U-Bahn “Straßenfoto”:
Symmetrie muß Sinn ergeben

Perfekte Symmetrie in einem Foto kann sehr interessant wirken, wenn sie bewußt und wirkungsvoll eingesetzt wird.

Kommentar des Fotografen:

Ich bin sehr glücklich über dieses Bild, schließlich gelang es mir, diese nur wenige Sekunden lang dauernde “Szene” meiner Meinung nach optimal einzufangen. U-Bahn hält an Endhaltestelle, alle sind schon ausgestiegen außer wir beide, meine Gegenüber bleibt kurz stehen und sieht aufs Handy, geht aber Sekundenbruchteile später weiter und steigt ebenfalls aus. Ich mag die Perspektive und die sich dadurch ergebene Tiefe. Meiner Meinung nach lenkt in der farbigen Variante zu viel vom Subjekt ab, in Graustufen wirkt es ein wenig ruhiger und gefälliger fürs Auge.

Profi Sofie Dittmann meint zum Bild von Johannes Huss:

Das erste, was mir an diesem Foto sofort auffiel, war die fast vollständige Symmetrie, durch die es visuell beherrscht wird.

Der Fotograf stand in der Mitte des U-Bahnwagens und hat von diesem umbemerkt einen anderen Fahrgast abgelichtet, der einige Meter entfernt mit seinem Handy beschäftigt war.

Zunächst einmal zu dem, was mir an diesem Foto gut gefällt. Die Grauwerte sind ausgewogen verteilt, ohne das Foto langweilig erscheinen zu lassen. Ich stimme mit Dir überein, daß es wahrscheinlich in Farbe nicht dieselbe Wirkung gehabt hätte. Durch die Reduktion auf Tonwertstufen konzentriert sich der Betrachter mehr auf Form. Man hätte sogar den Kontrast noch etwas heraufdrehen können.

Die Herausforderung bei Situationsaufnahmen dieser Art ist, den Auslöser im richtigen Augenblick zu betätigen. Einen Moment zu früh oder zu spät, und die Aufnahme ist beeinträchtigt. Bei Straßenfotografie war die bevorzugte Kamera schon immer eine Leica (meist ein Rangefinder), wie Du sie hier im Einsatz hattest. Hättest Du hier nur einen Bruchteil einer Sekunde länger gewartet oder wärst Du von vorneherein anders platziert gewesen, wäre aus diesem Foto ein Meisterstück geworden.

So, wie es jetzt komponiert ist, wird der Mann in der Mitte von den in dort angebrachten Griffen nicht nur verdeckt, sondern regelrecht „erstochen“. Wegen der, wie erwähnt, fast perfekt symmetrischen Komposition wirkt das Foto statisch.

Selbst in Fotos, in denen Symmetrie das bestimmende Gestaltungselement ist (beispielsweise Landschaftsfotos mit Wasserspiegelung), ist die Komposition meist dynamisch gehalten, indem der Goldene Schnitt gewahrt wird. Denn perfekte Symmetrie hat auch zur Folge, daß das Foto in seiner Komposition (zu) ausgewogen wird. Manchmal genügt ein Schritt nach rechts, wenn man keinen Einfluß darauf hat, was das Modell tut oder tun wird.

Hättest Du gewartet, bis der Fotografierte sich zum Aussteigen umdreht, wäre natürlich das Meditative des Moments, von dem Du Fotograf ja zunächst so fasziniert warst, verloren gegangen.

Hättest Du aber von vorneherein selbst etwas mehr seitlich gestanden (etwa einen oder zwei Schritte mehr rechts), wäre die Szene vom Aufbau her etwas mehr in Bewegung gekommen UND das Modell nicht von den Haltegriffen „erdolcht“ worden.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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7 Kommentare

  1. RudiRalala
    schrieb am 10. November 2009 um 12:42 Uhr (#)

    Der aufgespießte Mann ist in der Tat unglücklich getroffen. Bei der vorgeschlagenen Unsymetrie wären aber auch die beiden schönen Haltegriffreihen auch weg und die vom Fotografen zu Recht angesprochene Tiefe.

