Blume vor schmiedeisernem Zaun:
Eine Frage der Tiefe

Blumenbilder und Nahaufnahmen gewinnen – wie Porträts – fast immer durch eine gekonnte Freistellung mit Schärfentiefe und Farbkontrast.

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Jenny Pohl).

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Jenny Pohl).

Kommentar des Fotografen:

Das Bild wurde mit Blende 1,4 und 1/1250s Belichtungszeit aufgenommen. Mir gefiel der so entstandene Schärfeverlauf und der Kontrast zwischen der Blume und dem eisernen Zaun.

Profi Peter Sennhauser meint zum Bild von Jenny Pohl:

Eine einsame rote Blüte an einem emporstrebenden grünen Pflanzenstamm vor einem leicht unscharfen, mehrheitlich grünen Hintergrund. Dieser wird in einer Diagonalen aus der Bildtiefe von einem schmiedeisernen, schwarzen Zahn geschnitten, dessen zierende Fleurons ebenso treffend mit der Staude im Vordergrund korrespondieren wie seine Farbe einen Kontrast zu ihr bildet.

Es gibt viel zu entdecken in diesem Bild – es steckt voller geschwungener Linien, denen das Auge folgen und neue Ornamente ausfindig machen kann; dabei bilden Pflanze und Zaun nicht nur einen optischen, sondern auch einen inhaltlichen Kontrast, indem künstlerische Ornamentik und Natur direkt aufeinander stossen und sich auf harmonische Art ergänzen.

Anderer Ausschnitt, besserer Hintergrund

Anderer Ausschnitt, besserer Hintergrund

Durch die geschwungenen Ranken des Zauns hindurch sehen wir unten rechts eine weitere, noch geschlossene Blüte; im Bildzentrum bilden die Ornamente ein Herz, das, in leichter Unschärfe liegend, mit der Blüte des Hauptmotivs in Zusammenhang zu stehen scheint.

Technisch ist die Fotografie nicht zu bemängeln. Die Belichtung ist korrekt, der Zaun ist schwarz mit grau glänzenden Oberflächen, das rot der Blüte und der noch geschlossenen Knospe unten rechts leuchtet, ohne künstlich zu wirken.

Die Schärfentiefe ist gut eingesetzt, der Zaun, der diagonal durch den Bildraum verläuft, vermittelt durch die abnehmende Schärfe sehr viel Tiefe.

Vielleicht hätte leichtes Abblenden auf 1.8 dem Zaun rechts die Spur mehr Schärfe verliehen, die er noch haben könnte, wobei die Knospe nicht ganz scharf gezeichnet werden sollte. Ich habe diese Freistellungs-Technik mit der Schärfentiefe in jüngster Zeit mehrfach behandelt, und dabei auch darauf hingewiesen, dass die Wirkung einer geschlossenen Blende im Sucher ohne Betätigung des Abblendknopfs nicht zu sehen ist, weil die Kamera mit geöffneter Blende Messungen vornimmt.

Aber: Auch die Umkehrung gilt, zumindest bei meiner Nikon: Im Sucher zu sehen ist der Bildausschnitt mit etwa einer Tiefenschärfe der Blende 3.2 – auch wenn ich Blende 1.4 gewählt habe. Damit ergibt sich ein neues Argument gegen die Ablendtaste (“Schärfenkontrolle” bei Canon) und für eine Kontrollaufnahme mit Inspektion am Kamera-Monitor. Was Du nämlich hier durch den Sucher gesehen hast, war schätzungsweise tiefer scharfgezeichnet als dieses Bild.

Zur Bildgestaltung: Grundsätzlich gefällt die Aufteilung der Hauptmotive – Zaun und Blume – in der Bildebene ebenso wie im Raum. Allerdings liegen Blüte und Herz etwas gar genau in der horizontalen Bildhälfte; die leuchtene Knospe unten rechts dagegen ist etwas gar dicht am Bildrand.

