Straßenfoto aus Brasilien:
Ob Klischee oder nicht,
entscheidet der Betrachter

Was für eine Aussage ein Foto hat, liegt letztlich am Betrachtenden. Was für Person A ein ausdrucksstarkes Porträt sein mag, ist für Person B deprimierend, und umgekehrt mag dieses Foto eines brasilianischen Militärpolizisten vor dem Wort „Friede“ für die eine ein nachdenklicher Widerspruch und für die andere ein Klischee sein.

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Markus Kohlhoff).

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Markus Kohlhoff).

Kommentar des Fotografen:

Auch wenn er, wie ich, nur auf den Bus gewartet hat, hat der “Kontrast” zwischen brasilianischem Militärpolizisten und Friedens-Graffiti mein Interesse geweckt. Wieweit er diesen Auftrag im Rücken umsetzen kann, bleibt offen. Abgesehen von technischen Mängeln (Unschärfe rechts wg. defektem Objektiv), würde mich interessieren, ob ich hier nur ein Klischee abgelichtet habe. Vielen Dank für eure Meinung. Das Foto ist nur etwas beschnitten worden, um einen Mülleimer rechts zu entfernen.

Profi Sofie Dittmann meint zum Bild von Markus Kohlhoff:

Fotos kann man aus verschiedenen Gesichtspunkten heraus betrachten – und beurteilen. Kontext etwa kann sehr wichtig sein, und die Warte des Betrachters.

Ein berühmtes Beispiel ist Robert Doisneaus Foto „Au Cafe, Chez Fraysse, Rue de Seine, Paris“ (1958):

Das Foto entstand ursprünglich, weil Doisneau das Paar an der Bar des Cafes fasziniert hatte. Das Foto erschien dann erst in Le Point in einer Ausgabe, die Cafes dieser Art gewidmet war.

Etwas später, und ohne Doisneaus Zustimmung, wurde es in einer Broschüre veröffentlicht, in der die Gefahren von Alkohol angeprangert wurden – sein Agent hatte es ohne sein Wissen verkauft. Wieder etwas später erschien es, diesmal auch ohne das Wissen seines Agenten, in einem Klatschblättchen in einem Artikel, der mit „Prostitution in den Champs-Elysees“ betitelt war. Der Mann, der in dem Foto abgebildet war, verklagte daraufhin das Blatt, den Agenten und den Fotografen. Erstere wurden zu Schadensersatz verurteilt, der Fotograf freigesprochen.

Ein Foto, eine Aussage? Keineswegs.

Erst einmal allerdings ein paar Anmerkungen zum Technischen. Einen Teil hat Markus bereits angesprochen. Der Fotograf hat sich hier die Mühe gemacht, einen Mülleimer rechts aus dem Bild zu nehmen. Darüber hinaus macht es für mich allerdings nicht den Eindruck, daß Markus es etwa farbkorrigiert hat. Das hätte zusätzlich mit leichter Anhebung des Kontrastes dann so ausgesehen:

Beschnitten, Farbe korrigiert.

Beschnitten, Farbe korrigiert.

Außerdem hat mich spontan die verbliebene Bordsteinkante gestört, die ich ebenfalls entfernt habe. Sie sollte entweder mehr da oder ganz weg sein. Leider muß man zu ihrer Entfernung sehr nahe an die Füße des Polizisten heran, und so wäre es vielleicht eine bessere Lösung gewesen, mehr von der Kante im Bild zu haben, um unten mehr Luft zu lassen, oder einfach über die dunkle Kante „darüberzuklonen“.

Hinsichtlich der Bildaussage: Das wichtigste für mich, wenn ich mir ein Bild aussuche, um es hier zu besprechen, ist, ob es mich irgendwie anspricht. Ich hatte anläßlich einer anderen Bildbesprechung einmal aufgelistet, was meine persönliche Kriterienliste ausmacht:

  1. Zwingt mich das Foto, es länger als nur ein paar Sekunden zu betrachten?
  2. Warum?
  3. Was genau fühle ich, wenn ich das Foto anschaue – gibt es irgendeine emotionale Reaktion, oder ist die einzige, die ich habe, „hübsch“?
  4. Gibt es etwas an diesem Bild, was mich über das Foto hinaus beschäftigt?
  5. Gibt das Foto etwas über die Intentionen des Fotografen preis?

