“Faszination Sportfotografie” – Data Becker:
Eine Kunst für sich?

Sportfotografie stellt spezifische Anforderungen – in jeder einzelnen Sportart. Dieses Einsteigerbuch verleiht einen guten Überblick und vermag zu einem Versuch zu reizen. Illustriert mit grossartigen Fotos, bietet das Buch aber vor allem technische und organisatorische Informationen.

Data-Becker Digital Proline: Faszination Sportfotografie

Data-Becker Digital Proline: Faszination Sportfotografie

Bei meiner täglichen Durchsicht einiger Tausend Agentur-Fotos auf der Suche nach den faszinierendsten und fotografisch spannendsten Newsbildern schaue ich mir zwangsläufig sehr viele Sportbilder an.

Und obwohl ich dieses Genre ursprünglich aus den “Fotografien aus 24 Stunden” ausschliessen wollte, lässt sich nicht verleugnen, dass es fast täglich herausragende, umwerfend attraktive Bilder hervorbringt.

Grund genug, sich mit der Sportfotografie ein wenig näher zu befassen. Ein neues Buch aus dem Data-Becker-Verlag, “Faszination Sportfotografie” (Affiliate-Link) vom preisgekrönten Sportfotografen Laci Perényi und Autor Jörg Walther, bietet einen umfassenden Einstieg in ein extrem vielfältiges Thema. Ein Vorweg-Fazit:

Das über 300 Seiten starke Hardcoverbuch wendet sich an eine Leserschaft, die sich noch wenig bis gar nicht mit dem Thema auseinandergesetzt hat und die wichtigsten Tipps und Tricks für den Einstieg braucht. Es ist ein “Gebrauchsbuch”, das trotz der Unmengen faszinierender Fotos nicht “verschlungen” werden wird, aber für jeden etwas bietet und durch die Einteilung nach Sportarten zum nützlichen Nachschlagewerk wird.

Fotografische Probleme wie Flutlicht werden spezifisch behandelt.

Fotografische Probleme wie Flutlicht werden spezifisch behandelt.

So geht das Buch im Aufbau keine besonders originellen Wege: Die Einführung befasst sich mit Ausrüstung und Material, dann folgen die Grundlagen der Sportfotografie (die sich mit speziellen Lichtsituationen und den Fallgruben, die sie im Sport bieten, befassen); weiter geht’s mit der “sportlichen Herausforderung”, die sich mit Dynamik, ISO-Werten, Kniffen wie Fokusfalle und Kontrasten befasst, es folgen zwanzig Seiten zum “besseren Sportfoto”: Sportart kennen, Standort finden, Bildkomposition, Perspektiven, Bildformate, Gesichter und nicht nur Gewinner zeigen.

Und dann folgen sechs Abschnitte mit Unterkapiteln zu jeder Sportart, jeweils mit einer kurzen Einführung zum betreffenden Sport, seinen Herausforderungen, den fotografischen Problemen und praktischen Tipps bis hin zur Rubrik “Wunschbilder der Redaktionen”.

Den Abschluss bilden zwei allgemeine Themen – Anmut im Sport und Bildnachbearbeitung.

Das ist zweckmässig und macht schon beim Überblick über das Inhaltsverzeichnis deutlich, welch Facettenreiches Genre die Sportfotografie ist und wie viele unglaublich verschiedene Herausforderungen zwischen Fussball-, Formel1- und Skiabfahrtsbildern unterschieden werden müssen. Rund um die spezifischen Anforderungen bis hin zu den Problemen von Weissabgleich, Kontrastumfang und Körpertemperatur des Fotografen am Skirennen, den Schwierigkeiten mit verkratzten Plexiglaswänden, der Spannung hinter dem Tor und den knallbunten Werbannern an den Banden beim Eishockey lässt das Buch denn hier auch wenige Fragen offen.

Sportfotografie: Wasser und seine Möglichkeiten.

