Hafentanz:
Kunst im Nebel

Manche Bilder entziehen sich einer formalen Kritik, weil sie sich ganz einfach über alles hinwegsetzen, was es an Regeln gibt – und (trotzdem) faszinieren.

Kommentar der Fotografin:

- hafentanz -

Peter Sennhauser meint zum Bild von Lilo Ulke:

Ein nasser Park- oder Warteplatz – oder ist es ein Eisfeld? – in dunkelster Nacht, offenbar an einem Gewässer. Beleuchtet wird der Platz von zwei auf hohen Masten installierten Scheinwerfern, deren Licht sich im Nebel unter den Lampen materialisiert wie etwas Fassbares, das auf den Platz unten prasselt.

Zwei der vier Masten sind lichtfrei und ihre Spitzen lösen sich im Dunkel des Himmels auf. Am Rande des Platzes sind zwei, vielleicht drei schemenhafte Figuren erkennbar; am Fusse von zwei der vier Lampenmasten leuchten orange Behälter für Rettungsringe. In der Platzmitte bewegt sich ein Mensch, der durch die Langzeitbelichtung in drei Figuren aufgeteilt wurde.

Dieses Bild ist, könnte man behaupten, technisch missglückt, eine Lomographie.

Es ist unscharf, zugleich über- und unterbelichtet, und es zeigt kein eindeutig erkennbares Motiv.

Es sei denn, man anerkennt den nassen Parplatz, dieses Meer am Meer, als Motiv; den in den fünfzehn Sekunden dreifach auf den Sensor gebannten Menschen als Protagonisten; die Rettungsringe auf dem Parkplatz als Blickfänger und Fragezeichen (sie hängen da, als dienten sie dazu, jemanden aus dem Asphaltsee des Platzes und nicht aus dem angrenzen Wasser zu retten) – oder kurzum die ganze Fotografie als impressionistisches Werk, das es meiner Ansicht nach ist.

Durch die extremen Kontraste und die im Nebel verstärkten Scheinwerfer ausreichend ungewöhnlich, um nicht als Zufall abgetan zu werden, inhaltlich genügend aussagestark und fesselnd, um die technische Imperfektion in den Hintergrund und den künstlerischen Ausdruck in den Vordergrund zu rücken.

Was soll man dazu in einer nicht-künstlerisch geprägten Kritik anmerken? Vielleicht dies: Der Unterschied zwischen einem zufälligen Schnappschuss mit abstraktem Kunst-Charakter und einem, nun ja, Kunstwerk ist schwer erklär-, aber deutlich spürbar: Es steckt Absicht dahinter, ein erkennen des Motivs und eine Einschätzung dessen, was sich auf dem Sensor zeigen wird, bevor der Auslöser gedrückt wurde – Kreativität, und nicht nur technische Verfremdung. Hier vielleicht darin nachvollziehbar, dass dieser Platz auf jeden Fall und in diesem Licht sowieso eine Fotografie wert ist; die Art der Umsetzung aber – die leicht verschwommene Langzeitbelichtung, der Mensch auf dem Platz, die Betonung der Scheinwerfer – durch die künstlerische Leistung und der Ausdruck der Fotografin zustandekamen, also mehr sind als ein Glückstreffer.

Und wenn´s ein Glückstreffer ist, ist es ein grosser.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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2 Kommentare

  1. Corinne ZS
    schrieb am 26. November 2009 um 23:12 Uhr (#)

    Für mich ein echter Hingucker, eine Geschichte, ein Rätsel und ein sowohl grafisch wie farblich sehr ansprechendes Bild.

  2. Swonkie
    schrieb am 26. November 2009 um 23:46 Uhr (#)

    ich kann keine nässe erkennen. kann auch mit dem ganzen bild leider nichts anfangen und würde eher vermuten, dass da jemand mit langzeitbelichtung experimentiert hat und dann das bild im nachhinein interessant fand.
    aber ich täusche mich vielleicht – bin sowieso oft kunstbanause.

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