Nassporträt:
Geheimnisvolle Nixe

Actionporträts dürfen ein bisschen mehr als Passbilder. An- und abgeschnittene Gliedmassen allerdings sind fast nie akzeptabel.

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Fridtjof Enzmann).

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Fridtjof Enzmann).



Kommentar des Fotografen:

Eine Freundin von mir, im Wasser fotografiert. Mit Photoshop umgewandelt und bearbeitet. Als Anfänger haben wir einfach abends die Sonne ausgenutzt und über einen Reflektor noch aufgehellt.

Peter Sennhauser meint zum Bild von Fridtjof Enzmann:

Eine junge Frau mit nassem Haar, rätselhaftem Blick und ansatzweise geöffnetem Mund blickt unter über dem Kopf entspannt verschränkten Armen in die Kamera. Die halbnassen Haare fallen ihr strähnig ins Gesicht, Wasser perlt vond er Haut und tropft von den Fingern der einen Hand. Die körnige Schwarz-Weiss Aufnahme scheint an einem Strand oder an einem Ufer mit Quaimauer entstanden zu sein, welche unscharf im Hintergrund für den Kontrast sorgt. Der Hintergrund fällt vom hellen Negativraum in der linken Bildhälfte hinter dem Modell ab in eine dunkle rechte Hälfte.

Ein fesselndes Bild:

Die junge Frau gibt mit einem undefinierbaren Gesichtsausdruck zwischen Provokation und Skepsis und einer eher entspannten Körperhaltung dem Publikum viele Rätsel auf – und das macht ein Porträt schon mal grundsätzlich spannend.

Zur Pose gesellt sich das abfliessende Wasser auf der Haut entlang der makellosen Arme und vor allem die beiden Tropfen an der linken Hand, die als einzige Spitzlichtträger sofort zum Blickfang werden; die triefende Nässe, die sie vermuten lassen, steht aber im Widerspruch zum bereits halbtrockenen Haar der jungen Frau.

Die weiche Beleuchtung von vorne und hinten links schmeichelt der Haut und dem eleganten Schwung der Gliedmassen wie auch dem Gesicht durch sehr sanfte Schatten und sorgt für eine körperhafte Sinnlichkeit, ohne irgendwelche Klischees zu bemühen – wie ein eiskalter Hauch von Erotik. Über das Gesicht, die Hand und den linken Arm entlang streicht unser Blick über das Modell, dessen Blick uns im Gegenzug keine Sekunde loslässt und die Musterung zu einer Unverschämtheit macht.

Weitere Fragen lassen der Hintergrund und die ganze Szenerie aufkommen, die über die Story der Geschichte so wenig verrät wie der Blick der Frau über ihre Stimmung – es gibt viel Raum für Interpretation. Der im Bildhorizont zusammenlaufende Dunkle Keil des Hintergrunds schafft mit der Tonwertverteilung von rechts nach links eine zusätzliche Dynamik und gibt dem Modell sowohl Kontrast als auch Räumlichkeit durch die Unschärfe.

Aber so schön alle diese Dinge zusammenspielen und bis hin zu den beiden Wassertropfen an der Hand – die ich für ein wenig zu aufdringlich und im Verhältnis zu den übrigen, spärlichen Wassertropfen zu plastisch halte:

Extrem störend ist hier der Schnitt in den Körper des Modells. So einfach und einleuchtend es auch klingen mag, dass man bei Porträts (und übrigens auch bei andern Aufnahmen mit Menschen drauf) keine Gliedmassen ab- oder anschneiden soll – es passiert immer wieder.

Hier schmerzt es ganz besonders, weil der Negativraum links nichts für das Bild tut und leicht hätte verkleinert werden können und Du mit dem Ausschnitt den Ellenbogen abgesäbelt hast, der integraler Bestandteil der wunderbaren Linie rund um das faszinierende Gesicht sein müsste.

