Schlafender Mann:
Isolation verlangt Sorgfalt

Weitgehend aus dem Zusammenhang freigestellte Motive brauchen besondere Sorgfalt und müssen dem Betrachter den Blick auf die Details ermöglichen.

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Remo Sansoni).

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Remo Sansoni).

Kommentar des Fotografen:

Aus einer Reflexreaktion gemachtes Freihandfoto (ohne durch den Sucher zu schauen) aus einer fahrenden Dampflok in der kolumbianischen Hauptstadt Bogota. Es ist bestimmt nicht das schärfste und beste Foto, das ich in den Ferien in Kolumbien geschossen habe. Da es mir aber beim Betrachten meiner Bildersammlung immer wieder in die Augen stach, hat es einen Platz in meinem Bogota-Kalender bekommen. Dafür habe ich mit PSE/LR2 dem Hintergrund die Farbe genommen und den Bildausschnitt etwas verschoben, um das Motiv hervorzuheben. Persönlich bin ich also zufrieden, trotzdem werden es Profis wohl nochmals etwas besser wissen und mir evtl. noch ein paar Tipps geben können. Hätte ich das Bild doch etwas drehen sollen, oder den Bildausschnitt geschickter wählen sollen? Wie könnte ich aus dem Bild noch mehr herausholen?

Peter Sennhauser meint zum Bild von Remo Sansoni:

Ein Mann schläft auf dem Gehsteig, den Kopf auf einen relativ prallen Sack gebettet, selber auf einer Jacke oder etwas ähnlichem als Unterlage liegend.

Er trägt ein knallrotes Sport-T-Shirt, Turnschuhe und weinrote Hose. Auffallend ist das bärtige Gesicht und die Mütze, die an die Ikonen-Fotos kubanischer Revolutionäre erinnert. Der Gehsteig um ihn herum ist leergefegt, die Wand hinter ihm fast makellos weiss. Wir haben keinerlei Anhaltspunkte, warum der Mann hier liegt und in welcher Umgebung die Szene stattfand.

Du hast das Bild aus der Hüfte und im Reflex geschossen, und ich nehme an, dass das mit der Szene an sich zusammenhängt. Hier in San Francisco, wo ich lebe, fallen Menschen, die am Tag auf den Gehsteigen schlafen, traurigerweise schon gar nicht mehr auf. Aber es wäre vermessen, bei einer Szene aus einem weit entfernten, kulturell völlig anderen und deutlich weniger reichen Land automatisch die gleichen Schlüsse zu ziehen – ein Obdachloser.

Du bringst den Betrachter zusätzlich in genau diesen Konflikt mit seinen eigenen Vorurteilen, indem deine Fotografie auch in der Komposition jeglichen Hinweis auf die Umstände und sogar die Umgebung ausblendet. Das ist Teil der Faszination des Bildes, denn es zwingt die Betrachterin, sich selber ein Urteil zu bilden und dazu die Details der Aufnahme zu untersuchen.

Allerdings sind gerade die auch nicht leicht zu erkennen. Unter anderem, weil es wenige Details gibt, aber auch, weil sie aus technischen Gründen schwer zu erkennen sind.

Der Schläfer in Bogotà - mit diversen kleinen Retuschen.

Der Schläfer in Bogotà - mit diversen kleinen Retuschen.

Auf Deine Frage, was Du hättest besser machen können, gibst Du selber eine Teilantwort: Das Geraderücken des Bildes scheint mir die naheliegendste Manipulation. Kein Mensch legt sich für ein Nickerchen oder gar mehr mit dem Kopf tiefer als die Füsse. Hier kriegen wir auch gleich eine erste Antwort auf die Fragen, die das Bild uns stellt: Bei dem Mann handelt es sich jedenfalls nicht um einen Alkoholiker oder sonstigen Drogensüchtigen im Vollrausch, der noch nicht einmal die Kopflage bedenkt. Dafür hat er sich den Sack unter dem Kopf zu sorgfältig hingelegt und sich ausserdem eine Unterlage ausgebreitet.

