Streetfoto:
Guter Ausschnitt, falscher Moment

Diese Strassenaufnahme lebt von der körperlichen Nähe zu den abgebildeten Menschen. Leider passiert zu wenig, um länger hinzuschauen.

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Stephan Amm).

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Stephan Amm).

Kommentar des Fotografen:

Aufgenommen bei einem kleinen Open-Air, bei dem den Menschen noch Freiheiten zugestanden werden, die auf den großen Kommerzveranstaltungen nicht mehr möglich sind. Photographieren nach Lust und Laune ist eine dieser Freiheiten, Bier aus “anständigen” Behältnissen eine andere, die Liste könnte man fortsetzen…

Profi Jan Zappner meint zum Bild von Stephan Amm:

Ein seltenes Bild auf fokussiert. Menschen von vorn, nah, nicht gestellt – Super. Den uns zur Auswahl stehenden Bildern nach zu urteilen haben die meisten Fotografen genau damit die größten Schwierigkeiten. Auch das 20 mm Weitwinkel spricht für eine Vorliebe, den anderen auf die Pelle zu rücken. Vielen Dank erstmal dafür.

Auch wenn ich die körperliche Nähe toll finde, fehlt dem Bild leider der entscheidende Moment, der mich den abgebildeteten Menschen näher bringt:

Mir fehlt eine Handlung, eine Emotion, eine Bewegung. Schlicht irgendwas. Es ist ne coole Type, mit Totenkopf um den Hals, Haartolle und Ohrringen: Da muss doch mehr drin gewesen sein. Die Barfrau hätte das Bier über den Tresen reichen können, er hätte aus dem Humpen trinken können, er hätte mit der Barfrau reden oder flirten können, so dass in den Gesichtern was passiert.

Ein bisschen kann man als Fotograf die Szenerie auch mitbestimmen. Dafür muss man aber in Kontakt mit den Leuten treten. Ich meine damit gar nicht, ihnen zu sagen, was sie tun sollen, sondern eher, ihnen zunächst einfach nur auf die Pelle rücken, um eine Reaktion zu provozieren. Und dann kann man ja wieder ein wenig zurücktreten.

Wenn man den Unterschied ein paar Mal in einem eigenen Bild gesehen hat, weiß man, was einem besser gefällt. Meistens fährt es einem (oder mir) durch den Körper, wenn man so nervt. Aber dieses Kribbeln hat man eben auch nochmal, wenn man seine Bilder editiert. Und dafür lohnt es sich, ein paar Grenzen zu überwinden.

Vielleicht kann man ja auch noch näher ran, um stärker zwischen Vorder- und Hintergrund zu unterscheiden. Einen ganzen Schritt näher (nur das Gesicht z.b.), und die Blende 2,8 entfaltet noch stärker ihre Wirkung.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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11 Kommentare

  1. Hallo Jan,

    danke für Deine ausführliche Kritik, es ist immer wieder interessant was andere Photographen über die eigene Arbeit denken. Was mir nicht so zusagt ist, daß Du aus einer Situation, die nun mal so “unspektakulär” war etwas “mehr” machen willst. Der coole Typ ist vielleicht schüchterner als man denkt (ich kenne beide übrigens persönlich) und liebt es einfach rumzustehen, ein Bierchen zu trinken und keine Faxen zu machen. Die Momentaufnahme bei welcher der Photograph nicht bemerkt/beachtet wird hat ebenso ihren Reiz wie das Spielen mit dem Motiv und hier den falschen Moment zu sehen, unterstellt ja schon fast ich hätte die Szene zufällig aufgenommen, ich habe sie so gesehen und versucht sie so authentisch wie möglich einzufangen. Ich habe genügend Aufnahmen bei denen ich auf den/die Photographierten bewußt zugehe und auch anspreche, hier gefällt mir einfach die Ästhetik der Situation, die kleinen Details und vielleicht gerade die Distanz. Näher ran würde das Gesicht noch mehr verzerren (20mm) und auch die zweite Person aus der “Dreiecksgestaltung” (Kopf-Bier-Kopf) herausnehmen, außerdem ginge die Tiefenwirkung (Flucht Bar/Zaun) verloren. Ich gebe zu bei Landschaftsaufnahmen läßt sich durch nachträgliche Schnitte und EBV einiges verdeutlichen, die Tipps die hier gegeben werden zeigen Möglichkeiten auf, deren Wirkung man nicht vorhersagen kann und einem Anfänger nicht allzu viel bringen werden. Was das Kribbeln anbelangt, dieses Photo bewirkt dies bei mir auch noch nach 4 Jahren :) einfach nur wegen einer Alltagsszene, die in ihrer Ästhetik genau meinen Geschmack trifft. Und die Geschmäcker sind bekanntlich verschieden.