Grade mit Zoom-Objektiven passiert einem das leider oft, weil der Ausschnitt so leicht anzupassen ist: Man konzentriert sich auf eine Sache (das Gesicht) und stellt dabei fest, dass es angeschnitten wirkt, zoomt aus, bis das Objekt ganz im Frame ist und übersieht dabei, dass die kurze Brennweite einen weiteren Objektrahmen in die Komposition einbezieht, der jetzt seinerseits noch viel schlimmer geschnitten wird.

Das passiert übrigens nicht nur bei Porträts, es ist mir bei Landschaftsaufnahmen immer wieder unterlaufen: Um dem Baum seinen Raum zu geben, zoome ich aus und integriere damit einen zerstückelt mäandrierenden Bach in die Komposition.

Das Umgekehrte geschieht beim Einzoomendeutlich selterner, weil man sich mit abnehmendem Bildausschnitt viel klarer bewusst ist, was man von der Komposition weglässt, während beim Auszoomen auf den ersten Blick nicht immer deutlich wird, dass man am Bildrand Fragmente hat.

Geht nicht: So wird die Frau zum Zombie mit abgefallener Hand.

Geht nicht: So wird die Frau zum Zombie mit abgefallener Hand.

Für Porträtaufnahmen habe ich mir deshalb die Regel verpasst, grundsätzlich einen zu weiten Rahmen für das Motiv zu wählen und allenfalls nachträglich zu beschneiden. Oder aber von allem Anfang ganz bewusst einen extremen Ausschnitt zu versuchen.

Hier hätte sich in jedem Fall ein Hochformat angeboten; wenn Die Frau dabei den Rahmen weitgehend ausgefüllt hätte, wärst Du zu einer Komposition mit harmonischer Balance gekommen, indem Arm und Kopf links im ersten Bilddrittel und der linke Arm rechts die zweiten beiden Drittel des Bildes ausgemacht hätten.

Ich habe mit einigen extremen an Deinem Bild herumexperimentiert, musste aber zum Schluss kommen, dass sich die Hand und das Gesicht nicht trennen lassen (zum Glück…) und durch einen Arm – einen unversehrten – verbunden sein müssen. So ist das Bild eben ein Meisterwerk mit Makel.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
Mehr über die Profi-Bildkritik erfahren / Eigene Bilder zur Kritik einreichen.

 

Mehr lesen

Amazonen: Lebenskraft pur

20.11.2011, 1 KommentareAmazonen:
Lebenskraft pur

Der Bildband «Amazonen - Das Brustkrebsprojekt von Uta Melle» (Kehrer Verlag) ist eine Wucht. Fotografisch, wie inhaltlich. Ein Buch, das schonungslos eine Seite des Lebens präsentiert, die oft genug verdrängt wird.

Stefan Gesell: Sturzflug in die Welt der Erotik

10.10.2011, 0 KommentareStefan Gesell:
Sturzflug in die Welt der Erotik

Selbstmörderische Mädchen? Nein. Aber starke, selbstbewusste Frauen, die sich mit ihrer Sexualität in das Leben und die Tiefen der Erotik werfen, als gäbe es kein Morgen. Das sind die Bilder von Stefan Gesell in seinem Erotik-Band «Kamikaze Girls».

Madonna nackt: Kunstpromotion oder Ärgernis?

2.7.2009, 0 KommentareMadonna nackt:
Kunstpromotion oder Ärgernis?

Neue Madonna-Nacktbilder in einer Londoner Ausstellung: Geldmacherei oder ideale Werbung für gute Aktfotografie?

Leserfoto: Mit der Unterhose in den Alpen

8.2.2013, 2 KommentareLeserfoto:
Mit der Unterhose in den Alpen

Wenn nackte Haut reichen soll, um einen Überraschungseffekt zu provozieren, wird eine ansonsten gute Idee schnell zur Karikatur ihrer selbst.

Bildbearbeitung: Abwedeln und Nachbelichten in der Digitalfotografie (2)

23.1.2013, 4 KommentareBildbearbeitung:
Abwedeln und Nachbelichten in der Digitalfotografie (2)

Der nachfolgende Artikel unseres Gastautors Thomas Brotzler befaßt sich mit den Möglichkeiten des Abwedelns und Nachbelichtens. Im vorangegangenen ersten Teil ging es um die Herkunft und Bedeutung dieser Technik. Im heutigen zweiten Teil werden praktische Aspekte mit einem Bearbeitungsbeispiel aufgezeigt.

