Fingerübungen – Wasserspiele:
Der Ozean läuft aus

Wasser als Motiv erlaubt eine Unmenge an fotografischen Effekten. Ein paar Spielereien mit der Verschlusszeit am Ufer des Pazifik zeigen, dass hier der Fotograf das Motiv gestaltet.

Klick für Legende und Vollansicht. (Bilder PS)

Wer den Ozean vor der Haustüre hat, sollte als Fotograf dankbar sein: Die Küste bietet Unmengen an spannenden Motiven. Neben vielen anderen Dingen ist die Brandung – die bewegte Wassermasse selber, die Landschaft und Lebewesen zugleich zu sein scheint – ein Abenteuer für sich. Kaum sonstwo spielt die Belichtungszeit in der Landschaftsfotografie eine grössere Rolle, kann das Motiv selber durch die Wahl der Verschlusszeit vom Fotografen gestaltet werden. Die Unterschiede zwischen Langzeit- und Kurzbelichtung machen ganze Bilderwelten aus.

Das ist mir auf einem Roadtrip nach Norden in den letzten sieben tagen einmal mehr bewusst geworden – auch wenn ich kaum zum Fotografieren kam.

Zumindest einmal hat es allerdings gereicht, um vor Sonnenaufgang an der Pazifikküste Nordkaliforniens ein paar Dinge auszuprobieren. Die Landschaft an „Patricks Point“ bei Eureka ist dramatisch – aber als ich etwas nach fünf in der Dämmerung ankam, präsentierte sich der Himmel in einem hässlichen Grau und die Landschaft deutlich weniger spannend als am Vorabend, als wir den „Wedding Rock“ für die Morgenaufnahmen ausgekundschaftet hatten.

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Nach einigen wenig erfolgreichen Versuchen, die Kliffs zu inszenieren, wandte ich mich direkt dem Wasser und der im Horizont fast mit dem Himmel verschmelzenden Masse des Pazifiks zu. In den Felsen an der leichten Brandung fiel mir auf, dass die Wellen beim Auflaufen auf die Gsteinsbrocken den Wasserspiegel so gleichmässig ansteigen liessen, dass es wirkte, als ob der Pazifik „ausliefe“.

Das war mein Objekt, und ich wollte die Wassermasse selber zum Motiv machen, wie ein Lebewesen, das an Land kriecht.

Dazu gibt es zwei grundlegende Methoden: Mit einer Langzeitaufnahme lässt sich das Wasser in etwas weiches, geisterhaftes oder schon fast Nebel verwandeln, der die Steine überflutet. Und mit kurzen Verschlusszeiten ab etwa 1/800 Sekunde lassen sich die spritzenden oder fallenden Tropfen einfrieren – zähflüssig und dicht an der Unschärfe oder gestochen Scharf mit ultrakurzen Zeiten jenseits von etwa 1/1200s.

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Wer nun allerdings glaubt, nur mit technischen Einstellungen tolle Aufnahmen machen zu können, hat die Rechnung ohne den Ozean gemacht. Denn auch bei regelmässigem Wellenschlag trifft das Wasser jedesmal ein wenig anders aufs Ufer, fliesst anders herein und aus den Löchern in den Felsklötzen heraus, schwappt einigermassen sanft über sie drüber oder donnert plötzlich wie eine Wand heran.

Die Herausforderung: Nicht die Steine, Felsen und die Umgebung sind das Motiv – sie sind nur der Rahmen. Das eigentliche Objekt der fotografischen Begierde ist das Wasser, und das verhält sich wie ein lebendiges Wesen.

Eine funktionierende Linienführung in der Komposition lässt sich deswegen wohl anhand der Steine und der Beobachtung einigermassen abschätzen – die Welle trifft ein, das Wasser fliesst über die vordersten Steine und nach rechts weg – aber in jedem einzelnen „Ereignis“ sieht das Motiv wieder anders aus; die gewünschte oder antizipierte Komposition des „Wesens“ Wasser ist ein Geduldspiel und die Sache des Auslösens im richtigen Moment.

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Ich habe mir eine Stelle an den Felsklötzen gesucht, wo das Wasser in den meisten Fällen in einer Schlangenlinie durchs Bild strömen würde. Ein paar Minuten Beobachtung führten mich an einen Standort, der mich kurz danach selbstredend mit sehr verschiedenen „Resultaten“ und mehr als einmal beinahe nassen Füssen überraschte.

Dinge, die ich gelernt habe:

  • Kurzzeitaufnahmen setzen ein Mindestmass an Spritzern und sonstiger Wasserenergie voraus. Nasse Füsse können sehr wohl ein Resultat sein.
  • Langzeitaufnahmen bringen eine ganz andere Dynamik des Wassers und setzen einen spannenden „Rahmen“ an Gestein und sonstigen Objekten voraus, zwischen denen das Wasser sich ausbreiten kann.
  • Eine allzu kurze Brennweite ist nicht ratsam. Sie macht es nötig, dicht ans Wasser heranzugehen, und dabei ist das Risiko, von einer Welle getroffen zu werden, ziemlich gross.
  • Die Fokussierung muss unbedingt mit einer Blende, welche mindestens ein paar Meter Schärfentiefe liefert, auf den der Kamera am nächsten liegenden Punkt gestellt werden, wo Wasser spritzen wird – oder aber auf den nächstliegenden Felsen.
  • Vordergrundunschärfe wirkt ausgesprochen schlecht.
  • Der Autofokus muss ausgeschaltet sein, sonst beginnt er womöglich wegen des heranrollenden Wassers im schönsten Sekundenbruchteil zu jagen.
  • Ein Fernauslöser und Spiegelvorschaltung ist Pflicht, ein Stativ sowieso. Im Sucher lassen sich die heranrollenden Wellen nicht beurteilen.
  • Zum Sonnenuntergang sollte man mit den Kurzzeitaufnahmen anfangen und zu Langzeitaufnahmen wechseln, wenn es dunkler wird, beim Sonnenaufgangsshooting umgekehrt. Ich bin verkehrtherum vorgegangen und hatte nach Sonnenaufgang trotz Neutralgraufilter Mühe, noch zu vernünftig langen Verschlusszeiten zu kommen.

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1 Antwort

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  1. […] Die Wasseroberfläche ist aufgrund einer offensichtlichen Langzeitbelichtung nicht zu erkennen, sie sieht aus wie Nebel um die Holzpfosten; der Horizont, respektive das andere Ufer des Sees, läuft in der Mitte durchs Bild. Darüber ist […]

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