HDR-Schwarz-Weissbild:
Regelbrüche und Harmonien

Regelbrüche sollten – in der Regel – nur vereinzelt als Stilmittel angewandt werden. Die bewusste Kumulation kann aber ebenfalls eine starke Wirkung erzeugen.

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Dierk Topp).

Kommentar des Fotografen:

Los Llanos, La Palma, Kanarische Inseln, Nikon D3, Nikor 24mm/2.8 PC-E, Belichtungsreihe mit +-1 EV aus der Hand, HDR mit Photomatix, Filter NIK Silver Efex

Peter Sennhauser meint zum Bild von Topp Dierk:

Am liebsten gucken wir Menschen uns Menschen an, und menschenleere Fotografien, noch dazu solche von einem Ort, der von Menschen gestaltet wurde und von ihnen genutzt wird, wirken häufig kalt, uneinladend und langweilig.

Dieses Bild hingegen vermittelt südliche Hitze, flimmernde Luft und Mittagsruhe und stellt uns mitten in die Szenerie. Dabei basiert es, als Schwarz-Weiss-Aufnahme, fast ausschliesslich auf Flächen und Linien.

Eine kleine Gasse, typisch für mediterrane Städte, in einer Schwarzweiss-Aufnahme mit leichter Sepia-Tönung. Keine Menschenseele ist zu sehen, der Himmel ist dunkel und von einigen Wolkenfetzen wie von heissem Dampf durchzogen. Den fast senkrecht fallenden Schatten nach zu schliessen ist Mittag; die rechte Hälfte des von perspektivisch diagonalen Linien der einfachen Bauten geprägten Bildes wird kontrastiert durch einen dominanten, eleganten vertikalen Schriftzug, der eine Pizzeria markiert. Im Hintergrund sind die Berge grade noch zu erahnen, auf dem Dach des vordersten Hauses katapultiert eine schiefstehende TV-Antenne das Städtchen in die Moderne.

Hier werden gleich eine ganze Reihe von fotografischen Regeln gebrochen. Normalerweise führt das zu einem „unverständlichen“ Bild, denn die ästhetischen Regeln sind keine menschliche Erfindung, sondern basieren auf grundlegender Empfindung; wir verstehen und lesen Bilder zwar auch kulturabhängig, aber die Basis-Verhältnisse entsprechen einem Schema von natürlicher Harmonie. Wenn es von Ausnahmen und Regelverstössen durchbrochen wird, kann das reizvoll sein; wenn die Brüche in der Mehrzahl sind, verliert das Bild rasch seine Verständlichkeit.

Hier ist das anders. Es beginnt damit, dass das Bild am Mittag aufgenommen wurde – einer Zeit, von der wir aufgrund des harten Lichts eher abraten, zu fotografieren. Es ist menschen- und damit vermeintlich emotionsfrei. Es ist eine Schwarz-Weiss-Aufnahme, und es wurde als High-Dynamic Range-Komposition gestaltet, die ihre volle Wirkung am besten in Farbbildern entfaltet.

Diese „Anomalien“ schaffen aber insgesamt eine Stimmung in diesem als Architekturfotografie kategorisierten Bild, der ich mich nicht entziehen kann. Zunächst schaffen die klaren Linien und die mit ihnen komponierte Aufteilung im Bild sofort einen Raum, in den sich der Betrachter begeben kann – die Tiefe des Bildes ist unbestreitbar stark, die Gassen scheinen begehbar. Erst bei genauem Hinsehen wird deutlich, dass es in diesem Bild keine einzige horizontale Linie gibt – nur vertikale und perspektivisch in den gleichen Winkeln aufeinander zu oder voneinander weg laufende diagonale.

Die Schwarz-Weiss-Umsetzung verstärkt diesen Eindruck, weil sie die Strukturen der Gebäude verstärkt, die ausserdem dank dem PC-Objektiv (Perspektiven-Korrektur) zu diesem absolut perfekten Linienverhältnis gelangen. Das knallharte Mittagslicht mit den schon fast nicht mehr als solche wahrnehmbaren Schatten ist ungewohnt anders und auf den ersten Blick nicht sofort erklärbar; durch die Gestaltung des Bildes mit HDR werden aber zugleich die monströsen Kontraste in verschiedene Tonwerte abgeschwächt, die zwar Licht und Schatten scharf abgrenzen, aber zusätzlich durch den fast schwarzen Himmel die Flächenaufteilung noch stärker machen.

Die TV-Antenne, die Kabel in der Luft und der im Goldenen Schnitt platzierte Schriftzug der Pizzeria wiederum brechen mit dem rein schematischen Muster der Aufnahme und geben dem Blick die „Verunreinigungen“, an denen er sich entlang hangeln kann.

Diese Sammlung von ungewöhnlichen Dingen kumuliert hier in einer Emotionalität, die einem kalten Architekturfoto und noch dazu einer HDR-Aufnahme meistens fehlt: Die Menschenleere bekommt eine Erklärung – es ist brütend heisser Mittag, Siesta – und der Kontrast zwischen gleissendem Licht und dunklen Schatten ist durch HDR erfahrbar und sichtbar und lässt den Betrachter froh sein, dass er offensichtlich im Schatten steht.

