Abendrot in HDR:
Nicht alles ist ein Vordergrund

Landschaftsfotografie kann durchaus mit zivilisatorischen Objekten arbeiten. Aber sie sollten den Haupteindruck des Bildes unterstützen.

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© David Kaplan).

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© David Kaplan).

Kommentar des Fotografen:

Ein perfekter Sommerabend. Die Badegäste am Haslisee sind bereits nach Hause gegangen. Auch die Sonne verabschiedet sich. Nur wenige Sekunden bleibt das perfekte Licht, um die idyllische Stimmung an diesem kleinen See zu erhalten. Der Linien des Stegs führen direkt in die liquide, sonnengefärbte Welt des Wassers. Das Bild entstand aus 3 Belichtungen mit je 2 Blendenstufen dazwischen. Der Hohe Kontrastumfang dieser Szenerie kam nur als leichtes HDR richtig zur Geltung. Durch die Bearbeitung hat das Bild natürlich auch die EXIFs verloren.

Peter Sennhauser meint zum Bild von David Kaplan:

Ein Bilderbuch-Sonnenuntergang am Schilfteich, aufwändig mit HDR zur Farbenpracht entwickelt und mit einer Spiegelungs-Symmetrie im Goldenen Schnitt komponiert. Das ist die Hälfte einer gelungenen Landschaftsaufnahme, zur richtigen Zeit und mit den harmonisch ungleichen Verhältnissen von Himmel und Erde komponiert.

Die andere Hälfte wäre ein passender Vorder- und Mittelgrund. Und hier steht dieses Bild auf einem falschen Konzept.

Du sagst, dass der Schwimmsteg im Vordergrund die Blicke ins Wasser führt. Das ist richtig – aber dort waren die Blicke ohnehin schon, respektive etwas rechts davon, wo die Sonne schön im Goldenen Schnitt ihren Abschied nimmt. Der Steg dagegen liegt hier im Bildvordergrund wie eine Mauer, über die wir mit dem Blick klettern müssen und die uns auch noch die freie Sicht auf das nahe Wasser und einen interessanten Vordergrund verwehrt; ich kann nicht umhin, ihn mir ständig wegzuwünschen.

Wenn Du mit der Geliebten an diesem Weiher den Sonnenuntergang mit einem Picknick geniessen würdest – wo würdet Ihr dann sitzen? Hier hinten auf dem Steg, der den Blick verdeckt, nichts zur Naturschönheit beiträgt und vielmehr mit seinen langweiligen, vollkommen symmetrisch in der Blickrichtung verlaufenden Bretterlinien das feine Muster der Schilfhalme verdeckt? Oder vorne auf dem Quader, mit freier Aussicht über den Weiher, wo vielleicht ein Fisch springt oder sich gar unter der Spiegelung, ganz im Vordergrund, der Boden des Tümpels als zweite Welt eröffnet?

Es ist keineswegs abwegig, auch in einem Landschaftsbild Zeichen der Zivilisation als Elemente der Komposition einzusetzen – Ansel Adams hat es mit Farmen in der Landschaft gemacht, beliebt sind Holzzäune, Windräder, Parkbänke oder durchaus auch Schwimmstege am Wasser.

Aber: Es gibt eigentlich nur zwei Arten, wie mit solchen Komponenten ein “funktionierendes” Bild entsteht. Entweder, sie fungieren nebenbei als Kontrast mit Begleitwirkung und unterstreichen sanft die chaotische-organische Schönheit der Natur, ohne sich dem Betrachter aufzudrängen. Oder sie werden zum eigentlichen Motiv, und die Landschaft ist die Bühne, auf der sie als Fremdkörper, als Liniensammlung oder sonstwie interessantes Motiv ihre Wirkung entfalten.

