László Moholy-Nagy:
Der erste Multimedia-Künstler

Beim Bauhaus-Künstler László Moholy-Nagy stehen die Medien gleichwertig nebeneinander: Fotografie und Skulptur, Malerei und Film, Bühnenbildentwurf, Zeichnung und Fotogramm.

Die Schirn-Kunsthalle in Frankfurt am Main präsentiert eine große Retrospektive des ungarischen Künstlers László Moholy-Nagy. Er ist in Deutschland durch seine prägende Arbeit als Lehrer am Staatlichen Bauhaus in Weimar und Dessau (1923–1928) bekannt geworden – als erster Multimedia-Künstler, wie man ihn heute bezeichnen würde.

Kein anderer Lehrer am Weimarer und Dessauer Bauhaus, aber auch kaum ein anderer Künstler der an utopischen Entwürfen reichen Epoche der Zwangzigerjahre in Deutschland weist ein so breites Spektrum an Ideen und Aktivitäten auf wie der 1895 in Bácsborsód (Südungarn) geborene László Moholy-Nagy, wie die Schirn-Kunsthalle mitteilt. Die verschiedenen Medien werden abwechselnd eingesetzt, variiert und als Teile eines universellen Gesamtkonzepts wieder aufgegriffen, dessen roter Faden der wache, neugierige und unbändig experimentelle Geist von Moholy-Nagy ist – als heutiger “Multimedia-Künstler”.

Lange bevor von “Mediendesign” und professionellem “Marketing” gesprochen wurde, arbeitete Moholy-Nagy auch in diesen Bereichen als Vordenker neuer technischer, gestalterischer und didaktischer Instrumente. “Alle Gestaltungsgebiete des Lebens sind eng miteinander verknüpft“, schrieb er um 1925 und war trotz seines Mottos „Kunst und Technik – eine Einheit“ kein unkritischer Verehrer des Maschinenzeitalters, sondern eher ein der Technik offen und aufgeschlossen gegenüberstehender Humanist. Steigerung der Lebensqualität, Vermeidung von Spezialistentum, Wissenschaft und Technik als Bereicherung und Vertiefung menschlicher Erfahrungen – so ließe sich seine künstlerische Grundhaltung zusammenfassen, die exemplarisch für das idealistische und utopische Denken einer ganzen Epoche steht.

Nach dem Abitur beginnt Moholy-Nagy 1913 zunächst ein Jurastudium in Budapest, wird jedoch 1915 zum Militär eingezogen. Während des Krieges fertigt er erste Zeichnungen auf Feldpostkarten an und widmet sich nach seiner Entlassung aus der Armee ab 1918 ausschließlich der Kunst. Nach der Übersiedlung von Budapest nach Wien 1919 und ein Jahr später nach Berlin pflegte Moholy-Nagy engen Kontakt zu Kurt Schwitters, Raul Hausmann, Theo van Doesburg und El Lissitzky und setzte sich intensiv mit Merzkunst, De Stijl und Konstruktivismus auseinander. Künstlerische Erfolge stellten sich unter anderem mit einer Einzelausstellung in der Berliner Galerie „Der Sturm“ (1922) ein.

Im Frühjahr 1923 wurde Moholy-Nagy von Walter Gropius als Bauhaus-Meister nach Weimar berufen. Als Leiter von Vorkurs und Metallwerkstatt prägte er maßgeblich die konstruktivistische und gesellschaftliche Neuorientierung des Bauhauses. Die Verzahnung von Kunst, Leben und Technik sowie die Betonung des Visuellen und der Materialaspekte in der Gestaltung waren Kernpunkte seiner Arbeit und führten zu einer modernen, technikorientierten Formensprache. So aktuell wie seine künstlerische Arbeit wirken bis heute auch seine pädagogischen Ansätze als Bauhaus-Lehrer, die eine Erziehung zum künstlerisch-politischen Menschen und zur Kreativität in den Mittelpunkt stellten: “Jeder gesunde Mensch hat ein tiefes Vermögen, die in seinem Mensch-Sein begründeten schöpferischen Energien zur Entfaltung zu bringen (… und) kann seinen Empfindungen in jedem Material Form geben (was nicht gleichbedeutend mit ‘Kunst‘ ist)“, schrieb er 1929.

