Nebelfoto mit Waldsilhouette:
Japanischer Scherenschnitt

Peter Sennhauser, 25. September 2009 11:03 Uhr, 0 Kommentare Kommentare

In der Landschaftsfotografie kann die Reduktion der Tiefe besonders spannend wirken – vor allem, wenn sie nicht so sehr durch die Fotografie als durch die Natur selber erzeugt wird.

Kommentar des Fotografen:

Herbstlandschaft auf dem Üetliberg in Zürich. Nikon D700, AF-S Nikkor 24-70mm

Peter Sennhauser meint zum Bild von Carl Knobel:

Der Herbst steckt voller Wunder für Fotografen – von knalligen Farben bis zu nebligen Grauschattierungen mit den feinsten Verläufen und Abstufungen – und der Reduktion des Raums auf eine oder zwei Ebenen.

Carls Aufnahme vom Zürcher Hausberg ist eine solche Nebelaufnahme: Die freistehende Silhouette einer Baumreihe an einem durch den im Vordergrund wallenden Nebel leicht verwaschenen Horizont, davor eine in weicher Kurve ansteigende Wiese. Durch diese verläuft eine leicht abgeschrägte Horizontale – ein Weg.

Zu diesem Motiv kann man Dich nur beglückwünschen:

Zuallererst muss man es nämlich auf dem Herbstspaziergang sehen, und was in der Aufnahme so selbstverständlich scheint, ist es draussen in der Landschaft nicht: Es bedingt Konzentration auf diesen kleinen Ausschnitt Deiner Umgebung, wo sich eine Baumreihe auf eine Art zeigt, die kein Waldrand bietet und die auch hier nur an diesem Tag (vermute ich) durch den Nebel sichtbar wird, der wie ein künstliches Hintergrundpapier für diese schöne Silhouette sorgt.

Die Baumgruppe selber ist noch dazu ein Modell voller Spannung und Abwechslung, mal fein verästelt, dann mit heftigen Flächen – wie eine Sammlung von Satzzeichen oder eine Partitur.

Das ganze wirkt ein wenig wie ein japanischer Scherenschnitt. Dessen “Sockel” ist die leicht geschwungene Wiese, in welcher der vom Hügel herunterstreichende Nebel für weitere Aufweichung und Schattierungen sorgt.

Es gibt keine Zweifel, dass die Baumlinie Dein Motiv war: Eine Landschaft, die sich durch die Natur selber plötzlich zweidimensional präsentiert, wobei in der einen Ebene neue Linien wie die Silhouette und eine fremdartige Dynamik entstehen.

In der Landschaftsfotografie lautet eine Faustregel, dass ein Vorder-, ein Mittel- und ein Hintergrund genutzt werden sollen, um das zweidimensionale Bild plastisch erscheinen zu lassen und die Tiefe des Raumes abzubilden. Dein Motiv hier besteht aber gerade darin, dass sich diese Landschaft plötzlich ohne Tiefe präsentiert.

Ein Vordergrund ist nicht nur unnötig, sondern ablenkend. Man könnte argumentieren, der Weg und die dunklere Wiese bildeten einen Kontrast zu den Feinheiten des Hintergrunds. Der Betrachter erwartet aber, darin etwas zu finden, was mit dem Hintergrund korrespondiert und wird enttäuscht. Gravierender ist aber, dass dadurch die Baumlinie überhaupt erst zum “Hintergrund” wird – und das ist sie nicht und war sie ganz bestimmt auch in Deinen Augen nicht, als Du das Motiv entdeckt hast.

Ich habe das Bild zu einem Pano-Format beschnitten, das dem Motiv gerechter wird, wie ich meine. Ich würde noch weiter gehen: Ich habe mit ein paar Tricks in Photoshop versucht, die Konturen der Bäume etwas hervorzuheben, ohne den Nebel im Vordergrund durch eine reine Silhouetten-Belichtung zu übertünchen, denn er ist das Element, das diese Ansicht einerseits überhaupt erst ermöglicht und andererseits wie eine ironischer Hinweis wirkt, dass es sich durchaus um einen dreidimensionalen Raum handelt. Das ist etwas, was ein japanischer Scherenschnitt nicht haben könnte, und das die Betrachterin an dieses Bild herantreten liesse, nachdem sie es zuerst für besagten Scherenschnitt halten würde.

Du warst bei der Aufnahme durch das Format Deiner Kamera beschränkt. Hier hätte es sich meiner Ansicht nach (grade mit einer Vollsensor-Kamera) gelohnt, ein aus zwei Aufnahmen zusammengesetztes Panorama anzulegen. Dein Zoom hätte Dir dies sogar von Deinem Standort aus per Tele erlaubt. Damit könnte diese wunderbare Waldlinie in einer ansehnlichen Grösse gedruckt werden.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
Mehr über die Profi-Bildkritik erfahren / Eigene Bilder zur Kritik einreichen.