An diesem Steg hier ist nichts interessant; er führt mit einer brutalen Symmetrie in ein ansonsten harmonisch komponiertes Bild, ohne dass seine Linien in einer wirklichen Beziehung zu denen der Hauptkomposition stehen; er verdeckt das, was ich eigentlich sehen will und dient nicht als anregender Vordergrund, der mich in die Tiefe geleitet – er ist mir ganz einfach im Weg.

Ich glaube, es wäre etwas anderes, wenn er nicht so geometrisch genau in der Bildmitte läge, wenn er nicht so dominant den ganzen Vordergrund und einen Grossteil der Wasserfläche verdecken würde, wenn er eine interessante Oberfläche, Löcher, Struktur oder sonstwas bieten würde. Aber die Kombination aus wohltemperierter Landschaft und symmetrisch-steril verlaufenden Linien, die auch noch genau in die Bildecken zeigen, das klappt so nicht.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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17 Kommentare

  1. Vielen Dank für diese konstruktive Kritik. Ich habe mir selber viel Gedanken gemacht über das Bild, habe es auch vielen anderen Leuten gezeigt und alle fanden es toll. Da ich selber erst seit einem knappen halben Jahr wieder mit dem fotografieren angefangen habe, war ich ein wenig skeptisch ob dieser fast nur positiven Kritik. Um nun zu erfahren, was man an dem Bild verbessern könnte, wollte ich die unverblümte Meinung eines richtigen Profis hören. Und nun bin ich total überrascht! Ich wollte diesen Steg! Ich wollte ihn unbedingt auf dem Bild haben, damit die Linien den Betrachter ins Bild führen. Dass er dabei aber den spannendsten Teil des Bildes verdeckt, daran habe ich nicht gedacht. Nachdem ich Ihre Kritik gelesen habe, fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Der Steg ist tatsächlich das störende Element in diesem Bild. Danke, dass Sie es mir vor Augen geführt haben!

  2. Störendes Element? Ich hör’ wohl nicht richtig. Ich finde, gerade dieser Steg macht den entscheidenen Unterschied zu tausend anderen Sonnenuntergangsbildern. Mag ja sein, dass die Kritik prinzipiell fundiert, theoretisch richtig und generell sicher auch hilfreich ist, aber man kann auch Dinge zu Tode analysieren. Ich jedenfalls finde das Bild so, wie es ist, einfach grandios (außer, dass ich es wahrscheinlich oben etwas beschneiden würde). Und nein, ich habe keine akademische Begründung dafür, könnte mir aber vorstellen, dass es möglicherweise gerade „die Kombination aus wohltemperierter Landschaft und symmetrisch-steril verlaufenden Linien“ ist, die das Bild für mich so interessant macht.

  3. Diese Kritik bestätigt mich wieder einmal in der Erkenntnis, daß Profis noch lange keine Künstler sind. Gerade der Kontrast zwischen den geraden Linien des künstlich angelegten Steges und den natürlich gewachsenen Formen der Natur bringt erst Spannung in das Bild. Trotzdem entsteht kein Konflikt, da der Steg aus Holz gefertigt und einen sehr robusten, vertrauenserweckenden Eindruck macht. Er vermittelt einen Eindruck von Zuverlässigkeit ohne Anspruch auf die Ewigkeit. Aber auf jeden Fall wird er lange genug halten, daß man von hier auf eine Reise in dahinterliegende Traumwelt gehen und wieder hierher zurück kommen kann. Der Steg ist die eigentlich Einladung im Bild. Man will dort sitzen und träumen und in dem Moment wo man sich das vorstellt, fängt der Traum auch schon an.

