Elger Esser:
Motive in ihrer “Eigenzeit”

Uli Eberhardt, 21. Dezember 2009 14:34 Uhr, 5 Kommentare Kommentare

Elger Esser fotografiert Landschaften, als wären es Stücke aus der Frühzeit der Fotografie. Seine Motive sollen sich aus der Zeit herauslösen, in der sie fotografiert wurden, und in ihrer “Eigenzeit” im Bild erfasst werden.

Elger Esser lehnt sich bewusst an Marcel Prousts “Temps perdu” an. Seine aktuell im Stuttgarter Kunstmuseum zu sehende Ausstellung nennt er “Eigenzeit”.

Der aus Stuttgart stammende Elger Esser sucht seine poetisch-melancholischen Fotografien von Flusslandschaften, Brücken, Dörfern und Meeresküsten konsequenterweise in Frankreich. Auch die Wahl der fotografischen Techniken ist beinahe museumsreif: Seine jüngsten Arbeiten sind Heliogravüre. Alles begann mit einer versehentlichen Überbelichtung. “Endlich kein Foto mehr, sondern ein Bild”, so wird Elger Esser dazu zitiert. Die daraus entstandene Idee entwickelte er seither konsequent weiter zum unverwechselbaren Stil.

Esser will mit den Arbeiten die Eigenzeit betonen. “Eigenzeit” bezeichnet zunächst Elger Essers offene Herangehensweise, wenn er sich alleine ohne klare Ziel- und Motivvorstellungen auf den Weg begibt und sich einfach treiben lässt. Zum anderen benennt “Eigenzeit” den Kern von Essers fotografischem Schaffen: Seine Landschaftsbilder wirken zeitenthoben, ohne Einordnung, und werden so zu Monumenten ihrer Eigenzeit. Die Aufnahme eines Dorfplatzes könnte gestern, vor zehn Jahren oder gar vor hundert Jahren entstanden sein. Sie zeigt das Wesen des Ortes und nicht dessen zeitliche Zugehörigkeit.

Wie in der Malerei löst Esser somit das Motiv von Ort und Zeit und erschafft stattdessen ein Sehnsuchtsbild. Selbst wenn man auf diesen Aufnahmen einzelne aktuelle Hinweise entdecken sollte – Esser würde diese Details nie retouchieren – verlieren die Bilder durch ihre statische Erscheinung die zeitliche Bestimmbarkeit und gewinnen zugleich einen Hauch von Ewigkeit. Esser dringt damit zum zwiespältigen Wesen der Fotografie vor, die von ihrer Geburtsstunde an den Spagat zwischen Dokumentation – dem angeblich objektiven Abbild der Realität – und subjektiver Aneignung der Welt zu leisten hat.

In seinen stillen Bildern holt Esser die unscheinbaren Plätze ans Licht. Es geht ihm um die intime Erinnerung, die jeder mit sich trägt. Der fiktive Ort Combray aus Prousts Roman “Auf der Suche nach der verlorenen Zeit” symbolisiert genau diese Erinnerung. Er wurde zum Sinnbild der Kindheitserinnerung schlechthin.

Esser bezieht sich auf darauf und übersetzt den Bilderreichtum von Proust in seine Fotografien. Fremd und vertraut zugleich berühren seine Aufnahmen von Echanney oder Fontaines-en-Duesmois den Betrachter. Esser nennt die Orte im Titel; jeder kann die Dörfer auf der Landkarte lokalisieren und selber aufsuchen.

Brücken, Flüsse und Seestücke sind zentral in Essers Werk. Gerade bei seinen zahlreichen Brückenbildern wird die enge Beziehung und der Unterschied zur Malerei des 19. Jahrhunderts deutlich. So zeigt sein Bild “Saint-André de Cubzac” ein Monument der Ingenieurleistung, eine von Gustave Eiffel in den Jahren 1879 bis 1883 erbaute Brücke. Monet hätte mit Sicherheit über diese Brücke eine dampfende Lokomotive fahren lassen. Bei Esser ist es ein Ort der Stille.

Es ist nicht überraschend, dass Elger Esser über eine große historische Postkartensammlung von bretonischen und normannischen Küstenorten verfügt und damit arbeitet. In seinem Werk nehmen die Postkartenarbeiten eine Schnittstelle zwischen älteren Landschaftsbildern und jüngsten Heliogravüren ein. Er wählt Ausschnitte aus den Postkarten und vergrößert diese im Labor, so dass die Bildrasterung stark hervortritt. Partien dieser Vergrößerung lässt er wiederum kolorieren und erzielt dadurch eigenartige Verfremdungseffekte.

