Porträt ohne Gesicht:
Der Tube-Pianist

Schnellschüsse aus der Hüfte können Glückstreffer werden. Oder der Fotograf hat Pech und schafft es nicht, das Wesen des Porträtierten einzufangen.

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Marvin Mendzies).

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Marvin Mendzies).

Kommentar des Fotografen:

Dieses Bild ist entstanden, als ich im Londoner Untergrund unterwegs war.

Profi Robert Kneschke meint zum Bild von Marvin Mendzies:

Ich möchte wetten, dass der Fotografen den Porträtierten vor dem Fotografieren nicht gefragt hat, ob er ein Foto machen darf bzw. auch nicht mit ihm geredet hat. So wirkt zumindest das Bild.

Marvin Mendzies hat es in der Rubrik “Porträt” eingereicht, aber schon der Aufnahmestandpunkt lässt vermuten, dass hier sozusagen “aus dem Versteck” fotografiert wurde. Das würde ich bei einer Reportage über somalische Kindersoldaten oder den ukrainischen Straßenstrich verstehen, aber nicht bei einem Keyboarder in der Londoner U-Bahn:

Ein Porträt soll meist etwas über den Fotografierten aussagen. Dieser ist hier nicht mal richtig zu erkennen. Er blickt von der Kamera weg, und die dunkle Kleidung säuft als schwarzer Fleck am unteren rechten Bildrand ab.

Welche Aussage soll das Bild haben? Wie klingt Musik, wenn niemand da ist, der sie hören will? Ist der Keyboarder ein Musikstudent, der stolz seine Werke präsentieren will? Oder darf er nur zu Hause wegen der Lautstärke nicht üben? Ist das Keyboard sein einziger Besitz und Spenden seine einzige Einnahmequelle? DEin Bild müsste versuchen, Antworten auf wenigstens einen Teil dieser Fragen zu geben.

Ich stelle mir das Motiv auch gleich interessanter vor, wenn beispielsweise eine Reihe gleichförmiger Passanten am Musiker vorbei gehen und die Rolltreppe hochfahren würden.

Ideal wäre es aber sicher gewesen, Blickkontakt mit dem Musiker aufzunehmen und entweder mit einer Geste oder in einem Gespräch zu fragen, ob eine Aufnahme okay sei und dann von mehreren Standpunkten aus zu versuchen, die geeignetste Perspektive zu finden.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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10 Kommentare

  1. Hi,
    ich muss ehrlich sagen dass ich es klasse finde dass du ein Bild veröffentlichst bei dem vieles nicht perfekt oder sogar falsch gemacht wurde. Im gleichen Zug aber auch die Meinung eines “Profi-Fotografen” anfügst die einiges an Kritik enthält.

    Das finde ich definitiv interessanter als ein “perfektes Foto” mit einem “Profikommentar” und unzähligen Comments bei denen dem tollen Fotografen Honig ums Maul geschmiert wird wie toll er doch ist..

    Es werden gezielt Fehler und Verbesserungsvorschläge angesprochen die den Fotografen zwar kritisieren aber nicht angreifen oder bloßstellen…

    Weiter so.
    Gruß

  2. ich denke, dass jeder, der hier ein Bild zur Diskussion stellt, eines auswählt, dass aus seiner Sicht gut ist.

    Die Redaktion wählt dann aus den Einsendungen die aus, an denen entweder positive oder negative Aspekte besprochen und aufgezeigt werden können. Aber es bleibt immer nur eine individuelle Meinung. Da gibt es kein absolutes gut oder schlecht.

    So ist Marvin sicher enttäuscht, wenn es viel Kritik gibt (so geballt kommt es hier aber doch sehr selten vor :-(

    Welche Aussage soll das Bild haben? Wie klingt Musik, wenn niemand da ist, der sie hören will?

    Ist es nicht traurig, dass niemand da ist, der sie hören will? Dennoch kann Musik schön klingen, auch wenn ausser dem Musizierenden niemand sie hört.

    Oder darf er nur zu Hause wegen der Lautstärke nicht üben?

    mit Verlaub, dass ist Unsinn, so ein Keybord hat einen Kopfhöreranschluss

    DEin Bild müsste versuchen, Antworten auf wenigstens einen Teil dieser Fragen zu geben.

    warum muss ein Bild Antworten geben auf alle Fragen, die den Betrachtern einfallen?

    Schnellschüsse aus der Hüfte können Glückstreffer werden.

    die Canon EOS 1000D hat ein festes Display und das gezeigte Bild ist so wohl kaum aus der Hüfte geschossen

    Ich möchte wetten, dass der Fotografen den Porträtierten vor dem Fotografieren nicht gefragt hat, ob er ein Foto machen darf

    wenn man bei Strassenfotografie die Leute vor der Aufnahme fragt, ist das Motiv kaputt!
    Danach sollte man sicher fragen, ob eine Veröffentlichung erlaubt ist.