Die andere Sache, die an der Komposition bemängelt weren könnte, ist der Hintergrund der Blüte links – namentlich das eine Blatt hinter der Knospe am Malven-Stamm stiehlt dieser die Schau. Du hättest das mit einem halben Schritt nach links korrigieren können, dann aber mit einem stumpferen Winkel auf den Zaun bezahlt. Oder aber Du hättest (Stativaufnahme vorausgesetzt) den Pflanzenteil mit dem Blatt für die Aufnahme aus dem Bildbereich gebogen.

Ich habe versucht, Bildeinteilung und Freistellung des Hintergrunds in Photoshop ein wenig anzupassen, war aber natürlich auf den vorliegenden Ausschnitt beschränkt, was am unteren Bildrand noch immer zu wenig Raum ergibt; Blüte und Herz liegen noch immer zu tief, und der Pflanzenstamm ist etwas zu weit links aussen.

Vielfach lassen sich solche Dinge nach der Aufnahme mit einem Bildschnitt korrigieren, wie sich hier zeigt, geht da aber nicht immer. Fazit: Bildkomposition und Schärfentiefe sind zwei Dinge, auf die bei der Aufnahme zu achten sich lohnt, weil sie in der digitalen Dunkelkammer nur mit grossem Aufwand und manchmal gar nicht verbessert werden können.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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3 Kommentare

  1. Bzgl. der Schärfeprüftaste: das ist mir neu, dass ohne Betätigung _nicht_ mit der größtmöglichen Blende gearbeitet wird. Bei allen meinen Canon-Modellen (400D-5D) kann ich das nicht beobachten. Können Sie hier ggf. noch ins Detail gehen?

    Gute Kritik und schöne Idee des Bildes (Natur versus “immitierter Natur” = Ornamente). Mir selbst ist das Bild etwas zu düster. Wenn mehr Zeit zum Inszenieren bliebe, würde ich das Grün hinter dem Zaun aufhellen (Lampe, Reflektor).

    Viele Grüße.

  2. Tobias, ich kanns technisch nicht erklären und habe mich insofern falsch ausgedrückt, als die Abblendtaste natürlich bei grosser Blende nicht diese erst öffnet; aber es ist eindeutig so, dass beim Blick durch den Sucher die Schärfentiefe bei Blende 1.4 nicht so gering erscheint, wie sie nachher auf dem Bild zu sehen ist, sondern dass das, was ich durch den Sucher sehe, ungefähr dem entspricht, was bei Blende 3.2 in einer Aufnahme resultiert. Festgestellt habe ich das mit einem Sigma 30mm 1.4 auf der Nikon D300 – vielleicht ist es ja modellspezifisch, wäre aber interessant, wenn Du den Versuch auch machen könntest: Objekt nahe an der Kamera anfokussieren, Blende voll öffnen und im Sucherbild einen kontrastreichen Hintergrund-Gegenstand in vielleicht doppelter Distanz von der Kamera ausmachen, Testbilder schiessen mit zunehmend geschlossener Blende und dann den optischen Suchereindruck mit den Testaufnahmen vergleichen. In meinem Fall war der schwarze Griff an einem weissen Kühlschrank im Sucher immer relativ klar erkennbar, bei Blende 1.4 auf dem Bild aber nur noch ein grauer Balken. Ich werde mal mit Testreihe nachsehen, ob das Phänomen auch bei LiveView auftritt – dann liesse es sich dokumentieren. Kann mal jemand mit einer Canon den Sachverhalt überprüfen?

    PS: Ich habe grad nochmals einen Versuch gemacht: Bei LIveView tritt der Effekt nicht auf, was logisch erscheint, aber wenn ich bei identischen Einstellungen durch den Sucher gucke, kann ich bei meinem Testbild beinahe die Aufschriften der Kühlschrankmagnete lesen, die in der Aufnahme nur noch als Farbkleckse zu erkennen sind. Es muss also irgendwas mit dem Strahlengang durchs Prisma zu tun haben – ich werde mal die Kamera- und Objektivhersteller anfragen.

  3. Hallo Peter,

    vielen Dank für die Beschreibung und dass Du Dir die Zeit nimmst. Ich werde mir das Phänomen auch nochmal ansehen und mich melden. So langsam erschleicht mich aber der Verdacht, dass ich das doch auch schon mal beobachtet habe.

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