Elger Esser, Jahrgang 1967, war einer der jüngsten Meisterschüler von Bernd Becher an der Düsseldorfer Kunstakademie. Für die Stuttgarter Museumsausstellung hat er einen Querschnitt aus seinen Werken ausgesucht, rund 50. Auch literarische Bezüge sind zum tieferen Verständnis von Essers Werk wichtig. Deshalb erscheint parallel zur Ausstellung ein Buch, in dem die Bedeutung der Literatur – sei es Proust, Guy de Maupassant, Cees Nooteboom oder W. G. Sebald – für das Verständnis von Essers Arbeit dargestellt wird: Eigenzeit (Affiliate-Link) im Schirmer/Mosel-Verlag, im Buchhandel 49,80 Euro, im Museum nur 25 Euro.

Elger Esser – Eigenzeit
Bis 11. April
Kunstmuseum Stuttgart, Kleiner Schloßplatz 1, D-70173 Stuttgart
+49 (0)711-2162188, info@kunstmuseum-stuttgart.de
Geöffnet Dienstag bis Sonntag 10 – 18 Uhr, Mittwoch und Freitag 10 – 21 Uhr. Heiligabend, 1. Weihnachtsfeiertag, Silvester, Neujahr und Karfreitag geschlossen. An allen anderen Feiertagen von 10 – 18 Uhr geöffnet.

Elger Esser bei Wiki
Kunstmuseum Stuttgart

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5 Kommentare

  1. Thomas Zilch
    schrieb am 22. Dezember 2009 um 06:22 Uhr (#)

    Danke für die Vorstellung von Elger Esser. Ich kannte diesen Fotografen bisher nicht, bin aber jetzt begeistert von seinem Werk!
    Die Bilder wirken in der Tat völlig raum- und zeitlos, nichts in ihnen erinnert an Bekanntes. Klasse!

  2. Uwe S
    schrieb am 30. Dezember 2009 um 10:39 Uhr (#)

    Bei den hier gezeigten Bildern handelt es sich um von Elger Esser digital bearbeitete Reproduktionen von historischen Foto-Postkarten, die um das Jahr 1900 entstanden.

    Es sind seine Bilder aus einer verlorenen Zeit, aber nicht seine Fotografien. Eine Kamera hat Esser für dieses Projekt nicht benötigt.

    Handelt es sich bei diesen Bildern um Plagiate? Ich denke nein, denn Esser bringt durch die seine Bearbeitung, die Wahl des Ausschnitts und die enorme Vergrößerung, seine persönliche Haltung zur Fotografie zum Ausdruck. Er benutzt die tausenden, historischen Foto-Postkarten als Material für sein Werk und schafft damit etwas Eigenständiges.

    Was macht Essers Arbeit so aktuell? Es ist sein Workflow. Moderne Bildredaktionen wählen aus einem Überangebot von Bildmaterial, beschneiden Fotos, passen sie digital den Anforderungen unterschiedlichster Medien an und verbreiten sie schließlich massenhaft. Der Fotograf spielt wie bei Esser die Rolle des Material-Lieferanten.

  3. Schreibt hier auf dem Blog Uli Eberhardt
    schrieb am 30. Dezember 2009 um 13:34 Uhr (#)

    @Uwe S.: Nein – die Anmerkung ist nicht korrekt. Obwohl wir hier in der Mehrzahl Beispiele seiner aufgearbeiteten alten Postkarten zeigen, sind in der Auswahl zwei Fotografien vertreten: dasjenige aus Blois und das aus der Serie Combray. Unsere Bildauswahl hat subjektiv die Fotos vernachlässigt und täuscht ein wenig. Denn tatsächlich liegt der Schwerpunkt Essers und in der Ausstellung auf den (selber) gemachten Fotos (dafür braucht er auch seine Großformatkamera). Die Fotografien sehen zwar so aus (und sollen das auch), wie um 1900 fotografiert, stammen aber aus unseren Tagen. Elger Esser sucht systematisch nach Orten in Frankreich, die sich für sein Konzept von Fotografie eignen, und lichtet sie vor Ort ab. Die Reproduktion der Postkarten ist so gesehen neben der Fotografie ein weiterer Zweig seiner umfangreichen Arbeit.

  4. Thomas Zilch
    schrieb am 31. Dezember 2009 um 07:58 Uhr (#)

    @Uwe S. @Uli E.: Danke für diese ergänzenden Informationen!

  5. mucsimember
    schrieb am 14. März 2010 um 22:07 Uhr (#)

    habe ganz unbefangen, ohne jegliche Vorkenntnisse oder auch Vorurteile, die Ausstellung in Stuttgart besucht (ehrlich gesagt, war ich wegen Gerda Taro da ..) und war total begeistert – schön (ja, “schön” allein klingt platt, manche Dinge sind aber einfach “schön”), interessant, harmonisch, eben “Eigenzeit”!

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