    Soweit meine Kritik an der Kritik :-)

    Meine Meinung zu dem Bild:
    ein Augenblick, in dem das Profil etwas mehr zu erkennen ist, wäre sicher besser gewesen

    die Schärfe liegt leider etwas zu weit hinten, wie an dem Keybord zu sehen, das Gesicht ist nicht richtig scharf

    ich finde gut, dass die grauen Farbtöne die triste Umgebung und Situation unterstreichen

    viele Grüsse
    dierk

  3. Ich frage mich, ob Roberts Ausführungen für Marvin hilfreich sind, obgleich ich sie für zutreffend halte.

    Mein erster Eindruck beim Betrachten des Fotos war: Hier interessiert sich jemand für Keyboards, die auch für Straßenmusiker geeignet sind. So ist es jedenfalls fotografiert, ein Keyboard in der Anwendung.

    Für einen Amateur wie mich ist es gar nicht so leicht, die richtige Kategorie für ein Foto, bzw. ein Foto-Projekt zu finden. Da wäre es nützlich, ein paar hilfreiche Kriterien zu kennen. Daher eine Anregung: Vielleicht könnte einer der Profis das Wichtigste in einem Artikel zusammenstellen?

  4. @Uwe Was Robert hier glaube ich sagen will, ist, daß so, wie der Musiker fotografiert ist, die Bildaussage verloren geht. Es ist ja grundsätzlich wünschenswert, ein Foto auf das Wesentliche zu reduzieren. Wenn man dadurch aber die Hauptaussage verliert, ist es des Guten zuviel. So wie hier. Hätte Marvin den Ausschnitt erweitert, also mehr Kontext hinzugenommen, wäre klargeworden, daß es hier keinerlei Zuhörer gibt, daß er sich nicht in einem Kaufhaus, sondern in einer leeren U-Bahnanlage befindet usw. Es wäre die Einsamkeit und Trostlosigkeit unterstrichen worden. Und nicht das Keyboard, das sich hier im Goldenen Schnitt befindet.

  5. Sofies Überlegung gefällt mir sehr gut. Wenn der arme Musiker tatsächlich in einer leeren U-Bahn-Station spielt, ohne Aussicht auf Zuhörer und Geldspenden, ist das eine trostlose Situation, die ein hervorragendes Motiv für Straßenfotografie abgibt.

    Man sagt: „Das Bild entsteht im Kopf des Fotografen“, und manchmal gelingt es nicht, die Bildaussage unbeschadet im Foto festzuhalten. Sei es, dass man zu langsam ist und nicht den richtigen Moment erwischt, oder wie hier, der Kontext nicht ausreichend abgebildet wird.

    An diesem Punkt der Diskussion stehen eine Menge Spekulationen über die wahre Absicht des Fotografen im Raum. Robert fragte: „Welche Aussage soll das Bild haben?“. Das Bild bleibt die Antwort schuldig und liefert lediglich Ansätze für widersprüchliche Spekulationen.

  6. @Dierk: Ich schrieb: “Antworten auf wenigstens einen _Teil_ dieser Fragen”, nicht auf _alle_.

    Und auch mit der Canon 1000D wären Schüsse aus der Hüfte möglich, zumal die Kamera auch ein Live-Display hat. Aber das alles geht am Kern der Kritik vorbei: Meines Erachtens trifft das Foto kaum das Wesen des Musikers. Aber wie immer bei Kunst ist das auch subjektiv.

  7. An dieser Stelle möchte ich gerne sagen, dass ich den Musiker sehr wohl gefragt habe ob ich ihn fotografieren darf.
    Meiner Meinung nach war es ein sehr guter Hinweis den Bildausschnitt so zu erweitern, dass mehr von dem Umfeld des Musikers sichtbar wird, auch wenn ich es in der Praxis schlecht hätte umsetzen können da mir kein Weitwinkel zur verfügung steht und die Räumlichkeiten keinen größeren Bildauschnitt zuließen.
    Von Robert Kneschke hätte ich es mir gewünscht konstruktiver aufzuzeigen was ich an dem bild besser hätte machen können.

  8. bin gerade (wieder) auf 3 gute Videos zur Strassenfotografie gestossen (hier mit der M9).
    Filmessay verfasst über das Faszinosum Streetfotografie:

    http://lfi-online.de/ceem…/heft_aktuell_videos
    der link gilt sicher nur für diesen Monat

    dierk

  9. @Dierk Super Videos. So ziemlich meine Rede, auch wenn ich eine Canon habe (und liebe), für Street eine kleine v-Lux benutze und mir eine M9 nicht leisten kann. Vielen Dank!

  10. Für mich sagt das Foto einiges aus:
    Ein Strassenmusiker, der “unten” ist, in der Ecke, am Rand – wie man es auch immer nennen will. Vor ihm die Rolltreppe nach oben, fast schon als Symbol dass es aufwärts gehen kann.
    Die Anonymität der Strassenmusiker – wir laufen alle daran vorbei – wird durch die Nicht-Sichtbarkeit des Gesichts klar unterstrichen. Ich könnte ewig so weitermachen…

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