Nachtfotografie:
Den Mond zur Sonne gemacht

Peter Sennhauser, 7. August 2009 12:01 Uhr, 2 Kommentare Kommentare

Nachts zu fotografieren ist dank Digitalkameras noch aufregender geworden: Die Belichtung gelingt eigentlich immer. Tatsächlich ist die Gefahr der Überbelichtung am grössten.

Na gut, ich gebs zu: Ich bin mondsüchtig. Das hier wird ein weiteres Mondfoto-Posting, jedenfalls teilweise – Mondhasser, bitte nicht gleich wegklicken, es gibt noch ein paar andere Bilder, die ihr gerne kommentieren könnt.

Ich konnts nicht lassen und habe, obwohl der beste Zeitpunkt bereits vorbei war, in Google Earth nach attraktiven Standpunkten für Mondbilder in der Stadt gesucht. Das Verfahren mit dem Linien-Werkzeug in Google Earth habe ich bereits beschrieben.

Diesmal bin ich zusätzlich am Mittag schnell an den virtuell entdeckten Standort gefahren, um zu prüfen, ob das Ziel – Coit Tower in San Francisco – auch wirklich sichtbar ist. Der Standort, Fort Mason, hat ein paar Grünflächen, auf denen ich hoffte, mich nach dem Mond verschieben zu können. Das hätte geklappt, aber leider verdecken Bäume die Sicht auf Coit Tower. Vom Dach auf einem der beiden Appartement-Türme gleich vor meiner Nase hingegen müsste die Sicht genial sein – also bin ich hingefahren und habe mir vom Doorman die erwartete Auskunft geben lassen, dass niemand, nicht mal die Mieter, aufs Dach dürfe. Sicherheit, Haftpflicht, Terrorismus – blah.

Für den nächsten Vollmond suche ich mir einen Bewohner des Turms, der mich gegen einen Abzug des Bildes von seinem Balkon aus fotografieren lässt… (ehrlich: Sowas sollte man viel öfter probieren. Die wirklich tollen Standorte für spannende Bilder liegen nun mal meist auf Privatgelände. Aber man kann ja fragen!)

Ich hab mich schliesslich entschlossen, auf Nummer sicher zu gehen und einen Standort am Wasser zu suchen – die Piers in San Francisco sind zwar grösstenteils privat und in Bürogebäude umgemodelt, aber einige lassen Passanten bis ganz ans Ende hinaus spazieren – jedenfalls ist das am Pier 1 gleich neben dem Fährenterminal so, und durch den lief die 104-Grad-Linie, wenn ich sie auf den mittleren Pfeiler der Bay Bridge ausrichtete.

Diese Brücke ist auf ihrer Westseite gegen San Francisco (sie verläuft durch eine kleine Insel in der Bucht nach Oakland im Osten) mindestens so attraktiv wie die Golden Gate Brücke weiter im Westen.

Und sie ist teilweise beleuchtet, ich dachte mir also, dass es auch zu einem guten Bild reichen müsste, wenn der Mond zu spät aufgeht: Das Problem ist ja der Kontrastumfang, sprich die Tatsache, dass der Mond so hell ist wie ein Felsklotz in praller Sonne (was er eben auch ist), während die Nacht drumherum stockdunkel ist. Ein beleuchteter Vordergrund aber kann den Kontrastumfang allenfalls soweit mindern, dass auch über die Dämmerung hinaus spannende Bilder möglich sind.

Soweit die Theorie. Als ich am Pier 1 ankam um 20.30 Uhr, ging der Mond grade blutrot und ziemlich genau an der erwarteten Stelle hinter dem Brückenpfeiler auf. Ziemlich genau ist dabei relativ: Ein paar Grad mehr oder weniger machen nämlich eine ganze Welt aus – der Bildwinkel der Kamera umfasst bei einer Brennweite von 400mm grade noch 5 Grad. Für die grösste Telebrennweite muss der Mond also fast genau auf einer Linie hinter dem Motiv liegen, sonst lässt er sich bereits nicht mehr ins Bild bringen. Wenn das nicht so ist, kann man den eigenen Standort verschieben – was leider nur dann geht, wenn man nicht schon am Ende eines Piers steht.

