Die Möwe:
Distanzbezug-Effekt

Extrem-Perspektiven und -Blenden für Schärfentiefen-Effekte lassen sich hervorragend für auffällige Bilder einsetzen. Allerdings wecken sie auch Erwartungen an die Aussage der Fotografie.

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Marcel Stockmann).

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Marcel Stockmann).

Kommentar des Fotografen:

Das Foto entstand am sonnigen Sonntagnachmittag im September in Travemünde. Das Bild der Möwe auf dem Geländer, das in der Dynamik (wenn auch nach hinten gerichtet) auf die Möwe zielt und den Fokus, der durch die Schärfentiefe schon gegeben ist, noch mal verstärkt, fand ich interessant. Dazu ein altes Segelschiff im Hintergrund als Rahmen für den Travemünder Hafen.

Peter Sennhauser meint zum Bild von Marcel Stockmann:

Eine Möwe sitzt auf einem Holzgeländer, offenbar in einem Hafen – im Hintergrund ist das Heck eines Segelschiffs zu erkennen. Der Vordergrund der hochkant-Farbfotografie wird zu zwei Dritteln vom in der Unschärfe liegenden Geländer ausgefüllt, auf das die Kamera für die Aufnahme offenbar zu liegen kam.

Wie Du richtig bemerkst, lassen sich mit derlei extremen Perspektiven (Kamera direkt am Geländer) und Tiefenschärfe-Effekten regelrecht “saugende” Bilder schiessen:

Die Betrachterin hat gar keine andere Wahl, als den ins Bild hineinführenden Linien zu folgen.

Es ist ein extremes Ausdrucksmittel. Entsprechend wird es gern von Pressefotografen eingesetzt, die damit zum Beispiel in Reportagen starke Schwerpunkte legen.

Dabei wird der “Trick” meistens dort angewandt, wo einerseits bereits starke Linien und Tiefe im Bild enthalten sind – Bahngeleise, Strasse, Stahlträger, Holzbalken – und sich diese andererseits im Kontext zum Motiv für den Effekt einsetzen lassen. Denn er hat eine dezidierte Wirkung: Er macht Distanzen fassbar, welche in Fotografien ohne diese “Hilfe” durch die Optik verwischt werden.

Damit wirkt er den “üblichen” Einsatzarten von Tele- und Weitwinkelobjektiven bis zu einem gewissen Grade entgegen. Ein Tele wird häufig dazu benutzt, Dinge räumlich zu verdichten, die in der Realität weit auseinander liegen: Menschenmengen, etwa die Fussgängerzonen im Adventsverkauf, erscheinen viel gedrängter, wenn man sie mit dem Tele komprimiert. Ein Weitwinkel erreicht das Gegenteil und schiebt Objekte, im flachen Winkel fotografiert, so weit auseinander, dass der Betrachter die Abstände nicht mehr objektiv einschätzen kann.

Diese Wirkung wird reduziert, wenn Du mit diesem Effekt ein “Distanzmass” und einen relativen Bezug einfügst. Neben einem starken Fokus wird plötzlich eine Distanz erkennbar. Dieser ungewohnte Effekt verleiht dieser Distanz aber auch automatisch eine starke Bedeutung in der Bildaussage.

Wir erkennen als Betrachter, dass der Fotograf uns neben dem Motiv den Abstand zeigen will, den er vom Objekt hatte. Das weckt die Erwartung, dass dieser Abstand irgend etwas aussagt. In einem Sägewerk lässt sich damit beispielsweise die enorme Länge der zu Brettern gesägten Baumstämme zeigen, denen entlang auf das Sägeblatt fokussiert wird. Oder auf dem Kinderspielplatz kann die Gefahr eines aus einem Geländer herausragenden Nagels trotz Weitwinkel in die Nähe der im Hintergrund spielenden Kinder gebracht werden (beides Beispiele, die ich kürzlich in Printmedien gesehen habe).

Wenn Du das umsetzt auf Dein Bild, dann würde ich als Betrachter eine Aussage zum Abstand der Möwe von der Kamera (oder eben dem Bildbetrachter) erwarten.

Der Abstand erhielte eine Bedeutung, wenn beispielsweise im Vordergrund Futter auf dem Geländer liegen würde, was die Vorsicht der Möwe in der Annäherung zeigt. Oder wenn die Möwe im Landeanflug direkt auf die Kamera zuflöge. Oder aber, wenn der Abstand zwischen Möwe und Kamera eben bemerkenswert kurz wäre.

Dieser Bezug ist hier aber nicht vorhanden. Das ist ein bisschen wie Feuerwerk im Nebel: Wir hören es und drehen uns unwillkürlich danach um – aber wir können es nicht sehen.

Das macht aus dieser Fotografie bestimmt kein schlechtes Bild, und viele Betrachter werden es bewundern – denn dem starken Effekt können sie sich nicht entziehen. Aber wenn Du sie fragst, was sie spannend finden, werden Dir 90 Prozent eine Antwort geben, die sich auf die Bildtechnik und nicht auf den Bildinhalt oder die Aussage bezieht.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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4 Kommentare

  1. Schönes Foto und herausragende Bildkritik!
    Echter Goldstaub Herr Sennhauser den sie hier zum besten geben! Wenn ich regelmäßig ihre Kommentare lese, habe ich das Gefühl einen Fernkurs in Fotografie zu besuchen.
    Für mich immer wieder eine echte Bereicherung :-).

    So genug der Lorbeeren,
    weiter so und ein schönes Wochenende…

    Grüße
    martin

  2. Vielen Dank für diese super Kritik an meinem Bild. Ich muss sagen, dass mich die Worte im Kopf gerade echt einen Schritt weiter gebracht haben, vor allem der prkatische Bezug ist klasse.
    Das Bild hatte ich in der Zwischenzeit auch schon mal bearbeitet, das Geländer etwas verkürzt, das der Bildaussage nicht so viel hinzugewinnt und den Fokus damit stärker auf das Objekt, die Möwe, gelenkt, ohne abzulenken.
    Hier ist das bearbeitete Bild, gesetzt ins 1:1 Format:
    Mowe im 1:1 Format

  3. Martin, Marcel: Vielen herzlichen Dank. Ich freu mich ja auch über Gegenkritiken – aber so ein Lob wirkt doch noch motivierender…

  4. Wo hier gerade so schön Komplimente verteilt werden, nehme ich das zum Anlass, meine Sprachlosigkeit kurz zu unterbrechen.

    Heute morgen spazierte ich wieder mal durchs Internet und kam auf dieser Seite vorbei, wo ich gerne einkehrte. Seither lese ich wie in Trance eine Bildkritik nach den anderen und bin verblüfft, erstaunt, beeindruckt, begeistert und sprachlos.

    Die Goldstaub-Bemerkung von Martin bringt es dann auf den Punkt.

    Von Herzen bedanke ich mich für die Bilder und die Bildbesprechungen!

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