen und von Ästhetik-Regeln kritisieren und auf die Dinge hinweisen zu lassen, die in den eigenen Bildern noch nicht funktionieren, beziehungsweise technisch suboptimal umgesetzt wurden.

Dazu hilft es, wenn die Kritikerin und der Kritisierte wissen, auf welcher Stufe des jeweiligen Könnens der Fotograf sich befindet, und auf welche Dinge deshalb in der Kritik besonders geachtet werden soll. In einem ersten beitrag habe ich Georges Massstäbe für die technischen Stufen vorgestellt, es folgen hier die ästhetischen:

Ästhetische Stufe A – Auf diesem Niveau scheinen die Fotografien keine Aussage zu haben, sie rücken nichts vorteilhaft in den Blickwinkel, enthalten nicht die beste Pose und würden grundsätzlich nur von sehr gutwilligen Leuten gelobt. Typischen Schnappschüsse eben, die keine besonderen Kenntnisse voraussetzen und häufig den Fotografen selber enttäuschen und die Frage stellen lassen, warum er sie aufgenommen hat.

Ästhetische Stufe B besteht aus anständigen Schnappschüssen, welche als Erinnerung wertvoll sind, auch wenn sie nicht grade begeistern. Die Fotografien geben die Emotionen und die Aufregung zum Zeitpunkt der Aufnahme nicht wider; der Fotograf zeigt sie Freunden, um zu zeigen, wie der Urlaub war, aber nicht anderen Fotografen für eine Kritik.

Ästhetische Stufe C: Die Fotos von Fotografen auf diesem Niveau rufen Bewunderung hervor bei Laien, aber nicht bei andern Fotografen. Sie zeigen Höhepunkte der Action, ideale Posen oder dramatisches Licht. Es sind Grundkenntnisse der Komposition erkennbar, die Aufnahmen machen sich gut in einem Firmenkalender: Es sind „hübsche“ Fotografien, allerdings ohne künstlerischen Wert.

Ästhetische Stufe D: Die Fotografien von Fotografinnen dieser Stufe fangen an, sich mit sich selbst und dem künstlerischen Anspruch zu beschäftigen und dienen nicht in erster Linie einer Erinnerung oder dem Festhalten eines Motivs. Der kreative Anspruch und das Bemühen um eine spannende Komposition ist leicht erkennbar. Noch funktioniert aber einiges nicht; es ist die Art von Bild, welche andere Fotografen sofort denken lässt, wie diese Fotografie besser hätte aufgenommen werden können, um zum gewünschten Resultat zu kommen. Der Fotograf scheint ein paar Schritte vom idealen Standort und einige Stunden oder Augenblicke vom idealen Licht/Zeitpunkt entfernt. Die Bilder lassen Kraft vermissen und bringen keine eindeutige Botschaft herüber, es gibt ablenkende Elemente.

Ästhetische Stufe E: Wer sich auf dieser Stufe bewegt, dessen Bilder wecken in der Regel Bewunderung und Neid bei andern Fotografen. Die Komposition passt, das Motiv ist interessant, die Präsentation effektiv. Was fehlt ist einzig, dass das Bild keine Emotionen weckt. Betrachter reagieren mit „Gut gemacht“ anstatt „WOW!“ oder sonstigen Ausbrüchen (wozu auch Schock oder aufgeregte Ablehnung gehören darf). Die Fotografien wirken in mehreren Schichtungen und haben Tiefe; um sie zu erfassen sind mehr als 30 Sekunden nötig.

Ästhetische Stufe F: Die Fotos berühren und wecken emotionale Reaktionen und Ausrufe puren Staunens; sie zeigen etwas, was wir bisher nicht so gesehen haben, sie illustrieren und hinterfragen, sie haben eine eindeutige Aussage. Die meisten von uns wären glücklich, ein paar solcher Bilder pro Jahr zustandezukriegen. Auch nach längerer Betrachtung bieten sie noch Neues und erlauben Entdeckungen und Verbindungen. Es ist die Hauptkategorie für Bilder von Meisterfotografen.

