Thomas Demand:
Deutsche Bilder

Uli Eberhardt, 13. Oktober 2009 00:34 Uhr, 0 Kommentare Kommentare

Thomas Demand baut Bildmodelle aus Papier, fotografiert sie und zerstört sie dann wieder. Deutschland, deutsche Bilder sind das Thema der aktuellen großen Ausstellung.

Thomas Demands Ausstellung hat den Titel “Nationalgalerie” und wird in der Berliner Neuen Nationalgalerie gezeigt. Sie versammelt rund 40 Arbeiten, die sich mit gesellschaftlichen, geschichtlichen und politischen Ereignissen in Deutschland befassen.

Wenn wir das Badezimmer sehen, fallen uns sofort die Umstände um den Tod des ehemaligen niedersächsischen Ministerpräsidenten Barschel ein. Und das verwüstete Büro ruft uns Pressebilder aus der Zeit der Wende in Erinnerung, als die Stasi fluchtartig Dokumente vernichten und Spuren verwischen wollte. Anderes, wie die Bushaltestelle zum Beispiel, empfinden wir vielleicht als typisch deutsch – ein schwierig zu fassendes Eigenschaftswort. Tatsächlich sind das alles keine Bilder aus der Wirklichkeit, sondern der Wirklichkeit nachempfundene Modelle aus Papier.

Thomas Demand, Jahrgang 1964, ist deshalb nicht Fotograf im klassischen Sinne, sondern ein Dokumentator unserer im wesentlichen über die Medien vermittelten Bildwelten, Reproduzent und Illusionist. Die Fotografie ist das Medium, in dem seine Arbeiten erhalten bleiben und ausgestellt werden. Häufig dienen ihm Bildvorlagen aus den Massenmedien als Ausgangspunkt für die Rekonstruktion einer bestimmten räumlichen Situation, die dann wiederum mittels Großbildkamera und großer Sorgfalt zu einem zweidimensionalen Bild wird, bevor der Künstler die papierenen Skulpturen zerstört. In solch konzeptionellem Sinne arbeitet Thomas Demand also genauso als Bildhauer wie als Fotograf. Es entstehen Phantombilder von “Tatorten“ vergangener Ereignisse, die uns bekannt erscheinen, wie sie oft ungreifbar bleiben.

Die Ausstellung “Nationalgalerie” ist keine retrospektiv angelegte Überblicksschau, sondern widmet sich dezidiert einem Thema, vielleicht dem wichtigsten in Demands facettenreichem Werk: Deutschland. Die rund 40 Arbeiten, darunter ganz neue und noch nie gezeigte Werke, beschäftigen sich mit Ereignissen und Zuständen dieses Landes vornehmlich seit 1945. Somit ist auch der Zeitpunkt dieser Ausstellung nicht zufällig gewählt, sondern fällt mit den Jubiläen zweier grundlegender historischer Ereignisse in der deutschen Geschichte zusammen: der Gründung der Bundesrepublik Deutschland vor 60 Jahren und dem Mauerfall vor 20 Jahren. Jedes Bild wird von eigens geschriebenen Bildlegenden des Schriftstellers und Dramatikers Botho Strauß begleitet. Sie erklären weniger die Werke Demands, lassen vielmehr im Zwischenraum zwischen Bildern und Texten weitere, neue Lesarten entstehen.

Thomas Demand, geboren in München, studierte an der Kunstakademie Düsseldorf und am Goldsmiths’ College in London. Auf Demands Website erfahren wir noch mehr über ihn und seine Bilder. Zur Ausstellung “Nationalgalerie” gibt es eine eigene Website der Neuen Nationalgalerie. Die ausstellungsbegleitende Publikation ist kein Katalog im üblichen Sinne, sondern ein Künstlerbuch. Den Bildern sind die Texte von Botho Strauß vorangestellt: Nationalgalerie (Affiliate-Link) erscheint Ende November im Steidl-Verlag Göttingen.

Thomas Demand – Nationalgalerie
Bis 17. Januar 2010
Neue Nationalgalerie, Potsdamer Straße 50, D-10785 Berlin
Infoline +49 (0)30 266 42 42 42 (Montag bis Freitag 9 – 16 Uhr), mail@demandinberlin.org
Geöffnet Dienstag, Mittwoch 10 – 18 Uhr, Donnerstag 10 – 22 Uhr, Freitag, Samstag 10 – 20 Uhr, Sonntag 10 – 18 Uhr, Montag geschlossen

Thomas Demand
Ausstellung Nationalgalerie

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