Wenn man durch die Welt geht, und es fallen einem Situationen wie diese auf, bedeutet das, daß man wirklich „sieht“ und nicht nur „schaut“. Daß Markus dieser Polizist mit seiner Hand an der Waffe vor dem Wort „Friede“ auffiel, bedeutet, daß er sieht. Man muß das Foto etwas länger betrachten, um das Wort auszumachen, obwohl es noch so groß auf der Mauer steht. Und wenn man dann zur Hand auf der Waffe zurückkehrt, fragt man sich unwillkürlich, worauf der Mann wartet. Worauf, weiß man nicht, weil dieser Kontext hier fehlt, doch scheint sein Gesichtsausdruck nicht angespannt, wenn auch wachsam.

Allerdings habe ich weiter keine Gefühle hinsichtlich dieses Fotos, und es gibt für mich persönlich nichts, was mich darüber hinaus beschäftigt. Ein Militärpolizist vor einem Friedensgraffiti. Er hat die Hand auf dem Griff seiner Pistole, aber das scheint im Hinblick auf seine Körperhaltung mehr Gewohnheit zu sein als der Hinweis auf etwas Tiefgründigeres.

Hätte er die Kamera angeschaut, hätte er die Pistole gezogen gehabt, wäre noch irgendetwas anderes da, was dem Foto mehr Dimensionen verleiht, aus diesem Schnappschuß wäre eine gute Straßenfotografie geworden. So ist er vielleicht nicht unbedingt ein Klischee, eine Schablone, aber eben ein Schnappschuß.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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5 Kommentare

  1. Vielen Dank für die Anmerkungen und das interessante Beispiel aus dem Cafe. In der Tat hätte mehr (Inter-)Aktion dem Bild sicher gut getan, aber da ich kein Krisenherd-Reporter bin, war ich froh, dass die Waffe im Schaft blieb…

  2. Ich bin überrascht, dass das abgeschnittene “Z” nicht angesprochen wurde. Ich habe den Papierkorb nicht gesehen, fände einen solchen aber vermutlich weniger schädlich als den Schnitt am “Z”, da das Wort ja wesentlich den Witz des Bildes ausmacht.

    Ansonsten schließe ich mich der Meinung der Rezensentin an, möchte aber noch hinzufügen, dass mir das Bild “grafisch” ganz gut gefällt. Es ist farblich aus einem Guss und die Mauer hat eine interessante Textur.

    Gruß,
    David

    • @David Ich konzentriere mich generell auf ein oder zwei Gesichtspunkte, da sonst die Kritik zu lang würde. Ansonsten gebe ich Dir voll recht: das abgeschnittene “Z” ist ein weiterer Kritikpunkt.

  3. … also wenn da schon an Bilder rumgeschnippelt wird, dann bitte auch etwas frecher. Das mit den Schuhen auf der Bildkante geht nun mal garnicht! Dass aber das 4:3 (o.Ä) Bildformat beibehalten wird, das erstaunt mich um so mehr … Dieser ermöglicht die Spannung zu erhöhen, die Aussage zu untermalen.

    Ich empfehle eine etwas schmäleres Verhältnis zu wählen, eher in die Richtung 2:3 oder 1:2 den Tag oben anzuschneiden, etwas Rotation für die Dynamik reinzugeben und alles so, dass die Kante des Bordsteins ersichtlich bleibt und der Cop den Boden nicht unter den Füssen verliert.

    Mein Cropvorschlag liegt da.

    • Ja, diese Lösung hatte ich mir anfangs auch überlegt. Insgesamt wäre es besser gewesen, unten von vorneherein mehr Raum zu lassen, damit das Thema garnicht erst aufkommt. Dann wäre der Übergang von Bürgersteig zur Mauer im Goldenen Schnitt, und das Foto sähe ausgewogener aus. In Deiner Version ist mir um das Wort “Paz” herum allerdings zu wenig Luft.

      Und diese Art des sich hin und her Überlegens, weil nichts wirklich zu einer befriedigenden Lösung führt, ist für mich auch immer ein starkes Indiz dafür, daß etwas mit dem Foto kompositionsmäßig von Anfang an anders zu machen gewesen wäre.

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