Spontanes Schwarz-Weiss Porträt:
Tücke des Moments

Bei ungestellten Porträts wie auch bei Street Photography besteht die Herausforderung darin, mit dem zu arbeiten, was man hat.

Leserfoto: Klick für Vollansicht und Kameradaten (© Reinhard Schnetzer).

Kommentar des Fotografen:

Darf sich auch ein Fotograf einmal verlieben?

Profi Sofie Dittmann meint zum Bild von reinhard schnetzer:

Eine junge Frau, die unbemerkt fotografiert wurde. Der Fotograf als Betrachter, aber zum Teil auch als Voyeur. Die Frage wurde bereits anderswo angeschnitten:

Darf und kann jemand in einer solchen Situation fotografiert werden, und was ist die rechtliche Situation hinsichtlich der Aufnahme? Da diese von Land zu Land ziemlich verschieden ist, soll sie hier nicht weiter erörtert werden.

Das Problem bei spontan entstandenen Fotos dieser Art ist meistens, dass sich der Fotograf mit dem zufrieden geben muss, was ihm die Situation an Möglichkeiten bietet. Das gilt für den Bildaufbau, die Lichtverhältnisse etc. Das ist die Herausforderung bei spontanen Bildern und Straßenfotografie. Durch Übung kann man mehr Routine entwickeln, die einem hilft, aus der Situation heraus bessere Fotos zu schießen.

An diesem Foto hat mir die Spontaneität gefallen, die es ausstrahlt. Es hat ein paar Mängel, ist aber ansonsten ein sehr ausdrucksstarkes Bild. Das Modell wurde unbemerkt fotografiert. Dadurch wirkt das Porträt vollkommen ungestellt und natürlich. Auf Nachfrage hat mir Reinhard mitgeteilt, dass es im Aufenthaltsraum der Musiker vor einem Konzert entstanden ist, er das Gesicht der jungen Frau faszinierend fand, und sie deshalb abgelichtet hat.

Ich kann verstehen, was den Fotografen an ihr fasziniert hat – abgesehen davon, dass sie jung und hübsch ist, hat sie, wie sie da sitzt, eine gewisse Präsenz, etwas leicht Rebellisches.

Für mich ist das allerdings kein verliebtes Foto. Es ist nicht verklärt. Es stellt sie offen dar, ehrlich, unumwunden. Sie hält eine Zigarette in der rechten Hand, und schaut jemanden/etwas an, der/die/das sich außerhalb des Blickfeldes der Kamera befindet. Dem Fotografierenden schenkt sie keine Beachtung. Sie ist in ihrem Augenblick versunken.

Dadurch, dass die junge Frau aus der Situation heraus fotografiert wurde, hatte der Fotograf keine wirkliche Kontrolle über den Bildaufbau, konnte nichts (um-)arrangieren. Mich persönlich stört die Flasche im Vordergrund, auch wenn sie aufgrund der Schärfentiefe verschwommen ist. Sie kann allerdings leicht aus dem Bild genommen werden, indem man rechts abschneidet.

Was man allerdings nicht mehr korrigieren kann, ist, dass dem Modell der Ellenbogen fehlt. Ich habe mit Photoshop etwas hin und her experimentiert und kam zu dem Schluss, das Bild hätte gewonnen, wenn der Ausschnitt so gewählt worden wäre, dass der Arm vollständig im Bild gewesen wäre. Auch wenn man das Bild extrem ausschneidet, ändert sich an dieser Tatsache nichts.

Das Bild, beschnitten durch SofieBei einer extrem großen Blende (f/2.8) konnte mit ISO 200 eine recht schnelle Verschlußzeit erreicht werden. Allerdings hat die Blende dazu geführt, dass die Hand der jungen Frau, die die Zigarette hält, vollkommen scharf ist, ihre Augen – auch das rechte, der Kamera unmittelbar zugewandte – bereits unscharf (man erkennt das, wenn man das Bild auf 100% Größe Ausschnitt für Ausschnitt betrachtet).

Hier hätte ich in jedem Fall auf die Augen scharf gestellt, und dann den Autofokus ausgeschaltet, damit er sich nicht auf die Hand konzentriert. Alternativ hätte ISO 400 und eine entsprechend kleinere Blende gewählt werden können, so dass Hand UND Augen scharf sind, was wiederum mehr Bildrauschen verursacht hätte. Autofokus bereitet in solchen Situationen immer Probleme, weil die Kamera „nachkorrigiert“, wenn der Auslöser betätigt wird.

Nachbearbeitung durch Reinhard

Reinhard hat mir das Foto nochmals zukommen lassen, nachdem er es in Photoshop CS3 Extended etwas nachbearbeitet hatte. Durch die Nachbearbeitung bekommen die Schatten (etwa die Haare) etwas mehr Detail, das Bild ist insgesamt aufgehellt. Persönlich finde ich das Foto kontrastreicher – im ersten Zustand – besser.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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1 Antwort
  1. Andi says:

    wenn mans weis, fängts nach ner weile an echt zu nerven, dass der ellenbogen fehlt .. :) ..

    der weiteren, empfinde ich auch die erste version der fotografie stimmiger. evtl wäre randabdunkelung noch einen versuch wert um den betrachter mehr auf das gesicht zu lenken, was meiner ansicht nach am meisten fasziniert.

    alles in allem schönes bild. vorallem unter den gegebenheiten. glückwunsch.

    Antworten

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