    LG
    Stevie

  2. Hallo Stephan
    Ich bin überhaupt nicht Deiner Ansicht. Geschmack ist das eine, die Kritik hier ist das andere – sie bezieht sich nicht so sehr auf jans persönliche Ansichten als eben auf die Möglichkeiten, die es auch noch gegeben hätte. Und einem Anfänger bringt nichts so viel wie die Hinweise auf Möglichkeiten, die er ohne explizite Anleitung eben nicht erkennt – sei es, weil er den gleichen oder einen ganz anderen Geschmack hat als der Fotograf.

  3. Hallo Peter,

    ich habe ja auch geschrieben, warum ich von Vorschlägen nicht allzu viel halte. Den falschen Moment an sich gibt es in diesem Fall für mich einfach nicht, es gibt sicherlich noch viele Möglichkeiten sich so einer Szene zu nähern, die von Jan aufgezeigten hätte ich mit meiner Digitalen (analog überlege ich dreimal wann ich abdrücke, weshalb ich mit dem “falschen Moment” auch nicht so glücklich bin) bestimmt auch in Angriff genommen, bin mir halt recht sicher, daß ich trotzdem dieses Photo bei der Durchsicht favorisieren würde. Der Anfänger soll auch nicht nur an ein Motiv herangehen mit der Aufgabe, eine ganz aufregende “Action” einzufangen sondern sollte auch lernen eine Szene an sich so zu photographieren, daß sie mehr als nur ein nebenbei gemachter Schnappschuß ist. Ich stehe zu dieser Aufnahme aus vielerlei Gründen, manche sicher subjektiv/persönlich und ich denke, daß die Bildkritik auf fokussiert.com wieder mal ihren Zweck erfüllt hat dem Leser verschiedene Standpunkte nahe zu bringen und eventuell in die eigenen Arbeiten einzubauen.

    LG
    Stevie

  4. Hallo Stephan Amm,
    es gefällt mir sehr wie Du mit der Kritik umgehst! Man kann jede Situation anders aufnehmen, Du hast Dich für ein ruhiges ausgeglichenes Bild entschieden und es ist Dir auch gut gelungen ( eigentlich sehr gut ).
    Wie Du mit dem 20er noch näher rangehen hättest sollen ist mir schleierhaft, es sei denn es sollte eines dieser besonders “witzigen” Fotos werden. Aber das will niemand mehr sehen. Auch in die Situation eingreifen (“schaut alle mal her oder weg oder sonst wohin”) ist Unsinn.
    Es ist ein gutes Bild welches auch aus einer Reportageserie stammen könnte.
    Mir gefällt es wie es ist!

    Gruße aus Wien
    Rudi Huber

    http://www.rudihuber.meinatelier.de

  5. PS zu meinen vorherigen Kommentar:
    So wie Du diesen Typen beschreibst so ist er auch auf dem Bild zu erkennen.
    Rudi Huber

  6. Die in der Kritik angesprochene Einflussnahme des Fotografen auf die Situation finde ich interessant. Für mich wäre sie aber bei diesem Bild keine Verbesserung. Ich mag das Bild und wünsche mir keine weitere Action darin.
    Die Zufriedenheit im Bild kann ich sehr gut nach vollziehen. Was Stephan über den Typen sagt, habe ich beim ersten Betrachten schon gefühlt. Er ist in diesem Moment genau am richtigen Ort und wird den Tag später als gelungen bezeichnen.
    Für meinen Geschmack wird er nur von der rechten oberen Ecke des Bildes etwas zu sehr bedrängt.

  7. @Rudi:

    Dank Dir für Deine Worte!

    @ancore:

    Danke für Deine Einschätzung! Das rechte obere Eck ist wirklich etwas problematisch, das Dia ist an dieser Stelle hart an der Grenze zur Überbelichtung.

    LG
    Stevie

  8. Hallo Stephan,

    warum nimmst Du dafür eigentlich einen Diafilm ?

    LG Rudi Huber

  9. Hallo zusammen,

    hm, interessant, diese Diskussion nach der Kritik von Jan. Es kommt mir vor wie in Antworten zu gewissen Anmerkungen unter Bildern in der Fotocommunity.de. Man wünscht Kritik, weist sie dann aber als unzutreffend zurück…… gern gesehen sind nur anerkennende Worte wie „genial“, „gut gesehen“, „toll“, „Klasse“, aber das bringt einem doch nicht weiter.