    Eine z.B. im Hintergrund einsam sitzende Person (schlafend, lesend, telefonierend, dösend …) wäre eine Lösungsvariante gewesen, um die schöne Symetrie zu erhalten und mit einer kleinen Geschichte zu verbinden.

  2. Johannes
    schrieb am 10. November 2009 um 13:12 Uhr (#)

    Danke für die gute und ehrliche Bildkritik! :)

    Dass die Person durch die Haltestangen “aufgespiesst” wird, stimmt natürlich, ich weiß jedoch nicht ob man das durch einen Schritt zur Seite hätte verhindern können. Da es sich hierbei nicht um eine bewusst gestaltete Inszenierung, sondern um einen kleinen zufälligen Ausschnitt aus dem Lauf der Dinge handelt, ist dieser Fehler meiner Meinung nach hinnehmbar. Bewusst jedoch wurde der zentral platzierte Fluchtpunkt und die damit verbundene Symmetrie gewählt, und ich finde, dass das Bild fast ausschließlich dadurch wirkt.

  3. Sofie Dittmann
    schrieb am 10. November 2009 um 14:17 Uhr (#)

    @Johannes Das ist genau manchmal die Frage. Ich habe auch schon Sachen geschossen, die objectiv Fehler hatten, MICH persönlich aber nicht loslassen. Lee Friedlander hat das kultiviert.

  4. dierk
    schrieb am 10. November 2009 um 21:49 Uhr (#)

    ich mag symetrische Bilder auch sehr und suche oft am Boden nach ensprechenden Orientierungen (z.B. Bodenfliesen) und hätte mich auch so hingestellt. Es ist hier sicher das Problem mit dem ‘Aufspiessen’, also dann kein Bild machen?

    Die M8 hat doch sicher wie die neue M9 eine Serienfunktion (sicher noch langsamer). Aber ich kann mir vorstellen, das bei Motiven mit Bewegung des Objektes, wie es bei Strassenfotografie normal ist, die Chance auf das ‘richtige’ Bild einfach grösser ist. (damit ich nicht missverstanden werde, ich meine natürlich geplante oder gesehene Bilder und nicht einfach drauf los).

    Johannes, die Brennweite wäre noch interessant?

    viele Grüsse
    dierk

  5. Johannes
    schrieb am 10. November 2009 um 22:19 Uhr (#)

    Dierk, ich denke ich hatte ein 50mm (*1.3) drauf.

  6. dierk
    schrieb am 10. November 2009 um 22:32 Uhr (#)

    das ist wirklich zu blöd, dass bei Leica die EXIF nicht vollständig ist. Bei den neuen Bilder der M9 im Web wäre die Info oft sehr aufschlussreich. Vielleicht kommt aber ja noch etwas per Firmware bei der M9.

    Das fand ich dazu gerade im DSLR Forum – Beispielbilder M9:
    Es findet keine Übertragung der Blende vom Objektiv zur Kamera statt (es gibt auch keine Anschlüsse bzw. Steuernocken dafür).
    Die Kamera hat jedoch noch außen am Gehäuse eine Meßzelle. Durch Differenzmessung zw. TTL-Licht und Außenmessung kann die Blende (ungefähr) ermittelt werden. Diese Information wird wohl auch zur Berechnung der Vignettierung verwendet, jedoch nicht in die EXIF-Daten geschrieben (zumindest kann man sie dort nicht einfach sehen).

    PS: du schreibst im Blog, deine nächste M ist eine Schwarze? Ich habe eine in Silber bestellt, zu auffällig??

  7. Johannes
    schrieb am 10. November 2009 um 22:47 Uhr (#)

    Ja, die Angabe der Blende ist leider oft sehr ungenau. Aber das ist etwas was mich wenig bis gar nicht stört. :)

    Dass die silberne auffälliger ist, ist nur mein subjektiver Eindruck. Vermutlich hast Du dir eine M9 bestellt, die ist ja jetzt grau statt silber und sollte allein deshalb weniger Blicke auf sich ziehen.

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