Nassporträt:
Geheimnisvolle Nixe

Peter Sennhauser, 28. Oktober 2009 11:02 Uhr, 1 Kommentar Kommentare

Actionporträts dürfen ein bisschen mehr als Passbilder. An- und abgeschnittene Gliedmassen allerdings sind fast nie akzeptabel.



Kommentar des Fotografen:

Eine Freundin von mir, im Wasser fotografiert. Mit Photoshop umgewandelt und bearbeitet. Als Anfänger haben wir einfach abends die Sonne ausgenutzt und über einen Reflektor noch aufgehellt.

Peter Sennhauser meint zum Bild von Fridtjof Enzmann:

Eine junge Frau mit nassem Haar, rätselhaftem Blick und ansatzweise geöffnetem Mund blickt unter über dem Kopf entspannt verschränkten Armen in die Kamera. Die halbnassen Haare fallen ihr strähnig ins Gesicht, Wasser perlt vond er Haut und tropft von den Fingern der einen Hand. Die körnige Schwarz-Weiss Aufnahme scheint an einem Strand oder an einem Ufer mit Quaimauer entstanden zu sein, welche unscharf im Hintergrund für den Kontrast sorgt. Der Hintergrund fällt vom hellen Negativraum in der linken Bildhälfte hinter dem Modell ab in eine dunkle rechte Hälfte.

Ein fesselndes Bild:

Die junge Frau gibt mit einem undefinierbaren Gesichtsausdruck zwischen Provokation und Skepsis und einer eher entspannten Körperhaltung dem Publikum viele Rätsel auf – und das macht ein Porträt schon mal grundsätzlich spannend.

Zur Pose gesellt sich das abfliessende Wasser auf der Haut entlang der makellosen Arme und vor allem die beiden Tropfen an der linken Hand, die als einzige Spitzlichtträger sofort zum Blickfang werden; die triefende Nässe, die sie vermuten lassen, steht aber im Widerspruch zum bereits halbtrockenen Haar der jungen Frau.

Die weiche Beleuchtung von vorne und hinten links schmeichelt der Haut und dem eleganten Schwung der Gliedmassen wie auch dem Gesicht durch sehr sanfte Schatten und sorgt für eine körperhafte Sinnlichkeit, ohne irgendwelche Klischees zu bemühen – wie ein eiskalter Hauch von Erotik. Über das Gesicht, die Hand und den linken Arm entlang streicht unser Blick über das Modell, dessen Blick uns im Gegenzug keine Sekunde loslässt und die Musterung zu einer Unverschämtheit macht.

Weitere Fragen lassen der Hintergrund und die ganze Szenerie aufkommen, die über die Story der Geschichte so wenig verrät wie der Blick der Frau über ihre Stimmung – es gibt viel Raum für Interpretation. Der im Bildhorizont zusammenlaufende Dunkle Keil des Hintergrunds schafft mit der Tonwertverteilung von rechts nach links eine zusätzliche Dynamik und gibt dem Modell sowohl Kontrast als auch Räumlichkeit durch die Unschärfe.

Aber so schön alle diese Dinge zusammenspielen und bis hin zu den beiden Wassertropfen an der Hand – die ich für ein wenig zu aufdringlich und im Verhältnis zu den übrigen, spärlichen Wassertropfen zu plastisch halte:

Extrem störend ist hier der Schnitt in den Körper des Modells. So einfach und einleuchtend es auch klingen mag, dass man bei Porträts (und übrigens auch bei andern Aufnahmen mit Menschen drauf) keine Gliedmassen ab- oder anschneiden soll – es passiert immer wieder.

Hier schmerzt es ganz besonders, weil der Negativraum links nichts für das Bild tut und leicht hätte verkleinert werden können und Du mit dem Ausschnitt den Ellenbogen abgesäbelt hast, der integraler Bestandteil der wunderbaren Linie rund um das faszinierende Gesicht sein müsste.

Grade mit Zoom-Objektiven passiert einem das leider oft, weil der Ausschnitt so leicht anzupassen ist: Man konzentriert sich auf eine Sache (das Gesicht) und stellt dabei fest, dass es angeschnitten wirkt, zoomt aus, bis das Objekt ganz im Frame ist und übersieht dabei, dass die kurze Brennweite einen weiteren Objektrahmen in die Komposition einbezieht, der jetzt seinerseits noch viel schlimmer geschnitten wird.

Das passiert übrigens nicht nur bei Porträts, es ist mir bei Landschaftsaufnahmen immer wieder unterlaufen: Um dem Baum seinen Raum zu geben, zoome ich aus und integriere damit einen zerstückelt mäandrierenden Bach in die Komposition.

Das Umgekehrte geschieht beim Einzoomendeutlich selterner, weil man sich mit abnehmendem Bildausschnitt viel klarer bewusst ist, was man von der Komposition weglässt, während beim Auszoomen auf den ersten Blick nicht immer deutlich wird, dass man am Bildrand Fragmente hat.

Für Porträtaufnahmen habe ich mir deshalb die Regel verpasst, grundsätzlich einen zu weiten Rahmen für das Motiv zu wählen und allenfalls nachträglich zu beschneiden. Oder aber von allem Anfang ganz bewusst einen extremen Ausschnitt zu versuchen.

Hier hätte sich in jedem Fall ein Hochformat angeboten; wenn Die Frau dabei den Rahmen weitgehend ausgefüllt hätte, wärst Du zu einer Komposition mit harmonischer Balance gekommen, indem Arm und Kopf links im ersten Bilddrittel und der linke Arm rechts die zweiten beiden Drittel des Bildes ausgemacht hätten.

Ich habe mit einigen extremen an Deinem Bild herumexperimentiert, musste aber zum Schluss kommen, dass sich die Hand und das Gesicht nicht trennen lassen (zum Glück…) und durch einen Arm – einen unversehrten – verbunden sein müssen. So ist das Bild eben ein Meisterwerk mit Makel.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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1 Kommentar

  1. Fridtjof
    schrieb am 3. November 2009 um 11:49 Uhr (#)

    Vielen, vielen Dank für deine konstruktive Kritik. Der Tropfen an der Hand ist bzw war so, hab ihn eigentlihc nicht plastischer gemacht…
    Werd in Zukunft drauf achten nichts mehr abzuschneiden :D

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