Verstecktes Zugfahrerporträt:
Spannend – und fragwürdig

Inhaltlich sehr stark, moralisch zumindest fragwürdig: Eine gelungene Momentaufnahme einer Bahnfahrt.

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Flo Meier).

Kommentar des Fotografen:

2 Gesichter – das bild entstand im november 2008 in der s-bahn auf dem weg von szentendre nach budapest. zu dem bild gibt es nicht viel zu sagen, außer dass mir der mann in der grünen jacke etwas mysteriös vorkam.. ich weiß nicht ob es vielleicht an dem ort lag, da die s-bahn so runtergekommen und alt war (z.b. fehlende türgriffe, beschädigte sitzpolster ) und sich die anderen fahrgäste in der bahn von ihm so beschäftigt, durch erzählen und sms schreiben distanzierten. jedenfalls beunruhigte mich zusätzlich die Tatsache, dass ich ihn nur von meiner position aus sehen konnte wie er auf dem bild zu sehen ist, die kamera legte ich also auf den sitz zu meiner rechten um nicht die blicke der anderen personen auf mich zu lenken und stellte den auslöser auf 10sek. farbkontraste + helligkeit hab ich anschließend geregelt.

Profi Robert Kneschke meint zum Bild von Flo Meier:

Ich finde es spannend, wie sich der Eindruck des Fotografen und des Betrachters unterschieden können. Der Fotgoraf Flo kommentiert das Bild mit dem Schwerpunkt auf den „mysteriösen“ Mann, den er heimlich fotografiert habe.

Ich hingegen sehe eine gelungene „Street“-Aufnahme, auch wenn die Kategorie in diesem Fall eher „Train Photography“ heißen könnte:

Was mir an dem Foto besonders gefällt, ist die Staffelung der vier Männer, die eine gute Tiefenwirkung erzeugt. Außerdem erzählt jedes einzelne der Gesichter eine kleine Geschichte. Der vordere Mann ist in sein Handy vertieft, der dahinter schaut in die Ferne und der dritte Mann scheint mit sich selbst zu reden.

Die Haltegriffe durchtrennen sein Gesicht sauber in zwei Hälften, sodaß er wie „hinter Gittern“ wirkt, aber trotzdem gut zu erkennen ist. Mir gefällt auch der schiefe Horizont, weil so ein guter Eindruck der ruckelnden Bahnfahrt entsteht.

Lichtreflex in der Türe entferntBestimmt nicht beabsichtigt, aber trotzdem passend ist der Farbkontrast zwischen den eher orangenen Gesichtern und dem blauen Hintergrund. Dieser Komplementärkontrast lässt die Köpfe noch besser hervorstechen und lenkt den Blick auf die Gesichter.

Ich weiß, dass die Puristen der „Street Photography“ jetzt aufschreien mögen, aber ich habe mal eine Version probiert, bei der ich den Lichtreflex an der Tür und einige der ablenkenden Details retuschiert habe. So bleibt der Fokus länger auf den Männern, die das Hauptmotiv des Fotos bilden.

Bauchschmerzen bereitet mir jedoch aus moralischer Sicht die Entstehung des Fotos. Diese Heimlichkeit verträgt sich meiner Meinung nach nicht mit der Öffentlichkeit, die ein Fotograf mit einem Foto erzielen will. Wie würdest Du es finden, heimlich fotografiert zu werden und sich irgendwann auf einer Fotografie-Webseite oder woanders wiederzuentdecken?

Auch wenn Kunst viele Freiheiten in Deutschland genießt, sollte das Recht am eigenen Bild der Personen immer berücksichtigt werden.

Wer nicht vor einem Foto fragen will, um die filigrane Stimmung nicht zu zerstören, sollte mindestens hinterher fragen.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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5 Antworten
  1. Peter Sennhauser says:

    Kann mich nur anschliessen, Gilden ist ziemlich widerlich. Aber zumindest liefert er gleich eine Antwort auf die rechtliche Frage nach „Privacy“ und „eigenes Bild“ in den USA: Er empört sich ja sogar darüber, dass sich eins seiner Opfer wehrt: „Du befindest Dich auf einer [öffentlichen] Strasse, Mann!“

    Antworten
  2. Robert Kneschke
    Robert Kneschke says:

    @ Christian:

    Ich finde eben diese Staffelung von links (sehr gedrückt) bis rechts (ganz leer) spannend.