Sportfotografie: Wasser und seine Möglichkeiten.

Das ist nicht nur informativ, sondern birgt auch Anregungen, selbst für Sportmuffel: Mich hat beispielsweise der Abschnitt über American Football gepackt. Nicht, weil mich dieser Sport interessiert, sondern weil betont wird, dass er von kurzen, explosiven Momenten lebt, die packenden Momente deswegen und aufgrund des Gerangels auf dem Spielfeld sehr schwierig zu fotografieren sind und gute Bilder gesucht (und anständig bezahlt) sind. Herausforderung zu einem Selbstversuch – wahrscheinlich in einer der Amateurligen…

Aber “faszination Sportfotografie” lebt von der Anleitung, von der Beschreibung der Praxis, und es stellt grösstenteils nicht die faszinierenden Bilder von Laci Perényi in den Vordergrund, sondern sein Fachwissen, das Ingenieur Jörg Walther, der nach eigenen Angaben die Fotografie sehr technisch angeht, in anwendbarer Form vorstellt.

Hierauf bezieht sich denn auch meine Hauptkritik an dem Buch – neben all den Informationen über die ideale Ausrüstung, den besten Standort und die spannendsten Zeitabläufe jeder Sportart kommen Tipps und Tricks zur Bildgestaltung, zu Komposition und Dramaturgie deutlich zu kurz: Diese Eigenschaften jenseits des technisch korrekten Bildes vom richtigen Ort und dem richtigen Motiv stecken in jedem einzelnen der zahlreichen Bilder von Laci Perényi – aber die Ausführungen, warum dieses Bild besonders gut wirkt und wie man ähnliche Effekte wie in jenem jenseits von stimmiger Schärfentiefe und passender Belichtungszeit schafft, sind nur vereinzelt in den Bildlegenden und sehr knapp zu finden.

Faszination Sportfotografie: Themen wie Bildkomposition werden allzu knapp behandelt.

Faszination Sportfotografie: Themen wie Bildkomposition werden allzu knapp behandelt.

So wird an einer Stelle deutlich darauf verwiesen, dass die Anstrengung des Kraul-Schwimmers durch die Bildneigung verdeutlicht wird, in dem er “aufwärts” schwimmt – das sind die kleinen, aber immens wichtigen Hinweise des erfahrenen Profis und mehrfachen Preisträgers Laci Perényi, von denen das Buch weitaus mehr als die knappen 20 Seiten auch dichter ind en Sportarten-Artikeln vertragen würde. Immerhin heisst der Untertitel des Buchs “Wie sie Sportfotos machen, über die man spricht”.

Darin steckt ein hoher Anspruch, den “Faszination Sportfotografie” so nicht einlösen kann: Das Buch ist eine solide Grundlage für den Einstieg in die Sportfotografie, aber es warnt bereits im ersten Kapitel ausdrücklich – erstens davor, zu glauben, mit einer mittelmässigen Ausrüstung grossartige Sportfotos machen zu können, und zweitens, auf eine schnelle Laufbahn als Profisportfotograf zu hoffen: Sportfotografen seien meist ausgebildete Fotografen mit Studium und langjähriger Erfahrung. Ich finde diesen Hinweis mehr als angebracht.

Nur frage ich mich dann, warum das Buch nicht konsequenter auf anspruchsvolle Amateur-Sportfotografie konzentriert und mehr Betonung auf den Spass an der Sache legt, vielleicht auch garniert mit praktischen Anekdoten aus dem Schaffen von Larci Perényi. Das Expertenwissen aus der Profiwelt könnte dabei in einen ebenso informativen wie spannenden Kontrast zu den Gegeben- und Gelegenheiten des Amateurs gestellt werden.

Sportfotografie: Zuschauer per Nachbearbeitung ausblenden - Tabu bei Agenturen.

Sportfotografie: Zuschauer per Nachbearbeitung ausblenden - Tabu bei Agenturen.

