Sprungturm-Stillleben:
Mystische Betonklötze

Fotografische Wunderwelten zu erschaffen verlangt bisweilen kaum mehr als ein gutes Auge – und das Geschick, die richtigen Elemente im Bild zu verstärken.

Kommentar des Fotografen:

Das Bild entstand im Rahmen einer Reihe vergangenen Winter. Thema: “Bodensee im Winter”. Aufgenommen wurde es im Strandbad Arbon. Zu sehen ist ein Sprungturm. Fasziniert hat mich dieser grobschlächtige Betonquader aus den Fünfzigern, der mich an die Ueberreste der Normandie Landung im 2. Weltkrieg erinnerte. Um die Spiegelung einzufangen, habe ich mich für eine Langzeitbelichtung entschieden. Nachträglich manueller Weissabgleich und vignettiert. (Ueber die Vignettierung “stolpere” ich bei jeder neuen Betrachtung…) Graufilter mit 8 Blendenstufen.

Peter Sennhauser meint zum Bild von Ralf Augustin:

Es gibt Fotos, die aufgrund ihrer grafischen Wirkung funktionieren. Es gibt Fotos, die emotional bewegen. Und es gibt Fotos, die dem Geist Spielraum für lange Entdeckungsreisen liefern. Wenn all diese Eigenschaften in einem Bild vereint werden, entsteht etwas Ausserordentliches.

Ich meine, dazu gehört diese “Landschaftsfotografie”. Diese Aufnahme hat so viele Schichten und Ebenen und ist zugleich dermassen einfach und ruhig, dass mir kein vergleichbares Bild einfällt, das mich ähnlich fasziniert.

Du hast versucht, den Winter am Bodensee fotografisch einzufangen, und dabei ist Dir dieser Sprungturm aufgefallen. Das Bild im Quadratschnitt zeigt in einer nebligen, watteweichen Landschaft, die kein anderes Zeichen von Zivilisation aufweist, eine Betonstruktur mit Handläufen und Leiter, die zunächst wie eine Industrieruine wirkt. Das eigenartige Gebilde zieht die Blicke an, weil sich sein Zweck zunächst nicht erschliessen will. Zugleich aber bietet es durch die in Lagen den Beton hochlaufenden diversen Farbtöne, die Treppenstrukturen, die Leiter mit dem geschwungenen Abschluss, dem Brett, das offenbar verhindern soll, dass jemand hochklettert, und zuletzt dem Sprungverbotsschild als Krönung eine Fülle von Dingen, die der Blick erkunden kann.

Als Rahmen schaffen die unheimlich sanften Verläufe von Pastellfarben im Himmel und die beinahe unendlich wirkende Spiegelung in der Fläche, die Eis, Wasser oder auch sonst etwas sein könnte eine Stimmung, die irgendwie ausserirdisch wirkt. Das Objekt erhält dadurch eine zusätzliche Rätselhaftigkeit und einen phantastischen Spielraum, den Du zu guter Letzt mit der Vignettierung in einem leichten Tunnelblick konzentrierst und damit dem ganzen eine visuelle Opulenz wie in der Eingangssequenz zu einem Science-Fiction Film verleihst.

Natürlich gibt es eine pragmatische Erklärung, was das hier ist, aber die brauchen wir nicht, so wenig wie wir eine Gebrauchsanleitung für die Maschinen von Jean Tinguely oder Dennis Oppenheim brauchen, dessen “Sammelstelle zur Festnahme und Sichtbegrenzung radioaktiver Pferde” mich im Basler Wenkenpark 1980 zutiefst beeindruckt hat. Ich war 14 Jahre alt, und mein Vater spazierte mit mir durch die Sammlung teils absurder Kunstwerke und erklärte mir, dass Kunst manchmal einfach nur Spielzeug des Geistes sein wolle, aber manchmal auch Türen in eine andere Dimension öffne, und einem vermeintlich bekannte Dinge so zeige, wie sie vielleicht auch sein könnten.

Diese Aufnahme ist für mich so eine Türe. Sie zeigt keinen Sprungturm, sie zeigt etwas, was für jeden Betrachter eine andere Bedeutung erhalten kann, sie lässt Interpretationen und Träume jeglicher Art zu, nein, sie lädt dazu ein.

Diese Wirkung ist kein Zufall; sie ist nicht grundlegend mit dem Sprungturm verknüpft, der, anders fotografiert, vielleicht völlig langweilig oder uninteressant wirken würde.

Hier fallen aber sehr viele Dinge zusammen, die ein perfektes Ganzes ausmachen. Die Langzeitbelichtung zunächst, die das Wasser zu einer undefinierbaren, aber rätselhaft spiegelnden Oberfläche macht; der Umstand, dass ausser dem Turm keine weiteren Zivilisationspuren zu sehen sind; der weiche, aber noch ein bisschen wolkige Zeichnung aufweisende Himmel und die malvenfarbene Abendstimmung darunter, das ferne Ufer mit andeutungsweise schneebedeckten Hügeln, der Schnee auf den Treppenstufen des Turms, der dem Betongebilde zu seinen ohnehin spannenden Farbverläufen noch eine Struktur verleiht. Selbst die Vignettierung, auch wenn sie vielleicht ein Quäntchen zu stark ausgefallen ist, passt ins Konzept, ebenso wie der Quadratschnitt – der eine Zentrierung des Horizonts in der Bildmitte zur Konsequenz macht, wobei das eigentliche Motiv nur in der rechten Bildhälfte steht und mit sanfter Fluchtpunktperspektive in die Entfernung jenseits des Bildrands weist.

Ausser der Vignettierung wüsste ich nicht nur nichts, was ich anders gemacht hätte, sondern ich frage mich vielmehr, ob ich diese Aufnahme hingekriegt, sprich gesehen hätte. Und ich würde gerne die andern Bilder der Serie sehen.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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1 Kommentar

  1. dierk
    schrieb am 9. August 2009 um 17:09 Uhr (#)

    Hi Ralf,
    der Bildbesprechung kann ich vollkommen zustimmen!! Ich finde das Bild super :-)
    Die Vignetierung (vielleicht etwas weniger) halte ich für sehr wichtig, ohne sieht das Bild sicher sehr flach und langweilig aus.
    Da ich meine Landschaften fast nur in S/W mache, kann ich mir dieses Bild auch sehr gut in S/W vorstellen (in der Art wie dein Rietli sw Bild)
    viele Grüsse
    dierk

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