Griechisches Blau-Weiss:
Formen und Farben in Harmonie

Griechische Dörfer sind ein beliebtes Motiv für Fotografien mit starker Reduktion: Flächen, Formen und wenige Farben bieten Spielraum für kompositorische Reduktion. Stürzende Linien sind darin meist ein behebbares Übel.

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Fabian Rouwen).

Kommentar des Fotografen:

Auf Naxos aufgenommenes Foto. Kirche in der Stadt Chora. Mich faszinierten die Formen und das leuchtende Blau bei der Aufnahme.

Peter Sennhauser meint zum Bild von Fabian Rouwen:

Die verwinkelte Ecke einer kleinen Kirche im typischen Weiss der griechischen Inselbauten – darüber ein knallblauer Himmel. Die Aufnahme ist stark nach rechts gewichtet und lässt die Linien zweier Giebeldach – Flügel der Kirche vor einer runden Kuppel von links unten nach rechts oben verlaufen. Ausser dem knalligen Hellblau des Himmels sind lediglich Weiss und Creme-Farbtöne in der Aufnahme zu finden.

Die Reihe der Korrekturen: Originalbild, entzerrte Linien, Retusche.

Ich kann gut verstehen, wieso Dich dieser Anblick als Motiv gereizt hat. Hier treffen einfache Muster und Flächen, Geraden und Kurven, Linien und Verläufe aufeinander und bieten in einfacher Verbindung ein Mass an Komplexität, dem das Auge einfach folgen muss:

Durch den Verlust der Räumlichkeit und den Zusammenzug der Flächen entsteht ein reizvolles Ganzes, das mehr Geometrie als Landschaftsansicht ist, aber durch die Natürlichkeit von Licht und Farben einladend und nicht befremdlich wirkt – dörfliche Abstraktion, sozusagen.

Mir fällt dabei auch auf, dass vor allem Bilder aus Griechenland diese Wirkung erzielen: Wo Dorf-Idyllen andernorts vor allem pittoresk und eher als szenische Inszenierung menschlichen Lebens reizen, laden die weissen Kalkbauten in ihrer Reinheit zu einfachen Spielen mit Schatten und Licht, Meer und Land, rund und eckig ein.

Erster Korrekturschritt: Die Vertikalen werden parallelisiert.

Dabei fällt hier zusätzlich auf, wie unglaublich weich das Licht trotz des offensichtlich relativ hohen Sonnenstandes wirkt. Auch das scheint eine Eigenheit der weissen Bauten zu sein, die mit Kanten und Ecken soviel Licht reflektieren, dass keine Nische in wirklich dunklen Schatten fällt: Die nicht direkt von der Sonne beschienenen Flächen nehmen vielmehr schon fast goldene Farbtöne an – gut zu sehen an der schrägen Dachkante des vordersten Gebäudeteils.

Deine Komposition mit der Diagonalen, auf der sich die drei Hauptelemente aufreihen, ist ansprechend; die Mischung aus Geraden und Bögen schafft eine interessanten Kontrast, der entschlüsselt werden will.

Der eine Fensterbogen in der unteren Bildmitte allerdings ist zu knapp beschnitten – von ihm möchte ich mehr oder gar nichts sehen.

Und schliesslich sind wir beim grössten Problem dieser (und jeder ähnlichen Weitwinkel-) Aufnahme: Der perspektivischen Verzerrung. Das Bild besteht zwar aus Linien und Kurven, die spannend wirken, weil sie nicht in eine Richtung verlaufen. Für einen Typ der Linien allerdings sollte das gelten: Die Vertikalen. Durch die Verzerrung der Perspektive steht jede einzelne der Senkrechten eben nicht senkrecht, sondern in einem andern zur Bildmitte hin geneigten Winkel – und das ist ausserordentlich irritierend.

Vor Ort lässt sich das nur mit einer Fachkamera oder einem (schweineteuren) Perspektiven-Korrektur-Objektiv (PC, Tilt/Shift) korrigieren.

Eine preiswerte und herausragende Alternative ist die Digitale Dunkelkammer namens Photoshop, die seit einigen Versionen einen speziellen Filter für die Korrektur der typischen Verzerrungen von Objektiven mitbringt: Tonnen- und Kissenverzerrung und stürzende Linien durch Perspektiveneffekte. Es ist das eine Tool, das ich in Lightroom vermisse und was mich bei praktisch jeder Gebäude- oder Stadtaufnahme zähneknirschend in Photoshop wechseln lässt.

Natürlich hat die nachträgliche Korrektur durch eine Software, die in diesem Falle das Bild in der unteren Hälfte „zusammendrückt“, einen Preis: Der linke und rechte Bildrand wird ebenfalls innerhalb des Frames zusammengedrückt.

Danach hast Du nur zwei Optionen: Einen neuen, engeren Ausschnitt zu wählen – was vor allem bei komplexen, detailreichen Bildinhalten unumgänglich ist. Deswegen ist es bei derartigen Aufnahmen ratsam, an Ort und Stelle einen zu grossen Bildausschnitt zu wählen.

Oder aber Du klonst die wegfallenden Flächen mit Bildinhalten aus dem innern Bildbereich, was bei Fotografien wie dieser hier durchaus praktikabel ist.