Weiterempfehlen

Mehr lesen

26.5.2009, 5 KommentareStillleben:
Linien und Farben

24 Stunden: Herbst

22.10.2008, 0 Kommentare24 Stunden:
Herbst

Herbstliche Farben und Formen und Schattenrisse, die Themen Ernte und Abschluss: Beliebte Motive für Fotografen.

24 Stunden: Blattfall und Flächenbrand

14.10.2008, 0 Kommentare24 Stunden:
Blattfall und Flächenbrand

Der Herbst als Laubfall- und Flächenbrand-Jahreszeit: Waldbrände in Kalifornien, Flächenbrand an den Börsen.

Landschaftsfotografie: Sehen statt denken

27.2.2010, 0 KommentareLandschaftsfotografie:
Sehen statt denken

In der Landschaftsfotografie zählt allein das Sehen. Wer zuviel nachdenkt, läuft Gefahr, in die Dokumentarfotografie zu verfallen.

Sumpffotografie: Schattenriss mit Tiefe

9.2.2010, 3 KommentareSumpffotografie:
Schattenriss mit Tiefe

Landschaftsfotografie braucht nicht unbedingt einen Vordergrund, aber unbedingt Tiefe.

Einsame Parkbänke: Stimmung macht eine Landschaft

22.1.2010, 2 KommentareEinsame Parkbänke:
Stimmung macht eine Landschaft

Meistens lohnt es sich zu warten, und sich noch einmal umzudrehen, noch ein letztes Foto zu schießen.

Vor Sonnenaufgang: Tiefengrafik in Blau

4.11.2009, 0 KommentareVor Sonnenaufgang:
Tiefengrafik in Blau

Fotografien mit Horizont-Schichtung gelingen am besten, wenn genau die richtige Menge Luftfeuchtigkeit für den Kontrast an den Kanten sorgt.

Sonnenaufgang-Foto: Weniger ist mehr

2.10.2009, 1 KommentareSonnenaufgang-Foto:
Weniger ist mehr

Vor und nach Sonnenauf- oder Untergang findet ein Spektakel von Farben, Formen und Licht statt, das oder gerade einfachen Bildern viel Emotionalität verleiht.

Waldspaziergang: Porträt im Panoramaformat

3.8.2009, 14 KommentareWaldspaziergang:
Porträt im Panoramaformat

Die vielen Möglichkeiten digitaler Bildbearbeitung sind verführerisch, aber nicht jede gereicht dem Foto zum Vorteil.

Einsame Parkbänke: Stimmung macht eine Landschaft

22.1.2010, 2 KommentareEinsame Parkbänke:
Stimmung macht eine Landschaft

Meistens lohnt es sich zu warten, und sich noch einmal umzudrehen, noch ein letztes Foto zu schießen.

Strandfotos: Kontrastsuche und Serien

11.11.2009, 3 KommentareStrandfotos:
Kontrastsuche und Serien

Gelegentlich wirkt ein Einzelbild allein nur halb so gut, wie es in einer Serie wirken kann.

Hafenröte: Ein Motiv muss her

23.6.2009, 0 KommentareHafenröte:
Ein Motiv muss her

Auch die schönste Lichtstimmung wirkt flach, wenn das Bild kein Motiv aufweist.

Extreme Perspektiven: Blick nach oben

24.2.2010, 3 KommentareExtreme Perspektiven:
Blick nach oben

Wenn man sich die Zeit nimmt, eine Szene aus mehreren Blickwinkeln zu betrachten, entsteht meist ein besseres Bild. Oft genügt ein Blick nach oben.

Pilz-Makrofoto: Kleiner Riese im Wald

2.12.2009, 1 KommentarePilz-Makrofoto:
Kleiner Riese im Wald

Makro-Fotografie mit Umgebungseinbezug ragt sofort aus der Masse der Blumen- und Insektenbilder heraus.

Stilleben im Nebelwald: Glühende Linien

16.10.2009, 0 KommentareStilleben im Nebelwald:
Glühende Linien

Nebel, Regen oder Wind muss man zwar auf der Fotopirsch ertragen können, sie bieten aber häufig sehr ungewohnte und spannende Motive.

Diesen Artikel kommentieren

Wir sind sehr an einer offenen Diskussion interessiert, behalten uns aber vor, beleidigende Kommentare sowie solche, die offensichtlich zwecks Suchmaschinenoptimierung abgegeben werden, zu editieren oder zu löschen. Mehr dazu in unseren Kommentarregeln.