Ästhetische Stufe G: Das sind die grossen Aufnahmen von historischer Bedeutung, Fotos, die uns zum Lachen, Weinen oder Fluchen bringen. Sie sind so ausserordentlich, dass auch grosse Fotografen während ihrer Laufbahn nur eine Hand voll davon erschaffen. In diese Kategorie fällt Edward Westons „Pepper Number 30“, aber nur wenige andere seiner Bilder, die besten Fotografien von Ansel Adams, aber nicht alle. Es sind die Aufnahmen, die zu Ikonen der Fotografie werden. Sie sind nicht unerreichbar, aber wer von uns je ein solches Bild schiesst, kann sich glücklich schätzen. In diese Kategorie gehören „Migrant Mother“ von Dorothea Lange, Steve McCurrys afghanisches Mädchen, Das Bild des von Napalm verletzten, nackten Mädchens in Vietnam, „Winter Storm Clearing“ von Ansel Adams und mehrere der Fotografien von Henri Cartier Bresson.

George Barr: Besser Fotografieren (Affiliate-Link)Buchbesprechung auf fokussiert.com

12 Antworten
  1. Reinhard Witt says:

    @ Istvan: :-) Zweifelsohne, Deine Pepper Nr 2 ist witzig… aber ihr fehlt etwas Entscheidendes: Das Spiel mit dem Licht.
    Und so wie Westons Paprika an Äathetik brilliert wird Deine Paprika eher zu einer Karikatur…
    Ich denke da liegen doch Welten dazwischen. :-)
    Nich böse sein – aber so sehe ich das schon.

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    • Istvan Lörincz says:

      Ich habe noch mehr Fotos von meinem Pepper, und auch mit dem Spiel mit dem Licht. Werde morgen das Foto hochladen. Wenn nur das Licht das Entscheidende ist, dann bin ich beruhigt. :-) Ich dachte die besondere Form des Peppers war das Besondere.

  2. Corinne ZS says:

    Lieber David, Dich schickt wohl der Himmel – denn meine selbst gewählte Beurlaubung von fokussiert.com wird zunehmend anstrengend, da es auf der einsamen Insel vor allem eins ist: einsam.

    So, was meinte ich denn nun mit der zum richtigen Lesen eines Bildes notwendigen guten Kenntnis der Kultur? Nicht genau das, was Du meinst, jedenfalls würde ich den Mangel an Kenntnis nicht als „moralisch falsch“ bezeichnen, sondern einfach als Ursache von Fehlern (und als mangelnde Sorgfalt).

    Jedes Bild hat eine Aussage – bloss welche? Bleiben wir bei den von mir angesprochenen Bildern (Verlinkung siehe Kommentar 3.). Eins zeigt ein Kind mit Farbstiften. Ist das nun das in Armut lebende Kind, das sich an bunten Stiften freut? Oder wurde es gerade beschnitten und trocknet seine Tränen mit sinnlosen Geschenken? Oder wohnt es neben der Farbstift-Fabrik, die in der Gegend wegen ihrer Umweltgifte verpönt ist? Vielleicht wird es auch gegen Geld in bunte Kleider gesteckt, damit es von Touristen fotografiert werden kann. Wie auch immer: Wir sehen in etwas hinein, das uns das Bild nicht erklärt. Es reicht offenbar, dass das Bild etwas zeigt, das nicht bei uns vor der Haustüre aufgenommen wurde, um zu faszinieren. Mich interessiert aber nicht die Farbe im Bild, sondern die Aussage. Und die gibt es nicht, kann es nicht geben, weil – ich unterstelle das jetzt einmal – der Fotograf nicht weiss, was genau vor sich geht.

    Sagen wir mal so: Wenn ich zwei Tunesier fotografieren, die Hand in Hand durch Tunis spazieren – wie liest Du das Bild? Sind das Homosexuelle? Was denkst Du? Bei uns wären es Homosexuelle, denn sonst laufen hier ja keine Männer händchenhaltend und lachend durch die Strassen. Bei uns nicht. Aber in Tunis. Jedenfalls Männer, die nicht homosexuell sind – denn diese laufen dort gerade nicht händchenhaltend durch die Strassen. Sich bei der Hand zu nehmen ist unter Männern eine Geste von Vertrautheit und Freundschaft. Sonst nichts. Blöd, wenn das der fotografierende Tourist nicht weiss. (Achtung: Der Umgekehrschluss geht nicht. Es sind also nicht zwingend alle Tunesier, die darauf verzichten, händchenhaltend durch Tunis zu spazieren, homosexuell.)

