Dampfschiff-Heizer:
Porträts brauchen Zeit

Nicht jedes Bild eines Menschen ist gleich ein gelungenes Porträt. Inhalt und Ästhetik müssen zueinander passen, um einen Charakter zu zeigen.

Leserfoto: Klick für Vollansicht und Kameradaten (© Petra Nölle).

Leserfoto: Klick für Vollansicht und Kameradaten (© Petra Nölle).

Kommentar der Fotografin:

Das Foto entstand im Heizraum eines Eisbrechers, in den über eine 2 Etagen höher gelegene Luke nur minimal Licht einfiel. Der Eisbrecher ist vor ein paar Jahren stillgelegt worden und liegt nun im Flensburger Hafen und kann besichtigt werden. Er wird von Fans unterhalten, die mit Herz und Seele ihrem Hobby nachgehen – und auch mit dem Schiff noch reisen. Bevor das Schiff losfahren kann, muss es drei Tage lang mit Kohle geheizt werden, bis es betriebsbereit ist. Mir war es wichtig, den Stolz des Heizers wiederzugeben, mit dem er über seine Aufgabe erzählte (und sie dann auch noch vorgeführt hat). Dazu war es mir auch wichtig, den Ofen im Hintergrund mit auf das Foto zu bekommen. Leider ist das Rauschen nicht wegzubekommen.

Profi Jan Zappner meint zum Bild von Petra Nölle:

Wenn ich die Einleitung richtig verstanden habe, ist das Porträt auf Tour durch einen spärlich beleuchteten Heizraum entstanden, in dem ein Heizer Kohle in einen riesigen Ofen schüttete.

Allein, das alles sehe ich dem Portrait nicht:

Weder die sicherlich schweisstreibende Arbeit des Kohleschippens, noch die anstrengende Hitze, noch die Dimension des Ofens, des Heizraums. Ich sehe einen Menschen mit einer militärisch anmutenden Mütze, der in die Kamera grinst. Das könnte aber auch ein Besucher am Tag der offenen Tür sein.

Dabei bietet dieses beschriebene Setting unglaubliche Chancen, spannende Bildideen umzusetzen. Ich weiss natürlich nicht, wie es wirklich vor Ort aussah, lasse deshalb meiner Phantasie ein wenig freien Lauf. Ganz allgemein denke ich jedoch, dass dies ein wesentliches Element in der Fotografie ist: Mit Phantasie und Kreativität Menschen oder Orte auf eine ganz eigenen Art zu beschreiben.

Mit den vorliegenden Informationen kann ich mir auf jeden Fall ein Setting vorstellen, das die Kontrastmomente dort unten stärker hervorhebt:

Zum Beispiel gibt es nur eine schwache Lichtquelle von oben. Aber wie schön könnte ein schwach ausgeleuchteter Dampfkessel mit dem Schatten des Heizers sein, der gerade Kohle in den Ofen schippt, wobei sein Gesicht von der roten Glut angestrahlt wird (dazu müsste man weiter weg und viel Platz um die Objekte lassen, um die Dimensionen zu zeigen).

Oder der Schweiss vom Kohleschippen im Gesicht des Mannes, der sich mit dem weissen Tuch versucht, sich die Stirn zu wischen (sehr nah dran, um die Anstrengung im Gesicht zu sehen). Oder aufgestützt auf die Kohleschaufel.

Auf jeden Fall fehlt mir eine inhaltliche Verbindung zwischen dem Menschen und dem, was ihn besonders macht. Grade Situationsporträts müssen, um zu wirken und all das Auszudrücken, was Du gemäss Beschreibung ausdrücken wolltest, mehr einbeziehen als nur das Gesicht des Poträtierten. Dabei ist es durchaus erlaubt, die Person mit Anweisungen zu steuern – die berühmtesten Fotografen haben solche Bildserien gemacht, Richard Avedon hat sich damit von der Modefotografie emanzipiert, die er vorher mit Situationsbildern revolutioniert hat.

Alles hängt ein bisschen davon ab, sich für die richtige Art des Porträts zu entscheiden: Geht es um die Person, und nur um die Person? Dann kannst Du den Heizer auch nach draussen ans Tageslicht bitten. Geht es um seine Situation, seine Arbeit, seinen Stolz? Dann kannst Du ihn in seiner Umgebung arrangieren, vielleicht auch mit indirektem entfesseltem Blitz oder andern Hilfsmitteln operieren. Geht es um reine Dokumentation? dann solltest Du versuchen, ihn in Aktion in einer typischen Pose unter den Bedingungen abzulichten, die Du vorgefunden hast.

Alle diese Methoden verlangen aber vor allem eines: Eine Entscheidung und die Zeit, sie sorgfältig umzusetzen.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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5 Kommentare

  1. Hallo,

    Erstmal zu dem Beitrag selbst: Gibt es eigentlich jemanden, der die Einträge vor der Veröffentlichung auf Rechtschreibung prüft? Sorry, aber das ist teilweise schon echt peinlich.

