Dorfporträt:
Welche Bildabsicht?

Peter Sennhauser, 30. Dezember 2009 11:03 Uhr, 2 Kommentare Kommentare

Der Kreative Prozess der Fotografie muss nicht zwingend vor dem Auslösen stattfinden. Eine Absicht allerdings sollte hinter jedem Bild stehen.

Kommentar des Fotografen:

Das Bild zeigt einen alten Dorfteil von Saas-Grund. Das Bild hat einen ziemlich hohen Kontrastumfang, da ich es mitten am Tag fotografiert habe. Ich denke, die Wirkung des Bildes lebt davon, dass der rechte Teil komplett überbelichtet ist. Das Negativ hätte in diesem Bildbereich aber durchaus noch Zeichnung.

Ist es nun sinnvoll mit Techniken wie zum Beispiel HDR diese überbelichteten Bildbereiche durch Verschmelzung von mehreren Ausbelichtungen zurückzuholen? Zudem bin ich mir nicht sicher, ob ich das Foto unter “Architektur” oder “Abstrakt” hochladen sollte.

Peter Sennhauser meint zum Bild von Fabian Venetz:

Eine körnige, teilweise massiv überbelichtete Schwarz-weiss-Fotografie eines Winkels im Walliser Dorf Saas Grund. In der linken Bildhälfte steigt eine verwinkelte Treppe zu einem Hauseingang auf, der von einem Beton-Dach gedeckt ist. In der rechten, überbelichteten Bildhälfte führt eine schmale Gasse zwischen den Häusern nach links oben aus dem Bild.

Du wirfst in Deinem Kommentar gleich zwei grundlegende Fragen auf, die eines zeigen:

Du weisst selber nicht sicher, was diese Fotografie eigentlich bezweckt. Das halte ich für ein fundamentales Manko für jede fotografische Arbeit. Im Idealfall gestaltest Du als Fotograf ein Bild so, wie Du es haben willst: Es drückt etwas aus, was Du gesehen hast – ob optisch oder in Deiner Vorstellungskraft, spielt keine Rolle.

Wenn Du aber weder schlüssig sagen kannst, dass Du diese Aufnahme als reine Abstraktion oder eben als Dokumentation oder sogar als Landschaftsaufnahme (Dorflandschaft) aufgenommen hast, dann fehlt dem Bild seine wesentlichste Eigenschaft – dein emotionaler Ausdruck.

Dabei muss noch nicht einmal unbedingt vor dem Auslösen klar sein, was das Produkt werden soll – auch wenn ich persönlich ein Anhänger dieser Technik bin -, man kann heute durchaus verhältnismässig unbedacht oder fast schon wahllos drauflos fotografieren und danach aus den Resultaten etwas gestalten, was einem entspricht.

Denn auch darin besteht eine eindeutige Absicht und ein künstlerischer Anspruch oder ein Konzept.

Auf den ersten Blick vermag diese Fotografie durch die starke Räumlichkeit Aufmerksamkeit zu erregen. Die Verwinkelung in der Horizontalen und den Diagonalen schafft mit den zur Bildmitte stärker werdenden Schatten einen regelrechten Trichter-Effekt, dem der Blick folgt und wir uns sozusagen in der Gasse im Bildzentrum verlieren.

So gesehen könnte man das Bild als Architektur-Landschaftsfotografie zweifellos technisch verbessern und aus dem Negativ durch Mehrfachscans etwas herausholen, was einer HDR-Aufnahme nahe käme.

Es stellt sich mir indes die Frage, ob das Motiv diesen Aufwand wert ist. Denn aus ästhetischer Sicht ist dies nicht gerade der bewegendste Winkel des Dorfs, und namentlich der Beton-Deckel über dem Hauseingang mit dem auch nicht besonders anmutigen Schmiedeisen-Geländer wirken eher wie ein schäbiger Hinterhof in einer Grossstadt; die Aufputz-Stromleitung am deutlich älteren Haus gegenüber der Gasse sind ebenfalls ein echter Rauskicker.

Bleiben also die beiden Varianten “Dokumentation” (“hässliche Ecke im schönen Dorf Saas Grund”) oder Abstraktion.

Für eine Architektur-Dokumentation ist meines Erachtens zu wenig von dem Haus links zu sehen, das ich dann als das Motiv interpretatieren würde.

Als Abstraktion dagegen mit dem Schwergewicht auf der nach links oben führenden Bildtiefe könnte etwas aus der Fotografie herauszuholen sein, wenn Du Dich auf einen konsequenten Schnitt und eine verstärkung der Kontraste eher als eine Abschwächung verlegen würdest. Ich sähe dann allerdings den Wegweiser nicht mehr als Bildteil, und auch den unteren Teil der Fotografie würde ich so weit wie möglich beschneiden, um die Konzentration auf die Verwinkelung aus Gasse und Treppe auf die Spitze zu treiben.

Am wichtigsten scheint mir aber Deine eigene Erkenntnis, dass in dem Bild irdgendwas steckt, was Dich reizt – Du bist Dir aber offensichtlich in keinster Art und Weise im Klaren darüber, was es ist.

Diese eigene Bewegtheit angesichts eines Motivs zu erkennen und zu verstehen und sie danach mit den fotografischen Mitteln so ausdrucksstark wie irgendmöglich zu inszenieren, das ist wohl die wichtigste Fähigkeit eines Fotografen.

Sie lässt sich trainieren: Mit der Analyse von Meisterfotografien, aber auch mit Entdeckungsgängen durch die eigenen Fotos. Meistens findet sich der Kern auch irgendwo in einer “misslungenen” Aufnahme; ihn zu identifizieren wird Dir helfen, ihn beim nächsten Mal während der Komposition im Sucher zu finden, zu benennen und dein Bild darauf auszurichten.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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2 Kommentare

  1. Fabian Venetz
    schrieb am 30. Dezember 2009 um 13:20 Uhr (#)

    Danke Peter Sennhauser für die konstruktive Bildkritik.
    Erst durch diese Kritik ist mir die Sogwirkung der Gasse richtig bewusst geworden.
    Ich stimme zu das das Bewusstsein ums eigene Werk wichtig ist und auch hilft die eigenen Fotos besser darzustellen.
    Dies ist von mir aus gesehen auch der schwierige Schritt zu einem erfolgreichen Fotografen.

    Grüsse Fabian

  2. Ruth
    schrieb am 6. Februar 2010 um 18:49 Uhr (#)

    Mir gefällt es, es hat Patina, es lebt gerade durch das fleckige Vordach, die zerbröselte Mauer und auch durch das montierte Kirrohr. Der schräge Schattenwurf macht das Bild andersartig.

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