    Mein Punkt ist, dass zwangsläufig solche „Fehler“ fotografiert werden, wenn man die Kultur nicht kennt.

    Morenatti finde ich natürlich überhaupt nicht exotisch. Aber das muss wohl daran liegen, dass ich in etwa weiss, was er fotografiert. Das gilt auch für McCurry.

    Bei uns in Bern gibts übrigens immer wieder Japaner, die Kehrichteimer fotografieren. Ich muss unbedingt einmal in Japan nachschauen, was Japaner mit ihrem Kehricht machen. Jedenfalls scheinen unsere Kehrichteimer extrem exotisch zu sein. Vielleicht hängt in so mancher japanischer Stube ein schönes Bild eines Berner Kehrichteimers, neben dem Bild vom Matterhorn ;-)

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  3. David says:

    Eine interessante Diskussion. Vielleicht solltet Ihr ein philosophisches Schwesterblog starten? (Das ist nicht spöttisch gemeint!)

    Corinne, was meinst Du damit, dass es „eine gute Kenntnis der Kultur braucht, um ein Bild richtig zu lesen“ ? In welchem Sinne liest man es mit Kenntnis der Kultur richtig und in welchen Sinne liest man es ohne falsch? Ich vermute, dass Du mit „falsch“ eher so etwas wie „moralisch unangemessen“ meinst; eine Betrachtungweise, bei der man sich eher an der Exotik der Szene erfreut als auf das dargestellte menschliche Leid zu reagieren? Dann verstehe ich allerdings den Hinweis auf Morenatti nicht, dessen (faszinierende) Bilder meiner Meinung nach massiv (freilich nicht ausschließlich) von der Exotik – allein schon des Lichts und der Farben – leben. Ich denke, es ist ein grundsätzliches Problem jeder Fotographie fremder Länder und ferner Zeiten, dass wir stark emotional und ganz und gar unfreiwillig auf Exotik reagieren. Man könnte die Frage diskutieren, ob und wie eine Fotographie von dem Betrachter fremden Kulturen, die rein auf das Menschliche und nicht auf das Exotische abzielt, möglich ist. Spontan würde ich sagen, ja – wenn man das Bild so eng auf den Menschen konzentriert, wie in McCurrys Porträt (oder noch enger). Dadurch verliert man freilich den Kontext, was Du, wenn ich Dich richtig verstehe, an dem Bild von McCurry kritisierst. Das Bild kann dann nicht mehr für sich selbst sprechen, sondern nur noch gemeinsam mit einer Angabe des Kontexts.

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  4. Corinne ZS says:

    Vielleicht wäre dann der Schritt von Stufe F zu Stufe G eben vor allem auch einer hin zum historisch relevanten Inhalt. Das heisst, es wären in der „obersten“ Kategorie Bilder zu finden, die in einem historischen (politischen, sozialen) Kontext ausserordentlich wichtig sind. Nicht bloss wegen technischer Perfektion (Uts Bild fehlt sie ja wohl eher. Hier Ut mit Bild.), sondern wegen dem, was uns das Bild darüber hinaus sagt. Dir, Peter, hat das Bild Afghan Girl von McCurry viel gesagt und nach Recherchen zu einem besseren Verständnis eines Flüchtlingsdramas geführt.

    Ich meine, ein Hilfswerkmitarbeiter in Afghanistan hätte das Bild wohl von Anfang an anderes gesehen. Vielleicht hätte er festgestellt, dass das Mädchen gut ernährt ist, keine Exzeme hat, und hätte gedacht: Zum Glück geht es ihr so gut. Oder ihr Vater (Achtung: Vorurteil-Falle) hätte denken können: Ja Himmel Herrgott, kann die das Tuch nicht etwas weiter ins Gesicht ziehen.