    Die Kritik an sich finde ich zum größten Teil angebracht.
    Mir fehlt auch der Zusammenhang zur Aufgabe des Portraitierten. Zuerst dachte ich es wäre ein Lokführer in einem Kostüm. Trotzdem kann ich einen gewissen Stolz in seinem Gesicht über seine Aufgabe sehen.

    Portraits sind echt nicht einfach – besonders unter Zeitdruck. Das ist ein Problem aller “Amateure” und unserer Zeit.

    Keine Zeit um sich ordentlich mit dem Thema zu beschäftigen. Bilder entstehen oft nur am Rande einer Veranstaltung. An eine “Inszenierung” kann man erst gar nicht denken. Sicherlich klappt das manchmal, aber generell fehlt die Zeit.

    Bei dem Foto oben waren auch sicherlich die Umstände anstrengend: Man ist mehr mit ISO, Beleuchtung und “Wirds zu hell? Oder zu dunkel? Hmm!” beschäftigt als sich auf das Motiv konzentrieren zu können.

    Mir gefällt das Bild trotzdem und der Heizer hat zumindest ein schönes Foto von sich bekommen.

    @Petra: Zum Thema Rauschen – ich kann Dir das Photoshop-Plugin “Noise Ninja” empfehlen. Damit kann man einiges retten wenn man will ;-)

    Gruß an alle
    Oliver Rühl

  2. Oliver,

    Die Redaktion der Beiträge liegt grösstenteils bei mir, und ich habe in diesem Fall ein paar Dinge übersehen. Entschuldigung an die Leserschaft und an Jan.

  3. Ja, ich kann mir auch noch viele andere Motive vorstellen, die es auf so einem Schiff geben mag. Aber es ging ja wohl um dieses Portrait. Und das hat mich sofort angesprochen. Es erinnert mich im Duktus stark an die beeindruckenden Portraits von Bergleuten aus Untertage-Reportagen der 1950er und -60er Jahre. Hier ist es halt der Heizraum tief im Bauche eines Dampfschiffes. Ein dem Existenziellen geschuldeter Ort, den man normalerweise eher meidet, schummeriges Kunstlicht und ein Mensch, der sich des Außergewöhnlichen seiner Situation durchaus bewusst ist. Und wie viele Kumpel unter Tage, so schmückt sich auch dieser Heizer wie zum Trotz mit Accesoires, die das Außergewöhnliche seiner Tätigkeit noch untersteichen. Wenn schon anders sein, dann richtig. Hier fällt vor allem die Offiziersmütze auf, die vermutlich kaum Bestandteil der typischen Berufskleidung eines Heizers ist. In Kombination mit dem Halstuch und der eher modern und filigran anmutenden Lesebrille vor dem Hintergrund einer ansonsten spaßfreien Umgebung entsteht für mich ein ausdrucksstarkes Portrait, das die Individualität, die Überzeugung und den Stolz eines vermeintlichen Außenseiters vermittelt. Derartige Motive sind selten, wer eines vor die Linse bekommt, kann sich glücklich schätzen.

    Und ich vermute: Wäre dieses Portrait im Nachlass eines bekannten Namens auf irgendeinem Dachboden „gefunden“ worden, würde es mit der geballten terminologischen Kraft des fachlich gebildeten Experten bejubelt.

  4. Hallo,

    erst mal ganz herzlichen Dank an Oliver für den Tipp mit dem Photoshop-Plugin “Noise-Ninja”. Das werde ich auf jeden Fall ausprobieren.

    Sicherlich könnte man ganz andere Fotos machen, wenn man sich vorher ausführlich mit dem Thema und mit den Gegebenheiten vor Ort auseinander gesetzt oder wenn man einen Fototermin vereinbart hat. Da ich aber auf einem Ausflug ganz zufällig auf diese Situation gestoßen bin, konnte ich mich also entscheiden, das Foto zu machen, oder es sein zu lassen. In Anbetracht der Enge des Heizraumes (viel Platz um die Objekte gab es nicht) und der anderen Besucher, die in den Raum kamen, hatte ich aber tatsächlich kaum Zeit, mir lange über die Anordnung Gedanken zu machen.

    Grüße
    Petra Nölle

  5. Und ich vermute: Wäre dieses Portrait im Nachlass eines bekannten Namens auf irgendeinem Dachboden „gefunden“ worden, würde es mit der geballten terminologischen Kraft des fachlich gebildeten Experten bejubelt.

    Da kann ich nur zustimmen :)
    Bilder bekommen mit dem Alter einen ganz anderen Stellenwert. Wer heute eine normalemal Straße in Frankfurt fotografiert wird dumm angeguckt: “Warum fotografierst Du das?” und in 10 Jahren: “Ach wie cool, guck mal wie das damals alles ausgesehen hat!”.

    Deswegen lege ich alle auch noch so banalen Aufnahmen schön auf meinen Dachboden :)

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