Gabriele und Helmut Nothhelfer:
Deutsches Gesellschaftspanorama

Seit Anfang der Siebzigerjahre fotografieren Gabriele und Helmut Nothhelfer gemeinsam Menschen und Ereignisse in Berlin. So ist bis heute ein deutsches Gesellschaftspanorama entstanden.

Bereits 1977 nahmen Gabriele und Helmut Nothhelfer an der Kasseler documenta 6 teil, die erstmals den Bereich Fotografie, Film, Video einbezogen hatte. Mit der Ausstellung “Momente und Jahre”, die die Zeit von 1970 bis 2008 umfasst, wird erstmals das gesamte Werk des Künstlerpaars vorgestellt – in Köln.

Gabriele und Helmut Nothhelfer interessieren sich für Freiräume im Alltag, in denen der Mensch seinem Privatleben nachgeht, und die die Orte für Lieblingsbeschäftigungen und Tagträume sind. In der Anfangszeit war die Arbeit des Künstlerpaares gesellschaftskritisch motiviert. Sie entstand mit der Absicht, den Menschen die Problematik einer zunehmend entfremdeten Freizeit vor Augen zu führen, die mehr und mehr unter den Einfluss wirtschaftlicher und politischer Kräfte zu geraten drohte.

Doch unter sich verändernden ästhetischen und zeitgeschichtlichen Bedingungen erhielt dieser sozialkritische Aspekt einen anderen Stellenwert. Inzwischen wollen die Nothhelfers ihre Fotografien ohne theoretische Voreinstellung betrachtet wissen. Allein kurze Titel informieren über den spezifischen Anlass, den Ort und das Entstehungsjahr der Aufnahmen.

Gabriele Nothhelfer ist wie Helmut Nothhelfer Jahrgang 1945. Sie stammt aus Berlin, er aus Bonn. 1967 treffen sie sich an der traditionsreichen Berliner Lette-Schule, schließen dort eine fotografische Ausbildung ab und gehen 1969 zum berühmten Otto Steinert an die Folkwangschule in Essen.

Bald beschließen sie jedoch, einen eigenständigen Weg einzuschlagen. Seit den Siebzigerjahren arbeiteten Gabriele und Helmut Nothhelfer als wissenschaftlich-technische Fotografen an Berlins Universitäten, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Broterwerb und künstlerische Arbeit hielten sie streng voneinander getrennt. Und Berlin wurde zum zentralen Wohnort.

Das Künstlerpaar erlebt alle bedeutenden politischen Ereignisse in der nach dem Zweiten Weltkrieg in vier Sektoren geteilten Metropole hautnah mit: 1967/68 die großen studentischen Demonstrationen, 1989 die Maueröffnung, 1991 die Wiederernennung Berlins zur Bundeshauptstadt.

Jedes Bild, das sie seit 1973 – dem Jahr ihrer Hochzeit – unter gemeinsamer Autorenschaft für die Veröffentlichung freigeben, durchläuft bei ihnen einen intensiven Betrachtungs- und Befragungsprozess. Während der verschiedenen Phasen der Bilderarbeitung, der Entwicklung, Vergrößerung, Goldtonung, Trocknung sowie des Gesprächs, prüfen die beiden Künstler die Wirkungskraft jeder einzelnen Aufnahme. Heute umfasst die zur Veröffentlichung ausgearbeitete Reihe von Gabriele und Helmut Nothhelfer 128 Schwarzweiß-Fotografien – es ist die Essenz ihrer über drei Jahrzehnte währenden Arbeit.

Das Werk der Nothhelfers fügt sich zu einem deutschen Gesellschaftspanorama zusammen, das vielfach Erinnerungen an Porträt-Werk August Sanders aus den Zwanzigerjahren weckt. Auch für das Künstlerpaar der zweiten Hälfte des 20. und des beginnenden 21. Jahrhunderts gelten Sachlichkeit, Vorbehaltlosigkeit, Geschichtsbewusstsein, ästhetisches Empfinden und Präzision, psychologisches Gespür und methodische Konsequenz als Voraussetzung ihrer Arbeit. Zur Ausstellung “Momente und Jahre” in der Kölner SK Stiftung Kultur/Photographische Sammlung erscheint im Schirmer/Mosel-Verlag ein Bildband mit 128 Tafeln und weiteren Abbildungen unter dem gleichen Titel Momente und Jahre (Affiliate-Link).

Gabriele und Helmut Nothhelfer – Momente und Jahre
Bis 8. November
Photographische Sammlung / SK Stiftung Kultur, Im Mediapark 7, D-50670 Köln
+49 (0)221 / 226 5900, photographie@sk-kultur.de
Geöffnet täglich außer Mittwoch von 14 – 19 Uhr, Montag Eintritt frei

Photographische Sammlung / SK Stiftung Kultur Köln

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