Fassaden-Foto:
Die andere Perspektive

Fotografie aus einer ungewohnten Perspektive gewinnt augenblicklich Aufmerksamkeit. Aber so speziell wie für den Betrachter ist der Blick auch für die Fotografin – und entsprechend sorgfältig muss die Komposition erfolgen.

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Petra Jaldon).

Kommentar des Fotografen:

Ich wollte die tolle Gasse mal aus einer anderen Perspektive fotografieren. Die Farben harmonieren wunderbar miteinander. Das orange Tuch ist zwar ein Blickfang, jedoch nicht störend oder dominierend in diesem Bild. Aufgenommen in San Remo/Italien im Sommer 09.

Peter Sennhauser meint zum Bild von Petra Jaldon:

Die Fassade eines offensichtlich etwas in die Jahre gekommenen mediterranen Stadthauses, fotografiert von unten im spitzen Winkel mit dem Weitwinkel. Zu den stürzenden Linien der Hauswand selber gesellen sich zahllose Blickfänge, die kreuz und quer durch das Bild führen.

Der Schwerpunkt ist die Wäsche vor den Fenstern im vierten Stock, namentlich ein oranges Tuch, welches die Ocker-Töne der Fassade und das Grün der Fensterläden und eines Pflanzentopfs komplementiert.

Aufmerksamkeit erheischend an dem Bild ist die ungewohnte und „riskante“ Perspektive, fast senkrecht nach oben.

Das ist an sich eine sehr gute Idee: Fotografien sollen die Betrachter überraschen und faszinieren, und ein wirksamer Kniff, um das zu erreichen, ist eine ungewohnte Perspektive. Jede Abweichung von der Norm – vielleicht 1.5 Meter über dem Boden im rechten Winkel zum Horizont, die typische Augenhöhe und -Blickrichtung – schafft bereits ein Überraschungsmoment, welches die Betrachter einfängt: Sei es die Frosch-, Hunde- oder Giraffenperspektive, ein Blick senkrecht nach unten oder eben nach oben: Vor allem wenn er in einen Zusammenhang zum Objekt gesetzt wird, sorgt dieser Wechsel der Weltanschauung per se für ein spannendes Bild.

Allerdings sind auch wir Fotografen diese Sichtweise nicht gewohnt und haben deswegen mehr Mühe, die Komposition zu gestalten.

Du hast hier mit 24mm (38mm auf der Canon) gearbeitet, was als ganz leichter Weitwinkel die Tiefe im Bild auseinander schiebt. Tatsächlich bieten das unterste und das oberste Fünftel der Aufnahme nicht viel Sehenswertes. Die Spannung der Linien beginnt ab der quer verlaufenden Stromleitung; der Himmel ist wahrscheinlich wolkenlos, aber vor allem auch ausgebrannt (überbelichtet – Splittfilter benutzen).

Schön sind die Linien der diagonalen Abwasserleitung und der senkrechten Aufputz-Leitungen, die beide zur Wäsche zeigen und deren Schwerpunkt im Bild verstärken.

Leicht begradigt und beschnitten.

Durch die sehr steile Perspektive wird diese in der Komposition aber in ihrer Fläche sehr konzentriert. Mit einer etwas verlängerten Brennweite hätten sich die Bildränder oben und unten zu Gunsten der deutlich interessanteren Fassadenteile kappen lassen, auch der Fensterladen unten links ist eine störende Ablenkung, die nichts zum Bild beiträgt.

Wir haben grundsätzlich die Tendenz, zu viele Elemente in ein Bild zu packen – auch dann, wenn uns ganz konkret etwas aufgefallen ist, das die Fotografie eigentlich ausmachen soll. Hier liegt eine weitere Möglichkeit der Fotografie, die vom menschlichen Sehen abweicht und deshalb in Aufnahmen als spannend empfunden wird: Reduktion und Isolierung spannender Anblicke.

Für mich hat sich der Trick bewährt, vor dem Druck auf den Auslöser laut zu beschreiben, was mich an dem Bild fasziniert – und meistens führt das zu einer Neukomposition mit einem stärker beschränkten Bildausschnitt. Umgekehrt hat sich der Lehrsatz bewahrheitet, dass ich bei ausreichender Beschäftigung mit einem vermeintlich missglückten Bild darin den Ausschnitt entdecke, den ich eigentlich erfassen wollte. Die Kunst besteht aber natürlich darin, diesen Ausschnitt nicht nachträglich aus einem 10-Megapixel-Bild herauszuschneiden, sondern ihn schon vor dem Auslösen der Kamera im Sucher zu komponieren.

Dieses Bild hat eigentlich alles, was eine aussergewöhnliche Fotografie braucht – aber eben auch ein bisschen mehr. Die guten Elemente verlieren dadurch etwas von ihrer Kraft. Vielleicht wären hier auch ein, zwei Schritten zurück und ein Panorama-Schnitt (siehe Beispiel – zusätzlich an der Dachlinie des mittleren Hauses gerade gerichtet) geeignet, um die Elemente in der Fassade, die Linien, Fenster, Blumentöpfe und Maueranker – stärker zu inszenieren.

Schliesslich wäre es eine Überlegung wert, den Himmel über den Häusern vollständig in weiss ausbrennen zu lassen.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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1 Antwort
  1. Uwe S says:

    Ich finde es OK, die Objektiv-Fehler (tonnen- und kissenförmige Verzeichnungen) zu korrigieren, sowie die Mittelsenkrechte ins Lot zu stellen.

    Die aufregende Perspektive mit dem Fluchtpunkt am oberen Bildrand sollte besser erhalten bleiben. Das weg zu schneiden gefällt mir nicht.

    Es wäre einen Versuch wert gewesen, das Motiv im Hochformat abzubilden.

    Antworten

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