  4. Der Kritiker hat m.E. in sehr vielen Punkten recht.
    Der Steg im Vordergrund ist klobig. Er ist in seiner hammerartigen Bauform und totalen Symmetrie keine Schönheit. Er verdeckt zudem viel vom Bild – keine Frage. Aber denken wir ihn doch – wie angeregt – einfach mal weg! Was bleibt dann? Ein sehr dominanter Himmel, der sich in einer ebenso dominanten Wasserfläche spiegelt und den eigentlich interessanten, filigranen Horizont von oben und unten “zusammenquetscht”. Dieser würde zu einem schmalen, schwärzlichen Streifen mit einem Klecks Abendrot verkümmern. So wie er ist, bildet der (immerhin noch schmeichelhaft abgelichtete) Steg einen heftigen Kontrast zum Rest der Landschaft. Er verdrängt den Himmel bei der ersten Wahnehmung auf Platz zwei und macht das Bild damit (zumindest für mich) interessanter, weil ich solche dramatischen Wolken schon tausendmal auf anderen Fotos gesehen habe. Zur Wirkung des Steges trägt auch seine – verglichen mit gängigen Klischees – ungewohnte Breite bei. In der Phantasie erscheint der Bug eines Floßes, das über den See treibt, direkt in den Sonnenuntergang hinein. Was mir besonders gut gefällt, sind die diagonal abgebildeten Seitenkanten des “Hammerkopfes”. Sie sind es, die den Blick führen. Ihre Anordnung gibt dem Bild Tiefe und läßt zugleich die Uferlinie an den Seiten breiter wirken. Und sie sind eine ungewohnte “Seherfahrung”, daher auch ein interessantes Bildelement. Die Wucht des Stegs unterstreicht außerdem das Filigrane des Schilfes und der Bäume im Hintergrund, wozu der Himmel allein nicht in der Lage wäre, weil er sich ebenfalls in kleinteiligen Mustern “verzettelt”. Vielleicht hätte ein nicht ganz so wuchtiger Steg den Kritiker milder gestimmt und die Komposition perfektioniert (also nächstes Mal besser die Axt mitnehmen ;-)) Ich für meinen Teil könnte mit dem “Makel” ganz gut leben daß das Bild vielleicht etwas unausgewogen, aber jedenfalls nicht langweilig und “gewöhnlich” ist.

  5. Danke recipient und Sascha. Man könnte an dem Bild sicher was kritisieren: warum waren da so viele unsymmetrische Wolken, warum folgt die Spiegelung der Sonne nicht dem Blick zur Mitte. Das ist aber keine Photoshop Komposition, sondern eine Fotografie. Und den Steg hätte ich bestimmt nicht weggelassen.

  6. hallo david

    das lob deiner freunde und bekannte ist sicherlich berechtigt. das bild transportiert für mich nämlich ziemlich gut die abendliche stimmung auf dem steg am see. und das sehe ich als einen der wichtigsten aspekte der fotografie. allerdings ist das nur eine meinung.

    und die meinung von peter kann ich durchaus auch nachvollziehen. was du dabei allerdings bedenken solltest ist, dass meiner meinung nach, für dich kaum eine andere möglichkeit bestand das panorama anders zu komponieren, als auf die weise, wie du es getan hast. und in diesem fall ist meine persönliche meinung: “lieber ein bild, als kein bild”

    nochmal von meiner seite lob für die vollbrachte arbeit. sowohl vor ort als auch in der digitalen dunkelkammer. um diese thematik der sonnenuntergänge am see zu vertiefen, böte sich nun eine projektarbeit an. such dir weitere interessante orte an seen und komponiere fleissig weiter. übung macht den “super-fotografen” ;D.

    lg .. andi

  7. @recipient: Regelverstösse und objektive Argumentation gegen einen Bildaufbau können – und sollen – nicht verhindern, dass eine Aufnahme einem individuellen Geschmack entspricht. Es geht hier auch nicht darum, etwas zu Tode zu analysieren, sondern die Grundregeln von Bildaufbau, Technik und -Komposition zu besprechen. Diese Regeln sind allerdings kein abstraktes System, sondern basieren auf dem erforschten Harmonieempfinden, belegt in Beobachtungen aus der Kunstgeschichte und Erfahrung.

