Menschlicher Punkt:
Architektur mit i-Tüpfelchen

Am leichtesten fällt es Menschen, sich mit anderen Menschen zu identifizieren. Diesen Umstand können Architekturfotografen ausnutzen, um ihre ansonsten meist „unbelebten“ Bilder mit Emotionen aufzuladen.

Leserfoto: Klick für Vollansicht und Kameradaten (© Ronny Ritschel).

Kommentar des Fotografen:

Die Aufnahme (La Défense – study) entstand im Mai 2009 in Paris, genauer gesagt in dem berühmten Finanzdistrikt La Défense. Es ist ein beliebter Treffpunkt für alle Liebhaber der Archtikturfotografie. Ich wanderte also durch La Défense um mein Fotomotiv für diesen Tag zu finden. Als ich durch diese Hochhausschluchten ging, sprang mir plötzlich dieses Motiv ins Auge. Ich überlegte, wie ich es am Besten festhalten konnte und so kam diese Aufnahme zustande. Alles an diesem Bild fasziniert mich. Die Spiegelung der Wolken in der Fassade, Die Wolken an sich und natürlich das i-Tüpfelchen – Die Fensterputzer. Was für ein Anblick muss sich denen wohl da oben ergeben haben.

Profi Robert Kneschke meint zum Bild von Ronny Ritschel:

Das ist eine Aufnahme, bei der einem leicht schwindelig werden kann. Schwarz-Weiß-Fotos leben von der sorgfältigen Verteilung der verschiedenen Grautöne im Bild, von ganz weiß bis ganz schwarz:

Diese Aufteilung ist hier unter anderem durch die Spiegelung gut gelöst worden.

Architekturaufnahmen wirken leicht sehr kühl und steril, leblos eben, da die Menschen im Bild fehlen. Wer aber Menschen – wie hier den Fensterputzer – ins Architekturfoto integriert, gewinnt seinem Bild gleich eine weitere Dimension ab: Die des Größenvergleichs. Ohne den einsamen Mann da an der Scheibe wüssten wir zwar irgendwie, dass das Gebäude hoch ist. Aber erst der Anblick des Mannes außen macht uns bewußt, dass uns sicher auch etwas mulmig werden würde, wenn wir an seiner Stelle wären.

So erzeugt ein gutes Foto beim Betrachter nicht zur optische Reize, sondern teilweise auch andere körperliche Gefühle wie z.B. Magenkribbeln.

Gut gelungen finde ich auch den abnehmenden S/W-Kontrast zwischen Wolken und Himmel von oben nach unten. Oben sitzt die reinweiße zerzauselte Wolke vor fast reinem Schwarz, darunter läuft alles mehr ins Graue aus.

Die klaren Wolkenstrukturen werden durch die Hochhausfassade noch mal gespiegelt und durch die vielen Glasfenster abstrahierend in Einzelteile zerlegt. Der schwarze Fleck – der Fensterputzer – zieht dort noch mal die ganze Aufmerksamkeit auf sich. Und die hat er sich als i-Tüpfelchen wirklich verdient.

Versuchen wir, uns das Foto ohne ihn vorzustellen: Auf mich wirkt es dann langweilig. Der Mensch bringt jedoch Emotionen ins Spiel und Leben in das Architekturfoto.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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3 Antworten
  1. Ronny says:

    Vielen Dank für die positive Bildkritik. Allerdings würde ich nicht unbedingt sagen, dass diese Aufnahme ohne die Fensterputzer langweilig wirkt.

    Viele Dank
    Gruß
    Ronny

    Antworten

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  1. […] Architektur gehört nicht zu meinen beliebtesten fotografischen Sujets. Oft empfinde ich Architekturfotos als langweilig und steril. Manchmal schaffen es aber auch Architekturfotografen, mich eines Besseren zu belehren. […]

  2. […] zu einer stärkeren Wirkung verhelfen würde, da es bei solchen Landschaftsaufnahmen immer gut ist, einen Orientierungspunkt für die Größenverhältnisse zu […]

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