Vor Sonnenaufgang:
Tiefengrafik in Blau

Fotografien mit Horizont-Schichtung gelingen am besten, wenn genau die richtige Menge Luftfeuchtigkeit für den Kontrast an den Kanten sorgt.

© Matthias Schaffner – Canon EOS 350D – 1/400s – f/11 – ISO 100 – 58mm (90mm)

Kommentar des Fotografen:

Diese Bild entstand eher zufällig. Auf dem Weg um die 3 Zinnen in Südtirol läuft man (in diesem Falle morgens) um die kleine Zinne und der Blick öffnet sich ins Ansiei-Tal. Mir gefielen vor allem die unzähligen Horizonte, die durch den Morgendunst sichtbar geworden sind. Das Foto wurde zugeschnitten und die Tonwerte wurden angepasst.

Peter Sennhauser meint zum Bild von Matthias Schaffner:

Wer sich bisweilen fragt, woher die Redewendung von einer “Fahrt ins Blaue” rührt, bekommt mit solchen Bildern eine Antwort.

Ein Bergpanorama-Foto im entsprechenden Schnitt, das einen vielfach geschichteten Blick entlang einem Tal zum fernen Horizont öffnet. Die Ebenen der einzelnen Berge heben sich voneinander durch Farbsättigung ab, die jeweils durch einen Hauch von Nebel zwischen den einzelnen Gipfeln besonders kontrastreich erscheint.

Die Fotografie bleibt monochrom in verschiedenen Blautönen und bietet ausser ein paar gezackten Bergspitzen keine Details – bis man im fernen Himmel einige Schleierwolken entdeckt.

Ausser “herzlichen Glückwunsch” gibt es zu diesem Bild wenig mehr zu sagen. Ich schätze, es ist in einem jener Momente entstanden, in denen man mit offenem Mund darüber staunt, wie perfekt die Bedingungen manchmal sein können, um einen ganz bestimmten Aspekt von Naturschönheit zu betonen. Es ist Dir gelungen, diesen Moment einzufangen, und Du bist mit einem Bild belohnt worden, das eben so grafisch reduziert wie emotional ausdrucksstark ist.

Diese extreme Schichtung der Horizonte ist ja nicht an jedem beliebigen Morgen gleich gut sichtbar. Zu den Faktoren, welche für die Abgrenzung der einzelnen Horizonte führen, gehört neben dem Lichteinfall vor allem die Luftfeuchtigkeit: Sehr dramatische Bilder entstehen, wenn zwischen den Bergen sich die letzten Nebelschwaden der Nacht verziehen – das führt zu romantischen Landschaftsfotos.

Hier aber handelt es sich nicht um Nebelschwaden, sondern um genau jenes gleichmässige Mass an Feuchtigkeitsgehalt der Luft, das für eine sich durch das ganze Bild und über die ganze Distanz von vielleicht zehn, fünfzehn Kilometern hinziehende Kontrastverstärkung für die Landschaftskanten sorgt. Weil diese feuchte Luft zudem in den tieferen Lagen liegt, verstärkt sich die Intensität jeder Tiefenebene nach oben in einem gleichmässigen Verlauf.

Du hast Dich hier zu recht vollkommen auf diese Flächen und Verläufe konzentriert und mit einer schönen Linienführung der beiden Bergketten im Vordergrund und dem Tal, das sich von links vorne nach rechts hinten in die Bildtiefe zieht, den plastischen Eindruck verstärkt.

Ich frage mich einzig, ob es sich lohnen würde, den Himmel, der jetzt doch ein bisschen sehr von Schleiern durchzogen ist und die schlichte Flächen-Wirkung stört, der übrigen zeichnungslosen Struktur anzupassen – sprich die Wolken und den Dunst in der Höhe wegzuretuschieren. Das bliebe vielleicht auszuprobieren und ist Geschmackssache.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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