    @Sascha: Ich sags immer wieder, auch hier und im Absatz obendran: wir machen hier keine Kunstkritik, das können wir schon gar nicht an einem einzigen Bild; wir machen Kunsthandwerk-Kritik, und die basiert auf den grundlegenden Regeln. Es steht jedem Künstler frei, sie zu brechen, und wenn es dem Bild hilft, ist das künstlerische wertvoll, wird aber in den seltensten Fällen zu einer Anpassung der Ästhetikregeln führen, denn die Kunst besteht im bewussten, gezielten und funktionierenden, will heissen begründbaren, nachvollziehbaren und emotional verständlichen Regelbruch. Ob der Steg aus Holz oder Beton besteht, ist dabei wohl einerlei – um dem Bild zu dienen, müsste er aber zumindest interessant sein, was er nicht ist – und seine Anordnung im Bild mit in die Ecken verlaufenden Linien schafft wohl einen Kontrast, aber nicht einen harmonischen, sondern einen unangenehmen. Das kann durchaus die Absicht des Fotografen sein, und dann wäre das Bild gelungen – ich gehe davon aus, dass es sich aber anders verhält.

    @Johannes: ich sage nirgendwo, man soll sich den Steg wegdenken oder ihn gar weglassen. Im Gegenteil: Das ist eine Landschaftsaufnahme, und die Basis guter (wirksamer) Landschaftsfotografie ist die Tiefe im Bild, hervorgerufen durch Schichtung in Vorder-, Mittel- und Hintergrund. Dieses Bild braucht unbedingt einen Vordergrund. Aber der Steg ist, vor allem symmetrisch inszeniert, die wahrscheinlich unglücklichste Variante. Symmetrie braucht unbedingt eine einleuchtende Begründung (keine verbale, sondern eine optische), das kann in jedem Kompositions-Theoriebuch nachgelesen und an zahllosen Beispielen nachvollzogen werden und ist der Grund dafür, dass verhältnismässig wenige Symmetrie-Bilder und quadratische Schnitte zu finden sind.

    @Hansgerd: Die Leistung der Fotografie und des fotografischen Künstlers besteht in seinem Sehen und der daraus resultierenden Komposition des Bildes. Wäre das nicht so, dann wäre jeder Druck auf den Auslöser ein Kunstwerk.

  8. Nunja, die pedantische Diskussion, wo der Unterschied zwischen “wegdenken” und “wegwünschen” liegt, sollte man sich vielleicht besser sparen. Was mir allerdings bei der ganzen Geschichte auffällt ist, daß es offenkundig doch ein paar Leute gibt welche das Bild interessant finden. Woran liegt das? Wir können uns anhand von David´s Statements sicherlich alle darauf einigen, daß der Fotograf hier ohne künstlerische oder kunsthandwerkliche Ambition rangegangen ist und beim Bildaufbau einfach seinen Instinkt gebraucht hat. Dabei hat er ganz bestimmt keinen unangenehmen Kontrast schaffen wollen (weder bewußt noch unbewußt), sondern – wie er selbst schreibt – ein auffälliges Element, das den Betrachter ins Bild hineinführt bzw. einen “Kontrast mit Begleitwirkung” – um mit Deinen Worten zu sprechen. Nur tut man eben unter Zeitdruck schnell mal ein wenig zuviel des Guten. Stellt sich die Frage, ob der Steg das Bild wirklich unbrauchbar, uninteressant, langweilig, … macht oder ob er einen – sicherlich übertriebenen – Reizpunkt setzt, der die Aufnahme von ähnlich bunten Bravo-Postern mit Sonnenuntergang, Wasserfall, Schimmel u.dgl. im positiven Sinne abhebt. Auf kunsthandwerklich geschulte Augen wirkt der Steg ganz offenkundig unangenehmer als auf ein Rudel Laien. Letzteren reicht die farbliche Einbindung und das natürliche Material Holz, um den Steg als Bildelement im natürlichen Umfeld zu akzeptieren – Dir hingegen nicht, da Du mehr auf die Linienführung achtest. Deine Kritik ist objektiv nachvollziehbar und ganz bestimmt auch fachlich richtig. Meiner Ansicht nach hast Du den Widerspruch nicht durch Deine treffende Bildanalyse unter kunsthandwerklichen Gesichtspunkten ausgelöst, sondern durch den Gebrauch von Vokabeln wie “langweilig” und “nicht interessant”. Das sind dann doch eher subjektive Werturteile, die dementsprechend auf eine ähnlich subjektiv geprägte Ablehnung stießen. Kein Grund zur Abwehrschlacht an allen Fronten, zumal die sowieso nichts daran ändern könnte, daß verschiedene Menschen auch ganz unterschiedlich an ein Bild “herangehen” und manchmal die eigenwilligsten Prioritäten setzen. Du hast die Mehrheit der ästhetisch Geschulten hinter Dir – das muß fürs Erste reichen.

