Frontalporträt:
Starker Ausdruck, aber zu flau

Ein starkes Porträt, das sich ganz auf den Menschen konzentriert. Ein wenig stärkere Nachbearbeitung würde der Fotografie jedoch gut tun.

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Andreas Brössel).

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Andreas Brössel).

Kommentar des Fotografen:

Nein, es handelt sich bewusst nicht um ein Portrait eines Straßenkehrers in einem Schwellenland, der mit seinem vom Leben gezeichnetem Gesicht Lesern eines Hochglanz-Magazins an Ihren Wohlstand erinnert. Wir schreiben das wirtschaftlich ereignisreiche Jahr 2009 – und das Portrait zeigt einen deutschen “Arbeiter” vor seinem Büroeingang, der sich angesichts der zunehmend schwierigen Situation auf dem Arbeitsmarkt Gedanken um seine Zukunft und Familie machen muss.

Ziel der Aufnahme war es, eine ungefilterte Momentaufnahme einzufangen, die jene aktuelle Problematik unserer dahinscheidenden Wohlstandsgesellschaft abbildet. Bewusst wurde das Bild nicht mit dem Ausbessern-Werkzeug bearbeitet. Das Gesicht sollte natürlich, unvollkommen und unverfälscht belassen werden. Lediglich der Rot-Kanal wurde bei der Konvertierung in SW etwas angehoben.

Profi Jan Zappner meint zum Bild von Andreas Brössel:

Ein klassisches Porträt, das technisch einwandfrei umgesetzt wurde und damit den Menschen sehr schön in den Vordergrund rückt. Inhaltlich hätte ich mir beim Anspruch des Fotografen, die dahinscheidende Wohlstandsgesellschaft abzubilden, ein wenig mehr Informationen gewünscht. Ein isoliertes Porträt als Symbol für eine solch komplexe Aussage nutzen zu wollen, ist sehr schwierig.

Zunächst zum technischen Part:

Hier ist der Mensch sehr schön herausgearbeitet worden. Durch das 80mm-Objektiv (auf der Nikon D200 ein 120 mm) fällt es leichter, Vorder- und Hintergrund zu definieren. Außerdem werden die menschlichen Gesichtszüge unverzerrter und damit vorteilhafter für den Abgebildeten dargestellt.

Bei einer Blende von 2.0 werden hier nur die Augen scharf, was die Aufmerksamkeit automatisch auf den gewünschten Bereich bei einem Porträt legt. Der Rest (schon die Ohren) verschwindet in Unschärfe, wodurch man als Betrachter nicht abgelenkt wird. Insofern alles schön.

Allerdings verstehe ich die Belichtungszeit von 1/45 nicht ganz. Eigentlich sollte man, um ein Verwackeln zu vermeiden, mindestens mit einer Geschwindigkeit gleich der Brennweite fotografieren. Hier wären das dann 1/125 oder schneller. Da das Bild ja trotzdem unverwackelt ist, nehme ich an, das Objektiv hat einen Stabilisator. Damit kann man erheblich längere Belichtungszeiten in schwierigen Lichtverhältnissen wählen. Ob das hier der Fall war?

Kontrast verstärkt, eine Dunkelkammer-Bearbeitung fern von Manipulation.

Kontrast verstärkt, eine Dunkelkammer-Bearbeitung fern von Manipulation.

Bei der Aufteilung verstehe ich das “an den Rand schieben” nicht ganz. Warum? Der Goldenen Schnitt macht ja nur Sinn, wenn ich in jedem Bereich eine Information plazieren kann. Vieleicht hätte man hier ja eine Information am anderen Rand einbauen können, die den Status des Porträtierten verdeutlicht. Denn der wird mir hier nicht klar.

Und damit läuft die “Kritik” auch ein wenig ins Leere. Ich weiß als Betrachter nämlich nicht, wer das ist und was er macht. Deshalb wäre ein konkreteres Konzept-Bild (oder Reihe) nicht so schlecht.

Ich habe das Bild trotz Deiner Zurückhaltung ein wenig in PS gearbeitet und die Kontraste verstärkt, da es mir einfach zu flau vorkam. Zwar verstehe ich den Ansatz des Fotografen, nichts verändern zu wollen. Digitale Dunkelkammertechniken halte ich jedoch für sehr legitim: Wir reden nicht von Bildmanipulation, sondern von der Verstärkung des gewünschten Ausdrucks mit den vorhandenen Mitteln.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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5 Kommentare

  1. Ein Durchschnittsgesicht, so ungefähr sehe ich auch aus, wenn ich Sonntags aus dem Bett komme. Das ist wirklich mal wohltuend! Weil alles so normal ist, wird der Blick des Portraitierten noch mehr in den Mittelpunkt gerückt.

    Mir persönlich ist bei der PS-Lösung die Stirn etwas zu hell geraten. Gut dagegen ist auf jeden Fall, dass das Flaue weg ist.

