Graciela Iturbide:
Das innere Auge

Graciela Iturbide, die Poetin aus Mexiko, gilt als die wichtigste und einflussreichste lateinamerikanische Fotografin unserer Zeit.

2008 bekam sie den Hasselblad-Preis – im Fotomuseum Winterthur können wir uns bis Februar ihr Werk aus vierzig Jahren anschauen – unter dem Titel “Das innere Auge”.

Das Bild Mujer ángel (Engelsfrau), auf dem eine mexikanische Seri-Indianerin von hinten zu sehen ist, die mit einem Radiorekorder in der Hand durch die Wüste wandert, gehört zu den symbolträchtigsten Fotografien von Graciela Iturbide, so teilt das Fotomuseum Winterthur mit. Es ist streng genommen ein Dokument, wirkt aber gleichzeitig wie ein Symbol für die Spannung zwischen zwei Kulturen, ein Symbol für die Frage, wie die indianische innerhalb der westlichen Kultur fortbestehen kann.

Graciela Iturbide stellt ihre Bilder oft in den “Schattenriss“, um Dinge auszudrücken, die zwischen Ahnen und Wissen pendeln. Ihre Fotografie handelt vom subtilen und komplexen Ineinanderverfugtsein von Wirklichkeiten, von verschiedenen Realitätsebenen. Sie sagt selbst, dass “die Fotografie ein Vorwand ist, um etwas zu erkennen“. Und wenn sie das Wort “erkennen“ ausspricht, scheint es sich um ein Synonym für “leben“ zu handeln; als sei es gleichbedeutend mit “auf der Welt sein“, mit “Sein“ überhaupt.

Graciela Iturbide, Jahrgang 1942, Ende der Sechzigerjahre schreibt sie sich an der Nationalen Universität Mexico City für Film ein. Im Nebenfach besucht sie die Vorlesungen des Fotografen Manuel Álvarez Bravo. Er machte die junge Studentin schnell zu seiner Assistentin und begeisterte sie für die Fotografie. Dieser Begegnung mit Álvarez Bravo, aus der sich eine tiefe Freundschaft entwickelte, ist es zu verdanken, dass Graciela Iturbide in die damalige Kunstszene Mexikos eintauchte und mit Künstlern und Werken von Tina Modotti, Edward Weston, Henri Cartier-Bresson, Frida Kahlo oder Diego Rivera vertraut gemacht wurde.

Zwischen 1979 und 1986 entsteht ihre erste wichtige Arbeit. Immer wieder reist sie nach Juchitán, einem mythischen Ort im südlichen Staat Oaxaca, Heimat der Zapoteken. Sie lebt inmitten der Gemeinschaft, begleitet die einheimischen Frauen und erhält dadurch Einblick in tief verwurzelte Traditionen und Riten, die sie in zahlreichen Bildern interpretiert. In den Porträts und Landschaften von Juchitán de las Mujeres (Juchitán, Stadt der Frauen) gelingt es Graciela Iturbide, die tief in den Mythen verankerte Welt der Indigenen aufscheinen zu lassen.

Ein weiteres Projekt, ein Auftrag des „Instituto Nacional Indigenista“ zur Rettung der indigenen Welt, widmet sie den Seri-Indianer in der Sonora-Wüste: Los que viven en la arena (Die im Sand leben). Es gelingt ihr dabei, über die konkreten Lebensumstände hinaus den Zwiespalt einzufangen, der das Leben zwischen zwei kulturell entgegengesetzten Systemen prägt.

Schließlich ist es Graciela Iturbide, die im Jahr 2006 als erste das Bad der Malerin Frida Kahlo betreten darf, das Diego Rivera, Kahlos Ehemann, 1954 nach ihrem Tod hatte schließen lassen. Sie tut dies im Bewusstsein um die Verehrung dieser Ikone der mexikanischen Kunst. Durch ihre Sicht auf den jahrelang geschlossenen und unveränderten Raumes und ihren Dialog mit den Objekten und dem Werk der Malerin Frida Kahlo erschließt sich Graciela Iturbide einen eigenen Zugang. Über die Verleihung des Hasselblad-Preises an Graciela Iturbide haben wir auf fokussiert.com seinerzeit berichtet: Die Poetin aus Mexiko.

Graciela Iturbide – Das innere Auge
Bis 7. Februar 2010
Fotomuseum Winterthur, Grüzenstrasse 44+45 , CH-8400 Winterthur
+41 52 234 10 60, fotomuseum@fotomuseum.ch
Geöffnet Dienstag bis Sonntag 11 – 18 Uhr, Mittwoch 11 – 20 Uhr

Fotomuseum Winterthur
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