    Mein Kommentar betreffend der „Bauchschmerzen“ bezieht sich auch weniger auf die rechtliche Lage, sondern die moralische Situation, mit der ein Fotograf umgehen muss.

    Ganz schrecklich finde ich z.B. Bruce Gilden, der Leuten auf der Straße die Kamera vor das Gesicht hält, abdrückt und weitergeht als wäre nix gewesen ( http://www.youtube.com/watch?v=kkIWW6vwrvM ).

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  3. Christian Loose says:

    Ganz schwieriges Bild.
    Irgendwie hat es was, aber irgendwie ist es auch nichts Ganzes.
    Genau aus diesem Grund mag ich eigentlich solche „heimlichen Hüftshots“ überhaupt nicht. Nach meiner Erfahrung gilt hier: ehrlich währt am längsten. Vor allem kann man dann ein Foto auch wirklich gestalten, braucht sich nicht schlecht zu fühlen, oder Angst vor Konsequenzen zu haben.
    Links ist mir das Foto zu knapp und rechts zu großzügig.
    Aber wie schon erwähnt: es hat „was“, aber ob es reicht ?
    Was das anbelangt, kann ich nur das Interview von Joe Wigfall empfehlen (der kann’s so richtig):
    http://www.wnyc.org/streetshots/

    Das Interview mit Bruce Gilden ist auch sehr sehenswert !

    Gruß,
    Christian

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  4. Peter Sennhauser says:

    @Schtonk:

    1. Abgedruckt haben wir gar nichts, weil wir nicht drucken.
    2. Sind Abmahnungen kein Beweis dafür, dass jemand ein Recht gebrochen hat, sondern nur dafür, dass jemand das behauptet (oder ein geschäftstüchtiger Anwalt in Deutschland gerne Geld „verdienen“ möchte)
    3. Ist die Rechtslage nicht eindeutig und die Praxis massgebend. Wer sich im öffentlichen Raum bewegt, muss damit rechnen, fotografiert zu werden; das „Recht am eigenen Bild“ setzt eine Art Porträtfotografie voraus und schliesst Personen des öffentlichen Interesses aus; ausser bei kommerzieller Nutzung (Werbung) wird der Umgang mit „model-realeases“ (die schriftliche Zustimmung des Modells, dass die Bilder für jeglichen Zweck benutzt werden dürfen) relativ locker gehandhabt, und schliesslich gibt es in den meisten Fällen die stillschweigende Zustimmung der Fotografierten.
    Robert spricht an, dass diese hier nicht angenommen werden kann und argumentiert ausserdem aus seiner Erfahrung als kommerzieller Fotograf, der selbstredend kein Bild ohne model-release verkaufen kann.

    Die Annahme, dass jeder, dessen Nase irgendwo in einem Bild einer Strassenszene zu sehen ist, vor Gericht die Publikation des Bildes verbieten lassen könnte, ist ebenso falsch wie die, jede Fotografie sei als schöpferisches Werk dem Urheberrechtsschutz unterstellt. Nicht einmal das trifft zu, wenn dem Bild nicht eindeutig eine künstlerische Konzeption anzusehen ist.

    Dass es in Deutschland in den vergangenen Monaten „einige Streetphotographer erwischt“ hat deutet nicht auf einen Missstand in der Fotografie, sondern meines Erachtens auf einen im deutschen Rechtssystem hin – in Form der gutgemeinten, aber durch massenhaften Missbrauch zum Kristallisationspunkt einer juristischen Zweiklassen-gesellschaft mutierten Abmahnregelung.

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  5. Schtonk! says:

    Tja, abgedruckt habt ihrs aber trotzdem…

    Mal schauen, wann die Abmahnung kommt. Hat schon einige Streetphotographer erwischt die letzten Monate.

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