Flugzeughimmel:
Wie nah ist zu nah?

Egal, ob Nah- oder Fernaufnahme, Weitwinkel oder Zoom: Jedes Bild sollte Raum bieten, damit der Blick des Betrachters schweifen kann.

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Sergej Holzmann).

Kommentar des Fotografen:

Das Bild ist auf einem Flugplatz entstanden, während ich auf einen Freund gewartet habe, der auf dem Weg zu seinem Fallschirmsprung war. Diese Maschine stand zum Start bereit, und ich wollte ein Bild einfangen, welches ein bisschen die Pilotperspektive darstellt… Da nur der Himmel durch ein Flugzeugfenster zu langweilig wäre, habe ich auch einen Teil der Fliegernase mit drauf genommen.

Profi Douglas Abuelo meint zum Bild von Sergej Holzmann:

Die Belichtung ist gut, die Farben sind schön, die Komposition etwas neuartig und es gibt genug Abstraktion, um die Aufmerksamkeit des Betrachters länger zu halten, als nur für einen flüchtigen Blick mit einem quittierenden Kopfnicken. Trotz alledem fehlen diesem Bild Qualitäten, die es bemerkenswert machten:

Laut Robert Capa und seinem Mantra: “Wenn deine Bilder nicht gut genug sind, warst du nicht nah genug dran” ist es zugegebenerweise schwer, sich vorzustellen, dass du noch näher hättest rankommen können, es sei denn, Du hättest im Pilotensessel gesessen (was eigentlich eine gute Idee hätte sein können).

Indem Du so nah dran bist, und das Objekt so im Rahmen platziert ist, wie es ist, wirkt die Komposition erdrückend. Es gibt keinen Raum, der es dem Betrachter erlaubt, zu reagieren, oder seinen Blick wandern zu lassen. Verglichen mit dem Flugzeug erscheint der Himmel zu klein und unterrepräsentiert, was dem Bild eine gekünstelte Atmosphäre verleiht.

David Burnett, ein hochbegabter und überaus produktiver Fotojournalist, der versuchte, Robert Capas Theorie zu widerlegen, sieht die Dinge aus einer anderen Perspektive. Mit seiner 57 Fotos umfassenden Galerie zeigt David Burnett, dass aussagekräftige, starke Bilder nicht notwendigerweise physische Nähe voraussetzen (in vielen von Capas Fotos gibt es auch einen sichtbaren Abstand zwischen ihm und seinen Objekten).

Eine umfassendere Sicht der Szene, entweder mit hHilfe eines Weitwinkelobjektivs oder mit größerer Entfernung zum Objekt erstellt, hätte zu einem größeren Kontrast zwischen dem Flugzeug und der ungeheuren Weite des Himmels geführt. Und dem Betrachter hätte es den nötigen Raum gegeben, um seinen Blick wandern lassen zu können.

Natürlich gibt es keine universelle Antwort dafür, wie weit man sich von seinem Objekt befinden sollte. Es hängt von der jeweiligen Szene und Situation ab. Aber ob nah a la Capa oder fern a la Burnett: mach es hervorstechend.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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4 Antworten
  1. Douglas says:

    Hallo, tut mir Leid, da es so lange mit meiner Antwort gedauert hat. Es ist eigentlich so, dass Capa selber nie genauer erklärt hat, was er damit gemeint hat. Innerhalb der Welt der Fotografie ist es seitdem eine offene Frage. Er könnte sich gut auf eine thematische oder seelische wie auch physiche Ebene bezogen haben. Das muss man für sich entscheiden. Frohes Neues.

    Antworten
  2. Sergej says:

    Hey!
    Vielen Dank für die Kritik meines Bildes.
    Auch wenn die Aussage von Cappa verschieden ausgelegt werden kann, verstehe ich was du damit meinst.

    Ich freue mcih immer über solch konstruktive Kritik!
    Vielen Dank!

    Grüße,
    Sergej

    Antworten
  3. Christian says:

    Hallo Herr Abuelo, hallo Blue,

    auch ich meine gelesen zu haben, dass es sich bei diesem Zitat um einen Übersetzungsfehler oder zumindest um eine schlechte Übersetzung handelt und eigentlich die Distanz der thematischen Nähe zum Objekt und nicht die der physischen gemeint ist.

    Einen schönen Abend und beste Grüße,
    Christian

    Antworten
  4. Blue says:

    Meinte Cappa tatsächlich die physische Nähe? Oder eine thematische, inhaltliche?
    Ansonsten stimme ich der Kritik zu. Trotzdem sehenswertes Foto.
    Grüße Blue

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