Strand-Stilleben:
Trotziger Baum

Peter Sennhauser, 9. Dezember 2009 11:07 Uhr, 0 Kommentare Kommentare

Ungewöhnliche Motive bieten sich als Foto-Motive an. Trotzdem müssen sie, um die volle Wirkung erzielen, kreativ inszeniert werden.

Kommentar des Fotografen:

Juni 09 auf Naxos, Griechenland. Der Baum trotzt den Elementen.

Peter Sennhauser meint zum Bild von Alois Oberlin:

Ein einsamer, blattloser Baum an einem Sandstrand. Das quadratische Bild zeigt nichts ausser diesem Baum, etwas rechts vom goldenen Schnitt platziert, einen kleinen Streifen Sand und ein Bilddrittel Meer. Am Horizont sind eine Felsgruppe rechts, ein Segelboot und eine Felsgruppe links zu erkennen.

Grundsätzlich ist dies ein spannendes Motiv, ein regelrechter Blickfang:

Wir sehen selten Bäume so dicht am Meereswasser – es sei denn, es handelt sich um Palmen oder einen ganzen Mangroven-Wald. Der einsame, anscheinend auch nicht sehr gesunde Baum scheint sich hier schon fast in wilder Verzweiflung gegen den Himmel zu recken. Deswegen ist mir das Bild in den Vorschauen sofort aufgefallen.

Ebenso ist eigentlich an einer schlichten Komposition und der Reduktion auf die konkrete Bildaussage nicht nur nichts auszusetzen, sie ist vielmehr meistens erstrebenswert, und nur zu häufig ist das Problem eines Bildes der Mangel an Reduktion.

Hier allerdings wäre mehr mehr, denn dieses Bild gibt seine Aussage auf den ersten Blick preis – und danach bleibt nichts mehr. Das liegt zum einen in der Natur der Sache, sprich an der schlichten Umgebung. Zum andern aber liegt es auch daran, dass die Umstände der Aufnahme und die Komposition nicht ideal sind.

Zunächst ist das Licht am frühen Nachmittag sehr undankbar. Der Himmel ist von langweiligem Schmutzblau, das Meer zwar etwas knalliger in den Farben, aber ebenso unbewegt, und der Baum hat im prallen Sonnenlicht fast keine Räumlichkeit. Sein Schatten ist nur gerade am Stamm und im Ansatz zu erkennen und liegt ansonsten ausserhalb des Bildrahmens. Das würde sich mit Abendlicht ändern, das Meer würde lebendiger und der Himmel hoffentlich mit ein paar Wolken auch; jedenfalls würde das weichere Licht für mehr Kontur sorgen, ohne dass dabei die Situation des Baums stark verändert würde.

Denn sie ist im Wesentlichen durch seinen ungewöhnlichen Standort sehr nahe am Wasser definiert. Mehr als das ist aber auch hier im Bild nicht erkennbar. Dazu trägt auch der enge Rahmen der Komposition bei. Der Baum passt gerade so in den Rahmen. Um die Weite, die Verlorenheit und die Einsamkeit der Pflanze zu zeigen, wäre ein weiter Winkel und der entsprechende Raum um den Baum herum wirksamer.

Andere Methoden wären die Änderung des Blickwinkels. Ansichten von tief unten lassen den Baum höher aufragen und machen ihn heroischer; wenn eine Ansicht von weiter weg und von oben (aus den Felsen/Dünen) möglich wäre, würde der Baum am Strand umgekehrt kleiner und verlorener.

All diese Dinge setzen natürlich Zeit und Raum und die Möglichkeit voraus, auf bessere Bedingungen zu warten und die Perspektive auszuprobieren – die Szene voll auszuloten. Manchmal hat man diese Zeit und die Musse im Urlaub nicht oder setzt bewusst andere Prioritäten.

Aber bisweilen – und grade bei sehr ungewöhnlichen Motiven – lohnt es sich, die zusätzlichen Mühen auf sich zu nehmen, um aus einem lohnenden Blickfang eine noch bessere Fotografie zu machen.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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