Ich habe mit dieser Methode den Ausschnitt beibehalten, denn das Himmelblau links und die weisse Mauer rechts lassen sich problemlos ergänzen.

Weitergehende Bearbeitung: Retusche des eingelassenen Kreuzes und des angeschnittenen Türbogens.

Danach habe ich mit dem Flächen-Reparaturwerkzeug in Photoshop – ein anderes Tool, das ich inzwischen heiss liebe und dem nackten Klonstempel jederzeit vorziehe – das eingelassen Kreuz rechts oben wegretuschiert, um die Aufnahme noch stärker zu reduzieren – und schliesslich konnte ich nicht widerstehen und habe auch noch den angeschnittenen Tür- oder Fensterbogen unten in der Bildmitte weggeputzt.

Über solche Eingriffe kann man natürlich streiten. Ich habe inzwischen keine Probleme mehr, bei Kunstbildern wirklich hässliche Bildteile wie Telefonkabel (von denen wir in den weniger reichen Quartieren San Franciscos ganze Bündel einige Meter über der Strasse haben) und dergleichen wegzuretuschieren.

Die für Dein Bild aber jedenfalls absolut unumgehbare Bearbeitung ist die Perspektivenkorrektur.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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8 Antworten
  1. Fabian Rouwen says:

    Danke für all Eure Kommentare und für die Bildkritik. Es ist immer wieder lehrreich, was man alles machen kann.

    Vielen Dank,
    Fabian Rouwen
    P.S. Das Kreuz stand übrigens wirklich schief.

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  2. Peter Sennhauser says:

    Rudi, es wäre auch kein Problem, das Blau noch blauer und das Weiss noch weisser zu machen – das finde ich hier aber so überflüssig wie das Graderichten des Kreuzes. Dass es leicht schief steht (und das tut es garantiert in Wirklichkeit, oder aber die Kirche steht schief!) ist genauso ein reizvoller Tupfer wie seine rundlichen Formen, die sich von den geometrischen Flächen des Restmotivs abheben.

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  3. Rudi Huber says:

    Lieber Peter Sennhauser,
    bei einem derartigen Eigriff in des Originalbild kann es kein Problem sein das Kreuz entweder gerade oder eideutig schräg zu stellen. Ich denke, es würde sehr gut wirken, noch besser wäre es schon bei der Aufnahme das entgültige Bild im Kopf zu haben. Man denke dabei an die analogen S/W Abzüge mit Negativrand. Ob das Kreuz an der Kuppel gerade war wird Fabian Rouen uns sagen können, ist aber nicht wirklich wichtig nach dieser Bearbeitug. Evt. hat er die Kamera auf das Kreuz ausgerichtet (fast) dann muß die nähere Kante der Kirche in der Perspektive schräg werden!

    Grüße aus Wien
    Rudi Huber

    PS.: Das mit der URL geht schon OK. Allerdings habe ich an kein „SEO“ gedacht. Auf dieser Seite habe ich an die 90 Zugriffe/Tag. Das reicht schon.

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  4. Peter Sennhauser says:

    …was es aber ganz offensichtlich physikalisch tut, denn die Hauswände stehen ja wohl gerade und nicht das Kreuz.

    Übrigens, Rudi: Es reicht, wenn Du Deinen URL einmal eingibst, worauf Dein Name oben über dem Kommentar zum anklickbaren Link wird. SEO funktioniert übrigens nicht via Kommentarspalte.

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  5. Peter Sennhauser says:

    Rudi, ich lass ja auch die Oma sein… Ernsthaft, ich hatte die gleichen Hemmungen (und habe sie heute noch bisweilen) bei Eingriffen in meine Bilder, und dann fällt mir der Satz von George Barr ein, als ich im Workshop sagte, schon die Veränderung des Ausschnitts käme mir unehrlich vor. Dann soll ich eben ehrlich bleiben, meinte er, dieweil „wir andern einfach das Beste aus unsern Bildern machen“. Ich habe mich angesichts dieses wunderbaren Fotos schon einmal zur Retusche ausgelassen – und inzwischen umgekehrt mehrfach vor Photoshop-Effekten um der Effekte Willen abgeraten. Wie schon im Text gesagt: Ganze Bildelemente wie das Kreuz wegzuretuschieren, ist eine umstrittene Angelegenheit. Aber solange wir nicht Journalismus betreiben, sondern Kunst anstreben, ist es mindestens eine legitime Option.

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  6. RudiRalala says:

    Wieder mal sehr lehrreich und nachvollziehbar. Danke!

    Dass der Schatten fast golden ist, das hätte ich vorher einfach nicht gesehen. Als Ungeübter sieht man es einfach nicht so wie Du.

    Bei mir war es so mit der Nachbearbeitung:

    Ich habe mein Leben lang analog ohne Nachbearbeitung fotografiert. Der Schritt von der (sogenannten) abgebildeten Realität weg zur „hemmungslosen“ Nachbearbeitung ist eine Schwelle, die ich erst mental überwinden musste. Geht wahrscheinlich den meisten Fotografen mehr oder minder so.

    Eines ist mir allerdings immer noch heilig: Außer Korrektur von roten Augen, Weichzeichnen oder Rand drumrum bleibt die Oma die Oma, das Kind das Kind. Da wird nix verbastelt.

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