  9. @ Peter: Schon recht, aber man sollte aufpassen, nicht dogmatisch rüberzukommen. Solche Regeln, die es übrigens für alle Bereiche schöpferischer Tätigkeit gibt, sollen im Zweifelsfall helfen, nicht einengen. Es genügt nicht, sie zu kennen, man muss auch wissen, wann man sich davon zu lösen hat. Anders gesagt: Erst kommt die Idee, dann die Regeln.

    Als bekennender Schönwetterfotograf lehne ich mich nur ungern und in aller Vorsicht aus dem Fenster. Aber aus welcher Regel wäre hier abzuleiten, dass der ideale Standort fürs Picknick zwingend auch der ideale fürs Fotgrafieren ist? Ich würde ersteren eher einbeziehen wollen. Und welche Regel besagt, dass an einem Holzsteg per se nichts interessant ist? Ich finde, allein die Tatsache, dass dieser Steg ins Wasser führt, macht ihn sogar äußerst interessant. Außerdem ist es nicht nur „nicht abwegig, auch in einem Landschaftsbild Zeichen der Zivilisation als Elemente der Komposition einzusetzen“, sondern – Ansel hin, Adams her – ganz selbstverständlich. Und die selbstbewusste Schlussformulierung „Das klappt so nicht“ kann ich auch nicht nachvollziehen. Weder in der Form, noch im Inhalt.

    Insofern ziehe ich aus dieser Kritik, im Gegensatz zu vielen anderen, keinerlei Erkenntnisgewinn, da ich sie nicht auf den Gegenstand, das Bild, zu übertragen vermag.

    Im Hinblick auf die Reaktion des Fotografen halte ich sie sogar für fatal. (Wobei ich mir immer noch nicht sicher bin, ob Davids Kommentar nun ernst oder ironisch gemeint war ;-)

    Nichts für ungut.

  10. @ Johannes: Es ging mir nicht um eine pedantische Wortklauberei, sondern um die doch ziemlich wichtige inhaltliche Präzisierung, dass ich mir den Steg zwar weg-, aber zugleich etwas anderes (oder den Steg in anderem Winkel) hinwünsche.

    Es besteht auch kein Zweifel daran, dass das Bild wirkt, denn es ist grundsätzlich von überdurchschnittlicher Qualität. Das wäre ein Grund für die Klassierung der Fotografen bei den Kritiken: Jemand, der wie David ein technisch und in weiten Teilen inhaltlich dermassen hochwertiges Bild schiesst, wird auch mit der Kritik an einem kapitalen Kompositionsfehler umgehen und die richtigen Schlüsse ziehen können. Ein richtig gut fotografierter HDR-Sonnenuntergang wird Laien immer ein Ah- und Oh- entlocken – und einen Galeristen die Schultern zucken lassen. Was die Wortwahl angeht, bin ich grundsätzlich vorsichtig, versuche, nie verletzend und immer respektvoll zu sein; aber eine nutzbare Kritik muss die Dinge beim Namen nennen und nicht drumherum reden. Der Steg ist langweilig, nicht nur, weil er keine Strukturen auf weist, nichts, das sich anzugucken lohnen würde, sondern auch, weil er zusätzlich genau so inszeniert worden ist.