Vor, während und noch lange nach seiner Tätigkeit am Bauhaus entstanden zahlreiche Gemälde, Zeichnungen, Collagen, Holz- und Linolschnitte sowie Fotografien und Filme als eigenständige Kunstwerke. Ebenso wie seine gestalterischen Entwürfe lassen die Arbeiten in den klassischen Künsten, Malerei und Plastik, ästhetische und konzeptionelle Radikalität erkennen. Beispielhaft stehen dafür die “Telefonbilder“, deren Ausführung der Künstler ausschließlich per Telefon steuerte: Anhand eines speziellen Millimeterpapiers und einer Farbpalette legte er Komposition und Farbigkeit der Bilder fest und ließ die Werke nach seinen telefonischen Angaben von technischen Mitarbeitern ausführen. Neue Wege beschritt Moholy-Nagy auch mit dem berühmten, vom Künstler als “Apparat zur Demonstration von Licht- und Bewegungserscheinungen“ konzipierten “Licht-Raum-Modulator“ von 1930, einem Gesamtkunstwerk aus Farbe, Licht und Bewegung.   

Im Bereich der Fotografie und des Films betrat Moholy-Nagy ebenfalls Neuland: Mit seiner kameralosen Fotografie, seinen Fotogrammen und schließlich seinen abstrakten Filmen wie “Lichtspiel Schwarz-Weiß-Grau“ (1930) gilt er bis heute als einer der wichtigsten Fotografen des 20. Jahrhunderts und Vordenker heutiger Medientheorien.

Als einer der ersten Typografen der Zwanzigerjahre erkannte Moholy-Nagy dank seiner Experimente mit Fotografie und Fotogramm die neuen Möglichkeiten, die in der Kombination von Schrift, Flächengestaltung und bildhaften Zeichen mit den neuen fotografischen Techniken lagen. Moholy-Nagy gestaltete als Bauhaus-Lehrer für Typografie nahezu alle der 14 zwischen 1925 und 1929 erschienenen Bauhaus-Bücher und übernahm – neben der gemeinsamen Herausgeberschaft mit Walter Gropius – die inhaltliche und organisatorische Produktion der Publikationen. Mit ihren dynamischen Kreisen und Balken und ihrer Konzentration auf wenige, klare Farben ähnelte deren Gestaltung den Gemälden und Zeichnungen konstruktivistischer Künstler.

Nachdem er 1928 das Bauhaus verlassen hatte, gründete Moholy-Nagy in Berlin ein eigenes Atelier und entwickelte Werbegrafiken unter anderem für die von Wilhelm Wagenfeld geschaffenen Entwürfe der Jenaer Glaswerke. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten emigrierte Moholy-Nagy nach Amerika und gründete 1937 das “New Bauhaus“ und nach dessen Schließung 1939 die wenige Jahre später in Institute of Design umbenannte School of Design in Chicago. Am 24. November 1946 starb Moholy-Nagy in Chicago an Leukämie.

Der Katalog zur Ausstellung László Moholy-Nagy (Affiliate-Link), herausgegeben von Ingrid Pfeiffer und Max Hollein, erschien im Prestel-Verlag, München 2009.

László Moholy-Nagy
Bis 7. Februar 2010
Schirn Kunsthalle Frankfurt, Römerberg, D-60311 Frankfurt
+49 (0) 69 – 29 98 82-0, welcome@schirn.de
Geöffnet Dienstag, Freitag bis Sonntag 10 – 19 Uhr, Mittwoch und Donnerstag 10 – 22 Uhr

Schirn Frankfurt
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