Diese Momente blitzen in “Faszination Sportfotografie” manchmal auf, etwa im Beispiel, dass ferngesteuerte Kameras hinter den Toren der Fussball-Bundesliga Profi-Standard sind, während solche Kameras in tieferen Ligen eine hohe Risikobereitschaft des Fotografen voraussetzen…

Und dann würden wohl mehr als die technischen Kniffe zum Weissabgleich, die man in fast jedem Kapitel findet und auch sonst überall nachlesen kann, die Inspirationen des Profis und seine Ideen, seine kompositorischen Erkenntnisse interessieren. Im Text und nicht nur in den kleingedruckten Bildlegenden.

Interessant fand ich indes praktische Hinweise, die jedem Anfänger dienen wie der, bei Radsportarten am Streckenrand aus Rücksicht auf die Fahrer auf Aufhellblitze zu verzichten – oder beim Turmspringen ab dem 3-Meter-Brett mit der Erlaubnis eines Ordners zu versuchen, die Perspektive vom 10-Meter-Turm zu erhaschen.

Davon würde ich mir als Sportmuffel mehr wünschen, während mir die Hinweise zum Bildverkauf und zur schnellen Arbeit für die Tageszeitung mit Informatikmitteln nichts bringen – und nach dem Hinweis, dass der Weg zum Profi ein langer ist, ohnehin mehr wie Material für ein nächstes Buch für Fortgeschrittene anmuten.

'Wunschbilder der Redaktionen': Für Anfänger eher überflüssige Scheuklappen

'Wunschbilder der Redaktionen': Für Anfänger eher überflüssige Scheuklappen

Geradezu ärgerlich finde ich in diesem Zusammenhang die Rubrik “Wunschbilder der Redaktionen”, die jeder Sportart angefügt ist. Das sind Anweisungen zum gut verkäuflichen Mainstream und nicht zu einem Bild, “über das man spricht” – die Beispiele der Top-Fotos von Top-Fotografen im Buch (inklusive Kurzporträt der Fotografen) machen das nur zu deutlich, indem sie fast ausnahmslos die Regeln und den Mainstream hinter sich lassen.

“Faszination Sportfotografie” ist ein Sach- und Praxis-Buch

und kein Fotobuch, wie ich sie üblicherweise in Buchhandlungen durchblättere – darauf deutet auch schon das Data-Becker-Typische Cover hin, das aussieht wie die Verpackung einer Bildverarbeitungssoftware. Aber wer auf der Suche nach einem sehr konkreten, umsetzbaren Leitfaden für den Einstieg in dieses Genre ist, wird gut bedient, indem es ihm neben zahllosen, zumeist technischen oder organisatorischen Tipps einen Überblick über die verschiedensten Sportarten und ihren fotografischen Reiz liefert. Das hilft, die Veranstaltungen für die ersten Gehversuche auszuwählen und sich vernünftig vorzubereiten. Die Unmenge an herausragenden Beispielen und faszinierenden Fotos von Larci Perényi machen zusätzlich Lust, es selber zu versuchen. Längere Kommentare und Analysen seiner Werke, Ausführungen zu Komposition und Ästhetik sind der Teil, der mir in “Faszination Sportfotografie” deutlich zu kurz kommt.

“Faszination Sportfotografie. Wie sie Sportfotos machen, über die man spricht” (Affiliate-Link) – Laci Perényi (Fotos) und Jörg Walther (Text). Data Becker, Digital ProLine, ISBN 978-3-8158-2688-1, 320 Seiten, Hardcover, knapp 40 Euro.

 

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  1. [...] unterscheiden.Aber es ist gut zu wissen, dass es die Funktion gibt, mit der man beispielsweise gestochen scharfe Sportaufnahmen oder auch Action-Shots von den Kindern oder dem Hund machen kann, die zuvor in aller Ruhe [...]

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