    @ recipient: Offenbar schaffe ich es auch mit Ergänzungen nicht, die Kritik auf den Punkt zu bringen: Das Problem ist nicht, dass der Steg im Bild ist, das Problem ist die Rolle, die ihm in der Komposition zugedacht wird. Er ist zu dominant, er ist zu symmetrisch, seine Linien lenken den Blick an die falsche Stelle im Bild. Symmetrie ist ein Vorschlaghammer-Kompositionselement, das sehr bewusst eingesetzt werden will. Wäre der Steg am linken Bildrand und würden seine Linien zum Sonnenuntergang weisen, dann fünktionierte das noch eher. So aber ist der Form- und Inhaltkontrast zu hoch und das Kontrastelement selber zu wenig interessant.

  11. @Peter: Die Kritiken zu kritisieren und in der Folge durch die Redaktion selber zur Diskussion zu stellen gleicht dem Öffnen der Büchse der Pandora. Vielleicht täusche ich mich, aber ich werde den Eindruck nicht los, dass seit der Initialisierung der Diskussion um die Qualität der Profikritik, vorangetrieben von Profi Dittmann und von ihr an Profi Kneschke abgearbeitet, hier weniger über die Bilder gesprochen wird als vielmehr darüber, was welcher Kritiker grundsätzlich falsch gemacht hat. Ich finde das sehr bedauerlich. Respektive wenig lesenswert. Wir wollen ja nicht, dass es hier bald tönt wie zuhause vor dem Fernseher, wenn ein Fussballspiel läuft und jeder – ausser den Spielern, dem Trainer und dem Schiedsrichter – weiss, wie man es richtig macht.

  12. Also, da kann ich nicht mehr weiterlesen, ohne selbst meinen Senf dazu abzugeben. Ohne den Steg wäre das Bild ein langweiliger Sonnenuntergang. David hat sich dabei was gedacht, als er das Ding mit ins Bild haben wollte. Der Steg ist aber in der Mitte vollständig symetrisch im Vordergrund. Und leer. Peter hat recht, wenn er meint, er stört. Die Frage muß doch sein, wenn er recht hat, wenn der Steg aber drin sein sollte, damit das Foto nicht todlangweilig wird, was braucht´s dann noch, damit er da sein kann? Hätte man vielleicht jemanden draufsetzen sollen, um die Balance wieder herzustellen?

    @Corinne Gebe Dir vollkommen recht, daß Sofie Robert damals recht harsch abgenagt hat – er scheint´s aber ziemlich gut vertragen zu haben; da kann man doch als Leser auch irgendwann weiterziehen. Allerdings war sie da auch noch Leserin, und hat wie Du frei ihre Meinung geäußert.

  13. @ Corinne: Ja, das Profi-Leben könnte so schön sein, wenn man sich nicht dauernd mit Amateuren herumärgern müsste. Wobei: Konsumieren sollen sie natürlich schon – wer sonst? – sich aber doch bitteschön nicht anmaßen, die gebotene Leistung in Frage zu stellen.

    Sorry, aber diesen Wir-hier-oben-ihr-da-unten-Dünkel halte ich für pseudo-elitären Blödsinn. Da ist wohl der Wunsch Vater des Gedankens. Den Kommentaren hier quasi Troll-Qualität zu unterstellen löst bei mir die Frage aus, woraus sich diese Überheblichkeit denn wohl speisen mag. Wirkliche „Profis“ haben mehr zu bieten als den Hinweis auf ihren Status. Wobei ich davon ausgehe, dass die Autoren hier nicht so denken. Ansonsten müssten sie konsequenterweise die Kommentarfunktion abschalten oder am besten sowieso nur noch in Medien ohne Rückkanal publizieren.