Christian Patterson: Redheaded Peckerwood

14.1.2013, 0 KommentareChristian Patterson:
Redheaded Peckerwood

Christian Pattersons rekonstruierte mit Fotografien und historischem Material einen Kriminalfall, der in den Fünfzigern Amerika erschüttert hatte: Redheaded Peckerwood.

Leserfoto: Das klassische Mutter-Kind-Portrait

29.1.2013, 2 KommentareLeserfoto:
Das klassische Mutter-Kind-Portrait

Wer gut vorbereitet ist, kann auch die kurzen Zufallsmomente für seine Aufnahmen nutzen, wie bei diesem zeitlosen Familienklassiker zu sehen ist.

Porträt: Reduktion betont auch Fehler

11.1.2011, 3 KommentarePorträt:
Reduktion betont auch Fehler

Bei einfach komponierten Bildern treten störende Elemente noch störender zu Tage. Das gilt insbesondere, wenn sie eines der wenigen farbigen Elemente im Foto sind.

Studioarbeit: Federleichtes Beauty-Porträt

6.1.2011, 11 KommentareStudioarbeit:
Federleichtes Beauty-Porträt

Auch bei einem insgesamt gelungenen Porträt gibt es manchmal Kleinigkeiten, welche die Bild noch weiter verbessern können. In diesem Fall sind es Blickrichtung, Accessoires und Frisur.

Leserfoto: Das klassische Mutter-Kind-Portrait

29.1.2013, 2 KommentareLeserfoto:
Das klassische Mutter-Kind-Portrait

Wer gut vorbereitet ist, kann auch die kurzen Zufallsmomente für seine Aufnahmen nutzen, wie bei diesem zeitlosen Familienklassiker zu sehen ist.

Leserfoto: Film Noir Schnappschuß – Geschichten erzählen

24.1.2013, 1 KommentareLeserfoto:
Film Noir Schnappschuß – Geschichten erzählen

Verfallene Gebäude allein sind interessante Fotomotive. Wenn man dann innerhalb des Gebäudes noch eine Geschichte findet, die das Foto erzählen kann, muß man sich anstrengen, kein gutes Bild zu machen.

Bildbearbeitung: Abwedeln und Nachbelichten in der Digitalfotografie (2)

23.1.2013, 4 KommentareBildbearbeitung:
Abwedeln und Nachbelichten in der Digitalfotografie (2)

Der nachfolgende Artikel unseres Gastautors Thomas Brotzler befaßt sich mit den Möglichkeiten des Abwedelns und Nachbelichtens. Im vorangegangenen ersten Teil ging es um die Herkunft und Bedeutung dieser Technik. Im heutigen zweiten Teil werden praktische Aspekte mit einem Bearbeitungsbeispiel aufgezeigt.

Leserfoto: Standhafte Möwen - schräg im Wind

15.2.2013, 4 KommentareLeserfoto:
Standhafte Möwen - schräg im Wind

Der kreative Einsatz von Farben und Bildaufbau entbinden den Fotografen nicht von den restlichen technischen Anforderungen an ein gelungenes Foto.

6.11.2012, 1 KommentareHiroshi Sugimoto:
Das Meer senkrecht

Nur für die bessere Übersichtlichkeit stellen wir diesem Beitrag ein waagrechtes Bild vornedran: Ansonsten hat Hiroshi Sugimoto seine Meerbilder in die Senkrechte gestellt.

7.9.2012, 8 KommentareLeserfoto:
Eisberg und Meer – Der Himmel liegt im Wasser

Bei manchen Motiven ist Umdenken gefordert.