    Ich gehe mit Jan einverstanden, dass hier etwas fehlt, eine Handlung, wie Jan es beschreibt, würde dem Bild viel bringen. Mir erscheint das Foto so wie ein „heimlicher Schnappschuss“, obwohl der Fotograf hier sehr nah dran war. Warum? Die Bardame sieht auf den Boden oder an die Trese, der Mann scheint etwas zu beobachten und den Fotografen nicht zu bemerken. Klar, es scheint nur so, nach der Bemerkung des Autors wollte er ja vor allem den Mann porträtieren, ungezwungen ruhig, wie er ist und die Leute wussten schon von der Anwesenheit des Fotografen. Sie tun nur so, als wüssten sie nichts.

    Angenommen, ich sähe das Foto in einer Zeitung, es könnte unter dem Bild folgendes geschrieben stehen:

    „Der Mann beobachtet wie sich zwei Kerle nebenan in die Haare geraten, doch aus der Ruhe lässt er sich deswegen nicht bringen.“

    Oder: „Interessiert schaut der Mann dem Feuerschlucker nebenan zu, dabei hält er das Bier, bereit, wenn nötig, damit einen ausbrechenden Brand zu löschen….“

    Auch: „die zwei haben sich schon lange nichts mehr zu sagen,“ wäre möglich.

    Schon eine solche Bildunterschrift kann die Bildaussage verändern. Da aber eigentlich nichts über die Aufnahme zu erfahren ist, ausser dass sie bei einem Open-Air aufgenommen wurde, komme ich nicht darauf, was diese Aufnahme bezweckt. Ich könnte sie mir aber durchaus in einer Serie „Outdoorporträte“ etc. vorstellen, das ergäbe einen Sinn.

    Über Fotos kann man trefflich streiten, hier über den „Gestaltungsfehler“ dass es scheint, die Finger gehören auch zur Hand/Arm der Dame…….., aber was soll`s, der Abgebildete hat an der Aufnahme sicher Freude, schlecht ist sie ja nicht.

    Dass man noch näher ran sollte, darauf möchte ich mich nicht einlassen, ich weiss nicht genau, wie das dann aussähe, aber es einmal auszuprobieren kann nicht schaden, ich werde es bei Gelegenheit einmal tun.

    LG – Roland

  10. Hallo Roland,

    nur weil ich mit kritisch mit der Kritik auseinandersetze heißt das noch lange nicht, daß ich auf Lobhudelei aus bin. Das mit deinen möglichen Bildunterschriften, die Deiner Meinung nach eine gewisse Beliebigkeit der Aufnahme “beweisen” halte ich nicht für sehr hilfreich, denn es trifft auf fast alle Aufnahmen zu, was man leicht an seinen eigenen Werken ausprobieren kann. Mit der nötigen Distanz natürlich…

    Auch nach dem Zweck von Aufnahmen zu fragen halte ich für einen für mich nicht befriedigenden Ansatz. Photographie ist eine Leidenschaft und der Zweck ergibt sich oder eben nicht.

    LG
    Stevie

  11. Hallo Stephan

    Selbstverständlich dürfen Kritiker – und auch ich – kritisiert werden, man kann auch ihre Meinung teilen, oder eben nicht…;-)

    Aus der Sicht eines unvoreingenommenen Betrachters erachte ich die Kritik von Jan als berechtigt. Denn sie zeigt Anfängern die Möglichkeiten auf, „die es auch noch gegeben hätte“, wie Jan Zappner schreibt. Das müsste man eigentlich akzeptieren.

    Auch bei einer solchen Aufnahme kann man auf die Gestaltung (Hand der Frau hinter dem Glas) gucken und versuchen, solche „Unschönheiten“ zu vermeiden. – Vielleicht ist hier Jan weniger „pingelig“? – Ich versuche immer, auf solche Dinge zu achten, es gelingt aber auch mir nicht immer. oder ich übersehe etwas, was mich später ärgert, aber ich wüsste dass, ….

    Nach dem Zweck einer Aufnahme zu fragen (z.B. Stockfotografie, Werbung, Wettbewerbe) ist unter Umständen schon wichtig, aber sicher nicht immer.

    Der Begeisterung und Leidenschaft für die Fotografie tut mir das keinen Abbruch.

    L. Gr.
    Roland

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