    Als Berufskreativer mit einiger Lebens- und Berufserfahrung habe ich großen Respekt vor dem Können und dem Wissen anderer Profis. Ich habe oft genug davon profitiert, so wie auch andere von meinen Fähigkeiten profitiert haben. Im Kleinen wie im Großen. Die Tatsache als solche, dass jemand „Profi“ auf seiner Visitenkarte stehen hat, beindruckt mich allerdings erst mal überhaupt nicht. Es bedeutet lediglich einen gewissen Vertrauensvorschuss, verbunden aber auch mit entsprechend hohen Erwartungen. Was letztlich zählt, ist das Ergebnis. Oder, um einen Ex-Kanzler zu zitieren: Wichtig ist, was hinten rauskommt. Ob es nun ein Foto, ein Gemälde, ein Roman oder eine Kritik ist.

    Auch mir gelingt es nicht in jedem Einzelfall, mein Publikum zu überzeugen. Damit muss und kann ich leben. Sehr gut sogar. Genauso, wie ich mich über positive Rückmeldungen freue, bin ich auch bereit, mich mit negativ kritischen Anmerkungen auseinander zu setzen, sofern sie ernsthaften Charakter haben. Und es kommt duchaus vor, dass ich darin tatsächlich Anhaltspunkte für Verbesserungen entdecke. Unfehlbar ist nur der Papst. Und selbst bei dem kommen gelegentlich Zweifel auf. Auf keinen Fall aber kann ich meine Werke losgelöst von denen bewerten, die sie rezipieren bzw. konsumieren sollen. Das wäre ja absurd.

    Ich jedenfalls werde auch in Zukunft nicht des Kaisers neue Kleider beklatschen, nur weil sie von „Profis“ gemacht sind. Auch auf die Gefahr hin, von selbigen als ihrer Schöpfung unwürdig betrachtet zu werden.

  14. Hallo, Corinne!

    Was ist denn los – hat Dir Peters Schlußwort nicht gefallen?
    Das ist schade! Ich fand es jedenfalls ebenso lesbar wie angemessen und lasse es deshalb ganz einfach mal stehen. Will ja schließlich keinen Weltuntergang heraufbeschwören, auch wenn sich Pandoras Box am Ende wohl doch nur als alte Pralinenschachtel entpuppen würde…
    Bin dann mal weg.

  15. Ehrlich gesagt, ich freue mich über diese Diskussion, und ich finde, sie beschäftigt sich grösstenteils mit dem Bild (oder vielmehr: mit dem Steg).

    Ich habe nicht das geringste Problem damit, dass meine Argumentation in Zweifel gezogen wird und halte es eben grade für die Stärke dieses Mediums, dass sich ein Dialog entwickeln kann und ein Kritiker seine Position verteidigen muss. Die Argumentation “Profi” oder “nicht Profi” finde ich allerdings irrelevant – zumal ich mich selber nicht als Profi bezeichne, weil ich professioneller Journalist und nicht professioneller Fotograf bin (der sich allerdings in den letzten drei Jahren professionell mit Fotografie und Bildkritik auseinandergesetzt und sich darin weitergebildet hat).

    Der Wert der Diskussion entsteht dadurch, dass Details und Argumente ans Tageslicht kommen, die ohne die Kommentare unbesprochen blieben – ich glaube deshalb, dass wir alle viel mehr lernen aus einer Kritik mit Diskussion.