«Selection»: Blick durch Fotokunst

22.5.2013, 0 Kommentare«Selection»:
Blick durch Fotokunst

Die Berliner CWC GALLERY zeigt noch bis zum 24. August eine sehenswerte Fotoausstellung: «Selection». Dahinter verbergen sich über 100 ausgewählte Werke von sieben herausragenden Vertretern der Fotokunst, die erstmalig in dieser Zusammenstellung gezeigt werden und verschiedene Genres – von Akt und Porträt über Tierphotographie bis Stillleben – vereinen. Besonderer Bestandteil der Ausstellung sind zwei Portfolios von Helmut Newton und Jeanloup Sieff, die eigens in Zusammenarbeit von CAMERA WORK angefertigt wurden.

Romney Müller-Westernhagen: Natürliche Portraits

15.8.2012, 3 KommentareRomney Müller-Westernhagen:
Natürliche Portraits

Für eindrucksvolle Portraits braucht es oft nicht sehr viel. Wenn aber hinter der Kamera eine Künstlerin mit prominentem Nachnamen und vor dem Objektiv weitere Prominente stehen, dann ist die Aufmerksamkeit gewiss. In der Berliner Galerie Camera Work ist vom 11. August bis 22. September die weltweit erste Ausstellung der Photographin Romney Müller-Westernhagen zu sehen.

Giacomo Giannini: Aus der Vogelperspektive

27.6.2012, 1 KommentareGiacomo Giannini:
Aus der Vogelperspektive

Giacomo Giannini fliegt über Italien und zeigt uns irritierend schöne Grafiken aus der Vogelperspektive.

Strassenfotografie: Perfekt inszenierte Silhouette

31.8.2011, 13 KommentareStrassenfotografie:
Perfekt inszenierte Silhouette

Perfekte Komposition mit vielen Linien, die auf ein ebenso perfektes Subjekt zeigen: So entsteht eine hervorragende Fotografie.

Löwenzahnstilleben: Platz lassen

6.6.2011, 1 KommentareLöwenzahnstilleben:
Platz lassen

Negativer Raum ist Dein Freund. Oder der so manchen Sujets, das in einem engen Motivrahmen eingesperrt wirkt.

Symbolbild: Der Zusammenhang zählt

26.1.2011, 3 KommentareSymbolbild:
Der Zusammenhang zählt

Konzeptbilder, deren Inhalt bildliche Umsetzung einer konkreten Aussage ist, müssen so eindeutig wie möglich sein, ohne platt zu wirken.

Leserfoto - \

2.7.2014, 7 KommentareLeserfoto - "Sensuality":
Die Qual der Wahl

Nach welchen Kriterien sollte man Fotos auswählen?

24.6.2014, 2 KommentareLeserfoto - "Into the Light":
Zu viel "Schliff"

Gute Fotos benötigen nicht viel "Schliff".

«Selection»: Blick durch Fotokunst

22.5.2013, 0 Kommentare«Selection»:
Blick durch Fotokunst

Die Berliner CWC GALLERY zeigt noch bis zum 24. August eine sehenswerte Fotoausstellung: «Selection». Dahinter verbergen sich über 100 ausgewählte Werke von sieben herausragenden Vertretern der Fotokunst, die erstmalig in dieser Zusammenstellung gezeigt werden und verschiedene Genres – von Akt und Porträt über Tierphotographie bis Stillleben – vereinen. Besonderer Bestandteil der Ausstellung sind zwei Portfolios von Helmut Newton und Jeanloup Sieff, die eigens in Zusammenarbeit von CAMERA WORK angefertigt wurden.

Ein Kommentar

  1. Vielen, vielen Dank für deine konstruktive Kritik. Der Tropfen an der Hand ist bzw war so, hab ihn eigentlihc nicht plastischer gemacht…
    Werd in Zukunft drauf achten nichts mehr abzuschneiden :D

Kommentar schreiben

Wir sind sehr an einer offenen Diskussion interessiert, behalten uns aber vor, beleidigende Kommentare sowie solche, die offensichtlich zwecks Suchmaschinenoptimierung abgegeben werden, zu editieren oder zu löschen. Mehr dazu in unseren Kommentarregeln.

* Pflichtfelder