Swiss Press Photo 2009:
Ist das die neue Bildsprache
im Zeitalter des Bürgerjournalismus?

Der Bildjournalismus ist „in der Defensive“: Der Schweizer Pressefoto-Preis soll zeigen, dass sich die Bildsprache in den Medien weiter entwickelt. Die preisgekrönten Bilder bringen das nur teilweise zum Ausdruck.

Aus ´Asylum Seeker in Chiasso´ des schweizerisch-polnischen Fotografen Jacek Pulawski (Bilder keystone / swisspressphoto / Jacek Pulawski)

„Was ist ein Pressebild noch wert in einer Zeit, da jeder zufällige Zeitzeuge von jetzt auf gleich zum Bildreporter werden kann?“

Auf diese Frage aus der Laudatio von Hans-Michael Koetzle, Mitglied der Swiss Press Photo-Jury, soll der jährliche Wettbewerb des Schweizer Verlags Espace Media eine Antwort geben.

Das ist ihm meiner Ansicht nach in diesem Jahr nur sehr bedingt gelungen.

Am ehesten nachvollziehbar ist wohl die Vergabe für den ersten Preis – die Porträtserie von ankommenden „illegalen Immigranten“ in der italienischen Schweiz bei Chiasso des schweizerisch-polnischen Jacek Pulawski, und die für die Kategorie Sport – eine Bildserie von Valérie Chételat, welche die Einsamkeit von Radrennfahrern auf der Strecke beim Zeitfahren ausdrückt.

Pulawskis Bildserie, entstanden über mehrere Monate an der Asylempfangsstation in Chiasso, vermöge

zu leisten, was ein Pressebild heute leisten sollte: Sie bewegen, irritieren und lenken unseren Intellekt auf ein Problem, das an Aktualität eher noch gewinnen wird. Damit ist Pulawski – sozusagen – seiner Zeit voraus. Auch wenn seine packenden Porträts in konsequenter Nahsicht und sparsam im Licht vergangenes Leid bildhaft belegen.

schreibt Koetzle, und die Bilder sprechen für sich – wie das Porträts in der Regel tun.

Die Frage, wie man eine Krise fotografiere, die nicht mit Händen greifbar ist – die Finanzkrise – ist mehr als berechtigt. Ob allerdings die Sieger-Bildserie „Aktualität“ von Gaëtan Bally wirklich einen Preis wert ist, weil sie

einer ausgeklügelten Ästhetik folgend … die Welt der Finanzjongleure als anonymes Komplott, dessen Protagonisten wirken wie Agenten in einem mäßig guten Film, beschreibt

wage ich zu bestreiten.

Finanzplatz Zürich´ von Gaëtan Bally, Preisträger der Kategorie Aktualität, Swiss Press Photo 2009 (Keystone/SWISS PRESS PHOTO/Gaetan Bally)

Hatte Koetzle eben noch gesagt, dass die Pressefotografie eine neue Bildsprache und neue Ausdrucksformen suchen müsse, präsentiert sich hier eine Serie von Fotos vom Zürcher Paradeplatz und der Bahnhofsstrasse, den beiden im Zusammenhang mit „Banken“ und Finanzplatz Schweiz“ wohl klischiertesten Orten, deren Abnützung durch die in der Tiefenschärfe auftretenden „Bank-Protagonisten“ wohl nicht nur auf mich wegen der täglichen Durchsicht sämtlicher Schweizer Agentur-Pressefotos kaum mehr einen bleibenden Eindruck, geschweige denn den einer neuen Bildsprache macht.

Ein Kreuzfahrtschiff passiert Groenland. Siegerbilder der Kategorie `Ausland`(Keystone/SWISS PRESS PHOTO/Alban Kakulya)

Natürlich sind dies keine „schlechten“ Fotografien, aber man fragt sich auch angesichts der drei Siegerbilder von Alban Kakulya in der Kategorie „Ausland“ – Fotos aus einem Kreuzfahrtschiff mit Blick auf Landschaften eines „fast eisfreien Grönland“ – ob dies wirklich die bewegendsten, ungewöhnlichsten, ästhetisch anspruchsvollsten und eine einprägende Botschaft vermittelnden Bilder der insgesamt 125 Fotografen im Wettbewerb mit 1652 Fotos sind.

