Porträt in Schwarz-Weiß:
Nicht vom Motiv ablenken

Der ungewöhnliche Blickwinkel eines Fotos kann ihm nicht nur zu-, sondern auch abträglich sein. Nämlich dann, wenn Dinge, die durch ihn in den Vordergrund gedrängt werden, vom Bildgegenstand ablenken.

Kommentar des Fotografen:

Dieses Bild sollte den Inneren Kampf wiederspiegeln. Die Hände umklammern das Kleid fest als ob man sich selbst halten möchte um sich nicht ganz im Schmerz aufzulösen.

Profi Sofie Dittmann meint zum Bild von Elisabeth Fernandes:

Das Porträt einer jungen Frau ist in dunklen schwarz-weiß Tönen gehalten, die ihm eine verhalten melancholische Stimmung verleihen. Dabei ist genug Helles im Bild, um das Gesicht des Modells plastisch zu gestalten.

Die Hände liegen eng am Körper an, klammern sich am Kleidausschnitt fest. Das Gesicht der Frau ist starr nach oben gerichtet, sie schaut einen nicht an.

Für mich strahlt dieses Foto insgesamt Melancholie, ja fast schon Depression aus. Allerdings könnte man sich noch darüber streiten, ob jemand, der deprimiert ist, wirklich so daliegen würde, aber das ist dann wohl irgendwie pingelig.

Durch die extreme Brennweite ist die Gestalt auf dem Sofa nach hinten hin verzerrt, ihre Beine wirken deutlich kürzer und schmaler, als sie sein sollten. Weitwinkelobjektive sind grundsätzlich keine guten Porträtobjektive, und genau aus dem vorangenannten Grund: je kürzer die Brennweite, desto stärker die Verzerrung. Das kann man absichlich einsetzen, aber nicht unbedingt bei einem Porträt wie diesem. Ich hätte hier ein 50mm oder 85mm Standardobjektiv benutzt.

Das Bild wird im unteren rechten Teil fast vollkommen von den dunklen Haaren des Modells bestimmt, nein, dominiert, die hier keinerlei Details aufweisen. Sie tragen auch meines Erachtens nicht wirklich zum Foto bei, und so wäre es interessant gewesen, einen Ausschnitt zu sehen, der weniger Haare und mehr Sofa mit Modell beinhaltet. Und das ist auch das einzige, was mich an diesem Foto wirklich stört.

Das Experimentelle dieses Fotos, der ungewöhnliche Blickwinkel, die kurze Brennweite sind alle dazu gehalten, aus diesem Bild etwas zu machen, was man näher erkunden möchte. Die Haare sind zwar in der Komposition dynamisch angeordnet, aber dadurch, daß sie fast ein Drittel des Bildes für sich beanspruchen, lenken sie vom Rest zu sehr ab.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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2 Kommentare

  1. R. Kneschke
    schrieb am 3. Januar 2010 um 18:43 Uhr (#)

    Neben dem Platz, den die vielen Haare dominieren, ziehen sie auch den Fokus auf sich, obwohl er hier besser auf die Augen oder Hände gepasst hätte.

    1. Schreibt hier auf dem Blog Sofie Dittmann
      schrieb am 3. Januar 2010 um 20:15 Uhr (#)

      Ganz meine Rede. Leider ist nie genug Platz, um sich wirklich ALLEM in aller Ausführlichkeit zu widmen.

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