Pilz-Makrofoto:
Kleiner Riese im Wald

Makro-Fotografie, welche die Umgebung zur Situierung des Motivs und für spannende Relationen nutzt, ragt aus der Masse der Blumen- und Insektenbilder heraus.

Kommentar des Fotografen:

Ein Wurzelnder Bitterröhrling. Bei dieser Aufnahme wollte ich das Waldumfeld des Pilzes miteinbeziehen. Um die schwierigen Lichtverhältnisse ein wenig in den Griff zu bekommen, verwendete ich einen Grauverlauffilter.

Peter Sennhauser meint zum Bild von Berthold Riedel:

Ein offensichtlich ziemlich grosser, etwas unförmiger Pilz im unmittelbaren Vordergrund einer Makro-Aufnahme. Der Waldboden ist nah, rechts vom Hauptmotiv führt der Blick über die Textur des grünen Mooses nahtlos in einen unscharfen Waldhintergrund mit Baumstämmen und Bokeh-Flecken.

Das ist eine Sorte von Makro-Fotografie, die unwiderstehlich anzieht:

Das Bild eines Gegenstandes oder eines Lebewesens, wie man es im eigenen Alltag nie zu sehen kriegt. Und das gilt eben hier nicht nur für die Nähe zu dem Pilz, dessen Form und Oberfläche an sich schon spannend sind und eine genaue Untersuchung provozieren, sondern auch des ganzen Umfelds: Zum einen erscheint der Pilz, der das Bild fast ausfüllt, ehrfurchterheischend gross und mächtig; er thront auf dem Stein und dominiert den Waldboden.

Zugleich aber führt der Blick nur wenige Meter im Bildhintergrund in den Wald, zu den Baumstämmen, welche die Höhe und die Majestät des über dem Pilz hängenden Blätterdachs fühlbar machen und den Pilz selber wieder zum Zwerg degradieren. Ein sehr reizvoller Kontrast.

Das kommt ganz besonders gut zur Geltung, weil Du hier mit einer verhältnismässig weit offenen Blende operieren musstest und deswegen die Schärfentiefe – für meinen Geschmack fast ein bisschen zu sehr – beschränkt ist.

Wir sind auf diesen Effekt – kleiner Gegenstand dicht am Objektiv, geringe Schärfentiefe zum Hintergrund – konditioniert und erkennen darin sofort die Kleinheit des Motivs. Das erklärt unsere Faszination mit den Fake Tilt/Shift-Effekten, die aus realen Landschaften vermeintliche Modelle machen.

Dabei entspricht die Sichtweise mit der geringen Schärfentiefe am ehesten derjenigen des Auges, denn auch wir blenden, wenn wir einen naheligenden Gegenstand betrachten, den Hintergrund fast völlig aus. Trotzem fürchte ich ein wenig, dass die Tilt-Shift-Mode den hier so schön funktionierenden Effekt allmählich vernichten könnte, der die Grössenverhältnisse fast schon fühlbar macht.

Zur Komposition und Umsetzung des Bildes: Den Grauverlaufsfilter hast Du sehr sorgsam eingesetzt, er ist nicht zu erkennen; dass die Sonnenflecken im lichter werdenden Wald im Hintergrund ausbrennen, ist nicht weiter schlimm. Ich bin sogar der Ansicht, Du hättest noch etwas länger belichten können, damit der Schatten unter dem Pilz vorne links nicht ganz absäuft. Dort ist nämlich auch noch ein Spinnfaden sichtbar und andere Details, die das Bild zusätzlich spannend machen (in der hier gezeigten Auflösung wohl nicht zu erkennen).

Den Lichteinfall von vorne rechts finde ich indes gut gewählt, er macht den ganzen Pilz sehr plastisch und sorgt durch die Schatten auf seiner Oberfläche für die räumliche Textur der gerissenen Haut.

Ich frage mich, ob der Effekt des Bildes nicht noch dramatischer wäre, wenn Du hier von Quer- auf Hochformat gewechselt und noch dichter vom Boden aus ganz leicht nach oben fotografiert hättest. Denn wohl liegt der Pilz in seiner eigenartigen Form eher quer oder diagonal im Bild, aber der Wald um ihn herum strebt nach oben. Der Gegensatz zwischen dem “grossen” Pilz und dem in der Relation zu ihm eben noch viel mächtigeren Wald hätte sich vielleicht dadurch noch stärker ausdrücken lassen.

 

 

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1 Kommentar

  1. Berthold Riedel
    schrieb am 15. Dezember 2009 um 11:55 Uhr (#)

    Vielen Dank für die Aufmerksamkeit.
    Ein Hochformat ist natürlich ein guter Gedanke. Beim nächsten Pilzmotiv werde ich bestimmt daran denken.
    aber noch dichter am Boden- da hätte ich wohl graben müssen ;-)

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