Kategorie `Kunst und Kultur`: Adrian Moser, aus `Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit`. Espace Media-Preis für Pressefotografie `Swiss Press Photo 2009` (Keystone/SWISS PRESS PHOTO/Adrian Moser)

Denn auf der Suche nach einer neuen Bildsprache, die sich „an der Vision eines Autors“ und nicht an den Fernsehbildern des Vorabends“ reiben, ist wohl von den Bildjournalisten auch der Mut zum Risiko zu erwarten – wie man ihn in den Sport-Bildern von Valérie Chételat erkennt: Sportler, für einmal anonymisiert in der Einsamkeit mit sich, der Strasse und der Zeit, anonym, klein und unkenntlich: Hier liegt die Emotionalität in der Komposition des ganzen Bildes und nicht im schmerzverzerrten Gesicht des Sportlers, und so etwas durch die standardisierte Bildredaktions-Maschinerie durchzukriegen, das ist zweifellos preiswürdig.

Siegerbild der Kategorie Sport des Swiss Press Photo-Preises 2009. Bern, Schweiz (Keystone/SWISS PRESS PHOTO/Valerie Chetelat)

3 Antworten
  1. thomas deuer says:

    „Mut zum Risiko“ umschreibt genau worum es eigentlich gehen sollte. Ergänzend würde ich auch „Mut zum Engagement“ sagen.
    Denn genau das ist, nach meinem Verständnis, was den Bildern aus „Finanzplatz Zürich“ und „Ein Kreuzfahrtschiff passiert Grönland“ schlicht weg fehlt. Beim Einem stehen Anzüge herum ohne Bezug zu irgendwas (Lomographisch wenn man positiv geneigt ist). Beim Anderen: „Nüscht als jejend mit ’nem Fensta zum durchkieken“.

    Wenn ich denn maßlos frech wäre (was ich selbstverständlich
    nicht bin) könnte ich auf die Idee kommen, das dort zwei sind, die protegiert mit Machwerk ihren Marktwert steigern konnten. Das Vehikel hieß „Pressefoto-Preis“. Mann kennt sich ja schließlich! Wie gesagt: Wenn ich denn maßlos frech wäre.

    Kein Risiko, kein Engagement, keine Aussage, keine Geschichte, kein aufmerksam machender Stil. Fotos eben, aber preiswürdig? Da ist das, was man beim Deutschen Jugendfotopreis zu sehen bekommt, deutlich spannender.

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  2. Peter Sennhauser says:

    Naja, Dorian – Presse ist ja nicht nur Tagespresse, sondern umfasst durchaus auch Magazin- und anderen Bildjournalismus. Allerdings bin ich auch der Ansicht, dass sich die Kategorien des Wettbewerbs wohl eher an diesen journalistischen Formen statt den klassischen Bildgenres orientieren sollten. Jetzt werden die Newsfotografen in einen Topf „Aktualität“ gedrängt, und alles andere können klassische Kunstfotografen sein, deren Arbeit irgendwann irgendwo publiziert wurde.

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  3. dorian says:

    das schweizer presse foto des jahres 2009 stammt nun also aus einer bildserie welche über mehrere monate hinweg realisiert wurde. letztes jahr gewann in der kategorie porträt eine fotografin welche über jahre hinweg ihre eigenen kinder portätierte. liegt es an der internationalen jury welche schweizer pressefotos zu beurteilen hat dass dieser wettbewerb zum swiss art photo mutierte? ich finde mit pressefotografie als solche haben diese beiträge nichts mehr zu tun. was empfinden wohl pressefotografinnen und -fotografen welche sehr oft nur wenige minuten zeit haben ein ereignis fotografisch fest zu halten wenn sie solche „sieger“ fotos sehen?

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