Den Color-Key-Trick, dem Hintergrund die Farbe zu entziehen, finde ich hier einerseits nicht unbedingt nötig, weil das Motiv soweiso die ganze Aufmerksamkeit erhält. Vor allem aber müssten Farbe und Belichtung des Hauptmotivs besser abgestimmt sein. In Deiner Version ist die Farbe der Hose kaum erkennbar, und selbst das Gesicht des Mannes versinkt im Schatten.

Ich habe in Lightroom zunächste den “Horizont” gerade gestellt. Dann habe ich einerseits mit dem lokalen Pinsel-Werkzeug den liegenden Mann maskiert (mit der Option “automatisch maskieren” wirkt das Werkzeug auf Flächen von gleicher oder ähnlicher Helligkeit und Farbe wie der Pinsel-Mittelpunkt, es lassen sich also Objekte an eindeutigen Kontrastgrenzen entlang einwandfrei maskieren – dazu unbedingt mindestens 1:1 Pixelansicht benutzen) und diese Maske rund 0.33 EV stärker belichtet.

Eine leichte Steigerung der “Lebendigkeit” erhöht die Farbkontraste (mit diesem Regler gehe ich verhältnismässig grosszügig um, manchmal bis zu 30 – mit der Sättigung dagegen gehe ich nie über +15) Ausserdem habe ich die Option “Aufhellicht” relativ stark bemüht, die nur auf die dunkleren Bildpartien wirkt, und danach erst dem ganzen eine leichte S-Gradierungskurve verpasst.

Das Bild ist jetzt deutlich klarer und macht es einfacher, nach Hinweisen auf seine Situation am Schläfer zu suchen – auch wenn kaum welche vorhanden sind.

Es bleibt die Frage des Bildausschnittes, den Du ja bereits angepasst hast. Für mich macht die Bildaufteilung in Deinem Original wenig Sinn – es gibt eigentlich keinen Grund, der Strasse und der Wand hinter dem Mann soviel Platz einzuräumen, nachdem dort ja überhaupt nichts zu sehen ist. Es geht also eigentlich nur darum, den Schläfer einigermassen spannend im Bildrahmen zu platzieren, und weil Dir das bei der Aufnahme selber nicht möglich war, gibt es wenig Anlass, jetzt nicht beherzt zur Sache zu gehen.

Einen allerdings gibt es: Die Fuge in der Betonplatte des Gehsteiges ist das einzige Element, das ausser dem schlafenden Mann im Bild Aufmerksamkeit erregt – und das sollten wir uns zunutze machen.

Ich habe deshalb einen Ausschnitt gewählt, der die Kante der Wand ins unterste Bilddrittel und das Gesicht des Mannes fast ins Bildzentrum legt. Gleichzeitig bleibt aber die Betonfuge rechts im Rahmen sichtbar und bildet eine Abgrenzung nach rechts, die wie auch immer vom Betrachter interpretiert werden kann. Sie sollte indes nicht direkt in die Bildecke laufen.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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2 Kommentare

  1. das überarbeitet Bild finde ich durch das Erkennen der Gesichtzüge, den Bildaufbau und die entschleierden Farben spannender und interessanter. Jedoch ist das Hemd für mich zu leuchtend rot, fast schon unnatürlich in dieser Umgebung. Im LR hätte ich etwas Rot rausgenommen.

  2. @Helmut: Gebe Dir recht, das Rot ist ein Mü zu knallig – was allerdings bei Color-Key-Bildern häufig so wirkt, weil alles andere fast grau ist. Unsere Bearbeitungen (die der Kritiker) können ausserdem immer nur aufgrund der verhältnismässig schlecht aufgelösten und informationsarmen JPG-Dateien erfolgen, was die Qualität auch einschränkt.

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