    Ich verstehe die Aussage zum Goldenen Schnitt nicht, was ist damit gemeint “mit jedem Bereich und der Plazierung von Information”? Ich hätte über ein Hochformat nachgedacht, wäre aber bei Querformat auch auf eine ähnliche Aufteilung gekommen und nicht auf eine mittige Lösung. Oder liege ich mal wieder falsch :-o

  2. Mir geht es genauso – die Aussage “Der Goldenen Schnitt macht ja nur Sinn, wenn ich in jedem Bereich eine Information plazieren kann.” verstehe ich nicht. Der goldene Schnitt soll doch u.a. vermeiden, dass eine Komposition statisch und langweilig wirkt. Insofern ist diese Bildaufteilung doch hier sehr wohl gerechtfertigt. Oder was ist gemeint?
    Patrick

  3. …. ich meinte damit, dass der “Goldenen Schnitt” nicht nur eine ästhetische Bedeutung im Sinne von “für das Auge angenehm”, sondern eben auch eine inhaltliche Bedeutung haben kann.

    Wenn man Bestandteile eines Bildes an die Seiten rückt, kann man in die frei werdenden Bereiche weitere Informationen unterbringen, die ansonsten keinen Platz hätten.

    Es ist mehr als Gedankenanregung zu verstehen. Ebenso hätte man hier ein Hochkant Bild machen können. Oder eben auch mittig fotografieren. Wichtig ist nur, dass man das bewußt macht.

    Jan Z

  4. Das Portrait gefällt mir auch, besonders, da es so ungekünstelt und ungeschönt ist. (Wir Männer brauchen halt keine Visagisten, Haardresser etc. um gut auszusehen….-lach) Die von J. Zappner bearbeitete Version ist auch mir etwas zu hell im oberen Bereich, so sieht es doch fast aus, als ob von oben ein Scheinwerfer leuchtet. Gravierend ist es aber sicher nicht, es geht vielleicht nur um einen Hauch, den ich als zu hell empfinde. Doch die Kontrastverstärkung finde ich grundsätzlich wohltuend, sieht auch irgendwie noch maskuliner aus.
    Ja, Fotos können Geschichten erzählen, doch müssen sie das immer? Genügt nicht auch einmal einfach ein Bild der Person, so wie sie sich im Moment fühlt, wie sie gerade ist, als Momentdoku sozusagen. Dieses Bild ist vielleicht so was, einfach ein gutes Portrait von Hr. X, der daran seine Freude hat.
    Der Autor schreibt zwar in seinem Kommentar davon, dass es sich um einen Arbeiter handelt, der sich um die momentan schwierige wirtschaftliche Situation sorgt. Ganz wenig davon ist in seinem Gesichtsausdruck schon zu sehen, es scheint mir, dass er die Lippen etwas verkrampft, als halte er den Mund bewusst verschlossen. Vielleicht, weil ihm sonst ungute Worte über die Wirtschaftsführer, die versagten, heraus rutschen könnten? Klar mittig fotografiert, würde sich diese “Beklemmung” vielleicht noch verstärken?

    Es ist schon so, mit diesem Mann in seiner Situation könnte man eine gute Serie machen, die seine Emotionen, seine Sorgen und vielleicht auch seine Hoffnung ausdrücken, ob ich dies könnte, weiss ich nicht. Ich denke nur, schlussendlich müsste man aus seiner Mimik lesen können, um dann zu verstehen, was ihn bewegt. Um dies alles einzufangen, muss man sicher erst das Vertrauen des zu porträtierenden gewinnen, muss Zeit haben und viel Einfühlungsvermögen mitbringen. Ein Genie, der das kann.

  5. Bei aller Liebe – was soll das?
    1. Das Foto wird in nichts der Beschreibung des Fotografen gerecht. Wenn DAS sein Anspruch an das Bild war ist es glatt durchgefallen.
    2. Die “Profimeinung” von Jan Z. wird ebensowenig dieser Bezeichnung gerecht.

    WO ist der “starke Ausdruck”!? Ich sehe nur einen [Achtung! ist nicht persönlich gemeint] “treu-trottelig” dreinschauenden Mann. Der einzige Ausdruck der rüberkommt ist vielleicht “ähmmm … ähmmm … ich glaube … ähmmm … der fotografiert mich grade”. Ein Luftballon hätte hier mehr Ausdruck geliefert.

    Übrigens ist es nicht falsch bei einem SW-Foto sich an gewissen Regeln zu orientieren. Es darf die ganze Bandbreite der Töne benutzt werden – also von weiß bis schwarz. Ein Klick auf die Autotonwertkorrektur kann da meist schon die richtige Richtung zeigen.

    Die “Kritik” zur Belichtungszeit ist daneben – was hat es mit dem Bild zu tun? Und wenn der Fotograf es schafft 5s ohne zu Verwackeln stillzuhalten ist das doch irrelevant für das Bild oder die Kritik. Von mir aus kann die Kamera einzementiert werden. Was zählt ist der Eindruck der beim Betrachten entsteht. Und als “Profi” sollte man schonmal die Benutzung eines Stativs in betracht ziehen können.

    Es bleibt die Bitte an den “Profi” und den Fotografen: Strengt euch künftig zumindest ein bischen an!

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