Die leichte Bewölkung und der Smog halfen für einige leidliche Bilder, weil der Mond trotz letztem Dämmerlicht noch nicht mit voller Kraft durchschien. Wenige Minuten später allerdings war die Geschichte gelaufen – die Brücke ist nicht hell genug, um es mit einem prallen Vollmond in absoluter Dunkelheit aufnehmen zu können.

Was nicht heisst, dass es nicht spannende Mondbilder mit ausgefressenem Mond geben kann. Ich habe nach den Tele-Fotos das lichtstarke 30mm-Sigma montiert und oben stehende Langzeitbelichtungen gemacht, in denen der Mond zur Sonne wird – in seiner Leuchtkraft wenigstens. Das ist eine faszinierende Eigenschaft der Digitalen Kameras: Dank ihrer anpassbaren Empfindlichkeit kann mit Langzeitaufnahmen die Nacht zum Tag gemacht werden. Das geht sogar fast besser als ein “richtiges” Nachtbild, das dem menschlichen Empfinden nahe kommt: Bei der Flächen-Matrixmessung mit Automat belichten die Kameras tatsächlich so, dass ein Bild von der durchschnittlichen Helligkeit einer Tagesaufnahme entsteht. Ohne Belichtungskorrektur oder manuelle Einstellungen werden also Nachtaufnahmen grundsätzlich überbelichtet.

In meinen Bildern machte das den Mond zur Sonne und die Bucht zur glitzernden Fläche – bis ich manuell die Belichtungszeit zweimal halbierte.

Nachdem der Mond nichts mehr hergab, habe ich mich zuerst ein bisschen mit der Skyline von San Francisco beschäftigt, wobei dieses eine Bild entstand, das mir ganz gut gefällt.

Pier 1, San Francisco
Fotostrecke starten: Klick auf ein Bild (11 Bilder)

Und dann hat mich die Spiellust gepackt, als auch auf dem dunklen Pier zurückspaziert bin an den Embarcadero – die leeren Büros im Innern des Gebäudes, Sitzungszimmer, Cubicles, Empfangspulte – ergaben zusammen mit den Spiegelungen der Skyline in den Glasscheiben einige verwirrend-gespenstische Motive. Verwaiste Büros nach Feierabend – Idee für eine Serie.

Überhaupt hat der kleine Ausflug mir einmal mehr gezeigt, dass es sich lohnt, auch mal im Dunkeln mit der Kamera (und einem lichtstarken Objektiv) loszuziehen. Der Effekt ist ein ähnlicher wie bei Regen, in einer fremden Stadt oder eben auch in einer exotischen Kultur: Es gibt nicht mehr Motive als in unserem grausten Alltag – aber sie fallen uns viel mehr auf.

Als Training fürs Sehen ist deshalb eine Fotonacht sehr hilfreich. Nur müsste man danach das Sehen auch am Tag anwenden können.

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2 Kommentare

  1. martin
    schrieb am 10. August 2009 um 18:31 Uhr (#)

    einmal mehr: faszinierende bilder! da freue ich mich gleich schon auf den nächsten vollmond (bei dem es ja wohl hoffentlich wieder einen artikel über deine versuche geben wird?).

    mir persönlich gefallen die fotos wirklich gut und ich muss beim nächsten vollmond wohl wirklich auch ganz bewusst einmal einen standort suchen gehen und dabei ein wenig herumspielen.. wenn man doch nur mehr zeit hätte, bevor es jeweils schon wieder zu dunkel wird!

    die fotos danach, speziell das vom ferry building, sind wirklich auch sehr gelungen! vielleicht machst du ja wirklich bald einmal einen nächtlichen streifzug durch frisco und berichtest uns von deinen erfahrungen? würde mich interessieren!

  2. Anonym
    schrieb am 12. August 2009 um 18:29 Uhr (#)

    finde die photos klasse, nur das eine vom mond, der von der GGB getrennt wird kommt nicht so gut hervor, weil es einfach zu dunkel ist! Ansonsten Big Respect und Ramble on! =)

    [Edit: Name und Link geändert, bitte Kommentarregeln beachten.]

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