Nebelfoto mit Waldsilhouette:
Japanischer Scherenschnitt

In der Landschaftsfotografie kann die Reduktion der Tiefe besonders spannend wirken – vor allem, wenn sie nicht so sehr durch die Fotografie als durch die Natur selber erzeugt wird.

Kommentar des Fotografen:

Herbstlandschaft auf dem Üetliberg in Zürich. Nikon D700, AF-S Nikkor 24-70mm

Peter Sennhauser meint zum Bild von Carl Knobel:

Der Herbst steckt voller Wunder für Fotografen – von knalligen Farben bis zu nebligen Grauschattierungen mit den feinsten Verläufen und Abstufungen – und der Reduktion des Raums auf eine oder zwei Ebenen.

Carls Aufnahme vom Zürcher Hausberg ist eine solche Nebelaufnahme: Die freistehende Silhouette einer Baumreihe an einem durch den im Vordergrund wallenden Nebel leicht verwaschenen Horizont, davor eine in weicher Kurve ansteigende Wiese. Durch diese verläuft eine leicht abgeschrägte Horizontale – ein Weg.

Zu diesem Motiv kann man Dich nur beglückwünschen:

Zuallererst muss man es nämlich auf dem Herbstspaziergang sehen, und was in der Aufnahme so selbstverständlich scheint, ist es draussen in der Landschaft nicht: Es bedingt Konzentration auf diesen kleinen Ausschnitt Deiner Umgebung, wo sich eine Baumreihe auf eine Art zeigt, die kein Waldrand bietet und die auch hier nur an diesem Tag (vermute ich) durch den Nebel sichtbar wird, der wie ein künstliches Hintergrundpapier für diese schöne Silhouette sorgt.

Die Baumgruppe selber ist noch dazu ein Modell voller Spannung und Abwechslung, mal fein verästelt, dann mit heftigen Flächen – wie eine Sammlung von Satzzeichen oder eine Partitur.

Das ganze wirkt ein wenig wie ein japanischer Scherenschnitt. Dessen “Sockel” ist die leicht geschwungene Wiese, in welcher der vom Hügel herunterstreichende Nebel für weitere Aufweichung und Schattierungen sorgt.

Es gibt keine Zweifel, dass die Baumlinie Dein Motiv war: Eine Landschaft, die sich durch die Natur selber plötzlich zweidimensional präsentiert, wobei in der einen Ebene neue Linien wie die Silhouette und eine fremdartige Dynamik entstehen.

In der Landschaftsfotografie lautet eine Faustregel, dass ein Vorder-, ein Mittel- und ein Hintergrund genutzt werden sollen, um das zweidimensionale Bild plastisch erscheinen zu lassen und die Tiefe des Raumes abzubilden. Dein Motiv hier besteht aber gerade darin, dass sich diese Landschaft plötzlich ohne Tiefe präsentiert.

Ein Vordergrund ist nicht nur unnötig, sondern ablenkend. Man könnte argumentieren, der Weg und die dunklere Wiese bildeten einen Kontrast zu den Feinheiten des Hintergrunds. Der Betrachter erwartet aber, darin etwas zu finden, was mit dem Hintergrund korrespondiert und wird enttäuscht. Gravierender ist aber, dass dadurch die Baumlinie überhaupt erst zum “Hintergrund” wird – und das ist sie nicht und war sie ganz bestimmt auch in Deinen Augen nicht, als Du das Motiv entdeckt hast.

Ich habe das Bild zu einem Pano-Format beschnitten, das dem Motiv gerechter wird, wie ich meine. Ich würde noch weiter gehen: Ich habe mit ein paar Tricks in Photoshop versucht, die Konturen der Bäume etwas hervorzuheben, ohne den Nebel im Vordergrund durch eine reine Silhouetten-Belichtung zu übertünchen, denn er ist das Element, das diese Ansicht einerseits überhaupt erst ermöglicht und andererseits wie eine ironischer Hinweis wirkt, dass es sich durchaus um einen dreidimensionalen Raum handelt. Das ist etwas, was ein japanischer Scherenschnitt nicht haben könnte, und das die Betrachterin an dieses Bild herantreten liesse, nachdem sie es zuerst für besagten Scherenschnitt halten würde.

Du warst bei der Aufnahme durch das Format Deiner Kamera beschränkt. Hier hätte es sich meiner Ansicht nach (grade mit einer Vollsensor-Kamera) gelohnt, ein aus zwei Aufnahmen zusammengesetztes Panorama anzulegen. Dein Zoom hätte Dir dies sogar von Deinem Standort aus per Tele erlaubt. Damit könnte diese wunderbare Waldlinie in einer ansehnlichen Grösse gedruckt werden.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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