    Hier sind es aus meiner Sicht zwei Punkte: Meine ursprüngliche Argumentation scheint missverständlich in dem Punkt, dass ich den Steg wegwünsche, das Bild aber unbedingt einen Vordergrund braucht. Ausserdem kommt hier zu Tage, dass das Bild durchaus “wirkt”, weil es eben einen romantischen (und “langweiligen”) Sonnenuntergang mit etwas anderem zusammenwirft. Das “funktioniert”, weil aus der technischen Qualität des Bildes zu entnehmen ist, dass es kein Zufall ist und der Betrachter deswegen nach dem Grund oder der verborgenen Auflösung sucht; es funktioniert nach objektiven Gesichtspunkten aber nicht, weil es zwar eine Überraschung, aber nicht länger als zehn Sekunden interessant ist. Das ist das eine, feine Detail, um das es mir letztendlich geht (und damit bin ich wieder in der Argumentation): Eine wirklich gute Fotografie überrascht und / oder fasziniert, auf jeden Fall aber fesselt sie den Betrachter für eine überdurchschnittliche Zeit, führt ihn entlang kompositorischer Handläufe durchs Bild und offenbart dabei auf den ersten Blick unentdeckte Motiveteile und Details oder erzählt eine Geschichte. Diese Tiefe fehlt dem Bild. Und darüber diskutieren wir.

    Bisher haben sich alle Kommentatoren an diesen sachlichen Argumenten orientiert, wir haben einige differenzierte Standpunkte kennengelernt und gesehen, dass man sich dem Bild auch anders nähern kann. Ich denke, das ist doch ein Gewinn für alle Beteiligten, ohne dass am Ende jemand “Recht” oder “Unrecht” haben muss.

  16. „Der Wert der Diskussion entsteht dadurch, dass Details und Argumente ans Tageslicht kommen, die ohne die Kommentare unbesprochen blieben – ich glaube deshalb, dass wir alle viel mehr lernen aus einer Kritik mit Diskussion.“

    Danke für die klaren Worte. Dem ist eigentlich nichts hinzuzufügen – außer vielleicht: Was mich an solchen Kritiken stört – das gilt auch für den Dampfschiff-Heizer -, ist mehr die Form als der Inhalt. Der Absolutismus der Aussagen mit Verweis auf diffuse Regeln, die scheinbar keine andere Bewertung zulassen. Das ist mir zu wenig. Ich muss die jeweilige Argumentation nicht teilen, möchte sie aber nachvollziehen können. Eine ausgewogene, fundierte Kritik sollte m. E. wohlwollend formuliert sein, gleichermaßen positive wie negative Aspekte benennen und diese nach Möglichkeit auch begründen. Ansonsten kann leicht der Eindruck des Miesmachens entstehen, des Kritisierens um der Kritik willen. Und das will ja wahrscheinlich keiner.

    In diesem Sinne – schönen Restsonntag! ;-)

  17. @recipient Stimme Dir zu, daß Kritik und Miesmachen leicht beieinander liegen können. Allerdings stellen aber doch die Fotografen hier ihre Bilder ein, um eine ehrliche Meinung zu bekommen. Und so weit ich beurteilen kann, bekommen sie die auch, und meistens wohlwollend. Allerdings kann man fotografische Fehler nicht schönreden. Es gibt bestimmte Sachen, die stimmen, oder sie stimmen nicht – Beleuchtung, Verschlußzeit usw. Wenn die nicht stimmen, kann man manchmal argumentieren, das sei so gewollt. In den wenigsten Fällen ist das aber so.

    Was den Absolutheitsanspruch angeht, habe ich ganz ehrlich gesagt nicht den Eindruck. Abgesehen von den eben erwähnten Dingen, die entweder stimmen oder nicht (Komposition gehört auch dazu), gibt es mehrere Meinungen zu jedem Foto. Die meisten Fotos, zu denen sich lebhafte Diskussionen entfachen hier sind doch die, die andere ebenfalls zu verstehen glauben, und sie geben dann ihre Meinung ab.

    Ich finde das toll, und hoffe, noch viele dieser Art zu lesen. Denn wirklich: wie viele Leute kennen die meisten von uns, die uns Feedback geben können zu unserem Zeugs? Wirkliches Feedback?

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