    Was in dem Bild lesbar wird kommt darauf an, wer es liest. Ich bin überzeugt davon, dass es eine gute Kenntnis der Kultur braucht, um ein Bild richtig zu lesen. Und auch, um es richtig zu machen. Deshalb ist für mich ein Teil der Faszination, die von McCurrys Bild „Afghan Girl“ ausgeht, immer noch unser ethnozentristischer Standpunkt. Ich bin nun nicht der Meinung, der sei an sich schlecht, ich stelle einfach fest, es gibt ihn. In meinen Augen optimal wäre, wenn er uns einfach bewusst wäre.

    Aus demselben Grund habe ich meine liebe Mühe mit einigen der Bilder, die auf fokussiert.com besprochen wurden und meines Erachtens diese Selbstreflexion vermissen lassen (etwa dieses oder dieses).

    Besonders auch nach dem Hinweis von Kneschke in seiner letzten Bildkritik fände ich eine Diskussion darüber interessant, welche ethischen Voraussetzungen jemand braucht, der porträtiert.

    Ein Hinweis auf Morenatti darf natürlich auch in diesem meinem aktuellen Kommentar nicht fehlen! Bei ihm habe ich nun nie den Eindruck, er wisse nicht genau, was er fotografiere. Es ist, wie wenn er uns einen Blick unter die Haut dieser uns fremden Kultur ermöglichen würde, ohne den Menschen die Haut abzuziehen. Er kennt wohl sie und ihr Leben eben so gut wie uns und unsere Art, Bilder zu verstehen. Er ist quasi Journalist mit Bildern: Er erklärt etwas uns Unbekanntes Wichtiges in einer Sprache, die wir verstehen und gerne hören.

    Es braucht sozusagen eine spezielle Intelligenz, um das zu können. Es braucht auch eine Metaebene mit einem besonderen Bewusstsein seiner selbst: Wer bin ich und warum mache ich das und was ist es, das ich mache.

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  5. Peter Sennhauser says:

    Danke für die Ergänzung, Corinne. Das Bild von Phan Ti Kim Phuc nach dem Napalm-Angriff ist hier zu sehen.

    Ich bin keineswegs der Meinung, dass McCurrys Porträt von Sharbat Gula überbewertet wird – ich sehe es in der genau gleichen Klasse wie das von Nick Ut von 1972: Es ist Mitte der 80er Jahre entstanden und zeigt das junge Mädchen aus dem durch die russische Invasion zerrissenen Afghanistan in einem Flüchtlingslager in Pakistan. Aber es erzählt die ganze Geschichte ohne schockierende „Action“. Ich habe das Bild 1985 auf dem Cover von National Geographic gesehen, und es hat mich nie mehr losgelassen. Nie hat mich ein anderes Porträt mehr dazu angeregt, die Hintergründe in Erfahrung zu bringen. das Bild hat alles, was George Barr von einer Ikone verlangt: ästhetische Perfektion von der Farbe über die Tiefe bis ins letzte Detail des geschwungenen Kopftuchs und eine emotionale Kraft im Ausdruck der jungen Frau, die von Gehetztheit, Verzweiflung, trotzigem Überlebenswillen bis zur Anklage alles enthält, was das Pressebild von Nick Ut allerdings sehr viel direkter durch den Vorgang selber ausdrückt. Sharbat Gula lebt übrigens auch noch und wurde 17 Jahre nach der Aufnahme identifiziert. Eine weitere Geschichte über das Leben der Frau und eine TV-Dokumentation über die Suche nach ihr hatten die Gründung einer Stiftung zur Förderung der Bildung von Mädchen in Afghanistan zur Folge.

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  6. Corinne ZS says:

    @Pit: Das von Napalm verletzte nackte Mädchen in Vietnam heisst Phan Thị Kim Phúc, das Bild wurde aufgenommen von Nick Út. Du könntest das vielleicht noch in Deinen Text einfügen und dann diesen hier ins Nivana schicken. Steve McCurrys Bild finde ich übrigens völlig überbewertet – ich bin der Meinung, es brauche schon einen überaus westlich ethnozentristischen Blick, um darin mehr als einfach irgend ein Porträt zu sehen.
    PS: Kim hat überlebt und tritt bis heute manchmal in der Öffentlichkeit auf um über den Augenblick zu sprechen, in dem das Bild aufgenommen wurde und über ihre Leidenszeit danach.

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