Ein äusserst starkes Bild, das in seiner vermeintlichen Einfachheit und Reduktion sehr viel verbirgt, was an Aufwand dahinter und an Komplexität darin steckt. Vor allem der rechte Vordergrund ist ein geschickter Schachzug, weil er uns nicht ganz, sondern nur halb um die Ecke blicken lässt, aber auch mit dem Schriftzug ein im ganzen restlichen Bild vergebens gesuchtes Zeichen von Werbung, Kommerz – Leben! – gibt: Dies ist, den unfreundlich geschlossenen Türen und Fenstern zum Trotz, keine Geisterstadt; hinter uns befindet sich vielleicht der vom bunten Fliegenvorhang geschützte Eingang in die kühle, dämmrige Pizzeria, an deren Decke ein Drehventilator die einzige Luftbewegung verursacht, die in den kommenden Stunden in der Umgebung zu finden sein wird – aber abends werden die Bewohner dieser Gassen plaudernd auftauchen, die Türen öffnen, die Stühle in die Strassen stellen.

Ich habe nur eine einzige Anregung, ein einziges Detail, das mich – erst bei längerem Hinsehen – stört: Das Bild ist etwas zu stark nach oben geneigt, es gibt mir für die starke Tiefe, die es liefert, etwas zu wenig Raum im Vordergrund, in der Kreuzung der beiden Gassen, wo keine wirkliche Fläche entsteht. Das ergibt sich wohl aus der Komposition mit dem Schriftzug der Pizzeria, aber vielleicht hätte es sich mit einem ganz leicht nach unten geneigten oder nach hinten verschobenen Blick auffangen lassen.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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8 Antworten
  1. recipient says:

    Ich teile die Meinung des Kritikers auch hier nicht ganz, kann seine Argumentation aber nachvollziehen. Mich macht das Bild eher rat- und hilflos. Die Anmutung gefällt mir, aber ich fühle mich optisch beengt und verspüre ein ganz starkes Bedürfnis, fast so wie ein Juckreiz, den Bildausschnitt ein wenig nach links zu verschieben.

    Schwarz-Weiß passt sicher zur Intention, in meiner Phantasie kann ich mir das Bild aber auch gut mit Farben ausmalen. Es hätte dann allerdings eine ganz andere Aussage (sofern die Farben in meinem Kopf stimmen ;-)

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  2. Markus Kohlhoff says:

    dierk, die Bilder in deiner Galerie sind phantastisch!
    Klar strukturierte, aufs Wesentliche reduzierte Fotos empfinde ich oft als sehr stark – dieses hier halt nicht.
    Dass ich es so abgekanzelt habe, liegt daran, dass ich Peters „schwärmerischer“ Kritik nicht folgen konnte. Sven und auch du selbst sagst ja, dass er wohl etwas zu viel reininterpretiert hat.

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  3. dierk says:

    Vielen Dank für die umfassende Besprechung, Peter.

    Was du alles in dem Bild siehst, habe ich natürlich (Sven, ich denke, dass es den meisten so geht) nicht im geringsten gesehen, gedacht oder geplant!
    Ich sehe … und sehe durch den „Sucher“ (‚finder‘ :-)) und mache das Bild (heute digital natürlich -die Bilder-, kostet ja nichts). Dabei habe ich sicher auch das fertige Bild, meistens S/W, im Kopf (oder im Bauch).

    bee, vielen Dank für deine kurze und freundlich Anmerkung.

    Tobias, ich stimme dir zu. Ich mache zwar fast alles mit Belichtungsreihe, so dass ich möglichst viel im Bild habe (da die D3 so super schnell, ggf. wie hier aus der Hand). Nach der HDR Umwandlung versuche ich, den totalen Kontrastumfang wieder auf das zu reduzieren, was ich mir vorstelle. Mir sind die bis zum Letzten ausgeglichenen Bilder von Ansel Adams sogar oft auch zu fade.

    Markus, ich kann gut verstehen, dass du das Bild „langweilig“ findest. Mich reitzt oft das Puristische (richtige Fotos fangen bei mir eigentlich erst bei S/W an), und solche Fotos sind sicher für viele langweilig. Sieh doch mal in meine Bilder bei pbase.com/dierk (oder oben auf meinen Namen klicken). Da ist sicher auch etwas weniger „langweiliges“ dabei :-))

    Vielen Dank fürs Anschauen und die Kommentare
    dierk

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  4. Sven Sondag says:

    Hmhm, eine interessante Kritik!
    Mich würde nur interessieren, ob sich der Fotograf genau so viele Gedanken gemacht hat..?

    Abgesehen davon: Das Bild ist ungewöhnlich, v.a. die Kombination aus HDR und s/w.. Aber irgendwie gefällt es mir.. :)

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  5. Tobias says:

    Ich muss genauso zustimmen. Schöne Komposition und clevere Ausnutzung von HDR. Oft nerven mich die bunten, kontrastgeschwächten Weichspülbilder. Hier dagegen perfekt zum Vorteil eingesetzt die Technik!

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  6. Markus Kohlhoff says:

    Also ich finde das Bild ziemlich langweilig!
    Würde nicht das professionelle Equipment erwähnt, würde ich es für einen Urlaubsschnappschuss einer „pittoresken“ Touristengasse halten. Das Pizzeriaschild verstärkt diesen Eindruck sogar und stört meiner Meinung nach nur.
    Vielleicht ist es nur mein ungeübtes Auge, aber mir scheint außerdem trotz Perspektivkorrektur die Hausecke nach vorne und die Türrahmen zur Seite zu fallen.

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  1. […] vom Papprohr mit Loch bis zur Gigapan-Anlage mit 800 Megapixeln. Auf fokussiert.com sind bisher zwei seiner Bilder in der Kritik veröffentlicht […]

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