Stadtfotografie:
Checkpoint Charlie, unwirklich

Peter Sennhauser, 18. Dezember 2009 11:01 Uhr, 2 Kommentare Kommentare

Städte bieten nicht nur endlos Motive für Architektur- und Streetfotografie. Unter anderem sind hier Lichtverhältnisse zu finden wie sonst nirgends.


Kommentar des Fotografen:

Check Point Charlie in Berlin. Spontan aufgenommen, mit Aperture bearbeitet.Viel mit dem Definitions- Regler gemacht und am Blau geschraubt. Das Soldatengesicht in der Mitte nachbelichtet. Es soll ein etwas unwirklicher, leicht amerikanischer Eindruck entstehen. Ich bin eher ein Spontanfotograf, Kompositionen entstehen eher aus dem Augenblick. Ich mag Festbrennweiten, weil ich da auch wirklich gute Abbildungsqualität bekomme, die ich auch noch bezahlen kann. Im nachhinein hätte ich das Bild lieber mit einer kleineren Blende gemacht (3,5), dann hätte ich sicher noch etwas mehr Grundschärfe aus dem Objektiv raus bekommen.

Peter Sennhauser meint zum Bild von Fabian Lenné:

Eine Strassenschlucht mit dominanten Fluchtpunktlinien. Der Fotograf scheint mitten in der Strasse zu stehen, ihm gegenüber das überdimensionale Bild eines Soldaten in knalligen Farben – Checkpoint Charlie. Die Aufnahme ist geprägt von einem harten Licht und gleichzeitig unreal anmutenden Glanzeffekten. Die Szene scheint aus Stahl und Glas zu bestehen.

Auch wenn mir nicht ganz klar ist, was Du mit “amerikanischem Eindruck” meinst – ein “unwirklicher Anblick” ist Dir jedenfalls gelungen. Die Aufnahme hat eine starke Tiefenwirkung – ich würde behaupten, durch den Blickwinkel, der für ausgeprägte Fluchtlinien sorgt.

Im Schnittpunkt dieser Linien liegt das Bild des Soldaten, das wir in einer solchen Strassenszene eigentlich nicht erwarten würden; es fällt durch die Nachbelichtung besonders stark auf, ohne dass der Eingriff von einem Laien benannt werden könnte.

Ähnliches gilt aber auch für die Gebäude in der Strasse, namentlich das zu unserer Linken, das sich mit seiner gelben Stuck überdies stark von den übrigen, modernen Fassaden abhebt: Es ist offensichtlich beleuchtet, was “falsch” wirkt, weil die Sonne offenbar ebenfalls links oben zu stehen scheint. Demnach müsste der ganze Strassenzug links eigentlich deutlich schattiger sein als rechts.

Einerseits aber ist diese Seite eben auch indirekt durch die besonnten gegenüberliegenden Häuser mit ihren Glasflächen beleuchtet. Und zweitens, nehme ich an, hast Du Dich auch hier mit Aufhellung und Nachbelichtung ans Werk gemacht.

Jedenfalls gibt die Aufnahme einer Eigenschaft der Stadt eine besondere Betonung, die wir häufig nicht mehr bewusst wahrnehmen: Die “unnatürlichen” und komplizierten Spielarten des Lichts, die Spiegelungen und Reflexionen, welche – wie hier gezeigt und verstärkt – einen ganzen Strassenzug verzaubern können.

Ob bewusst oder nicht – Du hast auch den Zusammenhang zwischen Glas, Licht und Himmel mit dem Entzug des Blaus stärker sichtbar gemacht: An den Gebäuden ziehen sich die grünblau-Töne durch alle Glasflächen hindurch und verbinden sie so über die Kreuzung hinweg, während das Gebäude zur Rechten im Vordergrund einen direkten Übergang des Glases in dem Himmel schafft.

Eine spannende Aufnahme, vielleicht weniger rein ästhetisch, als interessant in ihrem komplexen Aufgreifen der Lichtbezüge, jedenfalls keine Fotografie, die man nur zwei Sekunden anschauen würde.

Und dann habe ich doch auch noch eine Kritik, indem mich der abgeschnittene Boden der ganzen Szene massiv stört. Zum einen sind die glänzenden Taxis links ein wichtiger Bestandteil des Lichtspiels. Zum andern fehlen den Menschen rechts am Strassenrand und dem Renault mitten in der Strasse ganz einfach die Füsse/Räder, und das schmerzt.

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2 Kommentare

  1. Fabian Lenné
    schrieb am 21. Dezember 2009 um 09:27 Uhr (#)

    Lieber Peter Sennhauser,
    erst einmal vielen, vielen Dank für die Besprechung. Ich hätte nie gedacht, dass mein Bild drankommt. (Wahrscheinlich habt ihr jede Menge Einsendungen).
    Auch freue ich mich natürlich über die fast durchweg positive Bewertung! :-))
    Mit den abgeschnittenen Füßen des Autos, das stimmt. Ein dicker Patzer… :-(
    Die Autos und die Fußgänger rechts und links sind der Schnappschuss- Situation geschuldet. ich bin eben mal auf dem Fußgängerüberweg stehen geblieben und habe fotografiert. Die Autofahrer drängelten schon. Sicher hätte ich noch einmal versuchen können mich ein Stück weiter weg (in diesem Fall wohl mitten auf der Kreuzung) hinzustellen um die Ränder besser abzuschließen. Vielleicht hätte ich dann allerdings die Fluchtlinien nicht so schön treffen können. Auch ist das Bild eigentlich 3:2 Format, das Rechteck habe ich später draus gemacht.
    Ich freue mich über diese guten Hinweise.
    Mit Amerikanische Stimmung meine ich eine Erinnerung an den Fotorealismus aus den ‘70 Jahren. Eine Welt zwischen Foto und Gemälde.

    Herzlichen Gruß
    Fabian Lenné

    PS: demnächst gibt es eine Website mit mehr Bildern

  2. armin kolb
    schrieb am 5. Januar 2010 um 11:21 Uhr (#)

    Ich möchte weder dem Fotografen noch Herrn Sennhäuser zu nahe treten, – was mir sofort störend ins Auge sticht ist dieser dominante dreicksförmig Himmel, der gar nicht bildwichtig ist, und dem hier eher ungünstigen quadratischen Aussenformat geschuldet ist.

    Bei statischen Objekten ist meiner Meinung nach auch kein “schnappschuss Fotografieren” notwendig, besser wäre es ev. gewesen zu warten, bis das Auto unter dem Soldatenbild weg ist. Leider windets auch nicht, die Fahne wird daher zum störenden Fleck.

    Besser fände ich das Bild insgesamt, wenn der Standpunkt niedriger ausgefallen, es unten (wie bereits erwähnt) nicht so knapp beschnitten wäre und die obere Kante gleich unterhalb der beiden äußeren Lampen verlaufen würde.

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