Strassenbar auf Kuba:
Eine angemessene Atmosphäre

Der Inhalt allein schafft noch keine Atmosphäre. Komposition und technische Elemente spielen eine ebenso wichtige Rolle.

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Thomas Wyler).

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Thomas Wyler).

Kommentar des Fotografen:

Mit einem fuji 1600 mit absicht, weil ich extremes korn liebe. belichtungsdaten weiss ich nicht mehr. eine szene in kuba

Profi Douglas Abuelo meint zum Bild von Thomas Wyler:

Wenn wir auf Reisen sind, und wir auf scheinbar archetypische, intime Szenen stoßen, so hoffen wir, mit einem Foto ein kleines Stückchen davon mit nach hause nehmen zu können.

Wonach wir dann, besonders im Fall von doku-artiger Fotografie, streben sollten, ist, so nah wie möglich an der Atmosphäre der jeweiligen Szene zu bleiben.

Das bedeutet: Die Art, wie du fotografierst, sollte einerseits genau auf den spezifischen Elementen der Szene basieren, sowie darauf, was für eine Szene du fotografierst. Wenn du beispielsweise Karneval in Rio fotografierst, könntest du gut eine lange Belichtungszeit wählen und deine Kamera den Bewegungen der Tänzer folgen lassen, um diese einzufangen. Fotografierst Du andererseits eine ruhige Szene in Macchu Picchu, wäre dasselbe Verfahren eher unangebracht.

Sehen wir dieses Bild einer einfachen Alltagsszene, können wir uns vorstellen, weshalb es die Aufmerksamkeit des Fotografen auf sich zog. Abgesehen davon, dass die Einheimischen einen Drink nehmen, sind die Linien und Formen interessant, die uns weiter in das Bild hinein ziehen und eine Tiefe erzeugen, die der linearen Perspektive eines Renaissancegemäldes gleicht.

Begradigung der Linien sorgt für mehr Stimmung.

Begradigung der Linien sorgt für mehr Stimmung.

Solch klassischen, dokumentarartigen Szenen werden oft durch eine gradlinige, saubere Komposition gestärkt. Nehmen wir all die Linien und Muster, die uns hier durch das Bild ziehen, in Betracht, wäre genau das hier der Fall, wenn das Bild nicht durch die Verwendung eines Weitwinkelobjektivs verzerrt wäre.

Ein etwas anderer Blickwinkel und eine üblichere Brennweite, etwa 50mm, hätte besser funktioniert. Obwohl das von mir bearbeitete Bild nicht vollständig wiedergibt, wie es hätte sein können, zeigt es doch die visuelle Stärke der begradigten, sich verflüchtigenden Linien.

Jeder Ort, den wir besuchen und fotografieren, hat seine eigene Atmosphäre und seinen eigenen Charakter.

Diese präzise mit einer Kamera einzufangen erfordert Sensibilität kombiniert mit technischer und kompositorischer Anpassungsfähigkeit.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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7 Kommentare

  1. Hallo,

    eine interessante Szene zeigt das Bild.

    Durch das ausrichten des Bildes kommt die Szene anders/besser rüber.

    Es gibt vieles zu sehen, auch Dinge die auf mich total gegensätzlich wirken, aber das macht die Szene erst interessant.

    Der Mann an der Theke, sein Hemd…immer wieder wird mein Blick dahin gezogen. Irgendwie lenkt es mich ziemlich ab.

    Es weichzeichnen im Bereich des Bildes auf dem Rücken, wird wohl nicht passen oder schlüssig sein, oder doch ???

    Gruss Rose – Marie

  2. Sorry, aber es ist doch eine echte Farce, das Bild zu “entzerren”, weil es vollkommen an Charme verliert und weil die Verzerrungen auch etwas über das verwendete Objektiv und den Standort des Fotografen aussagen. Der Charachter des Weitwinkels geht ja vollkommen flöten; die Jungs stehen ja nicht in einem Schuhkarton… begradigt sieht es aus wie – eben wie begradigt. Kein Mensch würde auf den Fotografen so lange warten, bis er alle Linien ausgelotet hat. Die Fotografie zeigt einen eingefangenen Moment und keine gestellte Szene. Und warum sollte ein 50mm Objektiv ein üblicheres sein? In welcher Zeit leben wir eigentlich? Ist ein VW Golf ein übliches Auto? Der vermeindliche Profi sollte dann seinen “Bewaffneten Aufstand” unter http://fokussiert.com/autoren/Douglas%20Abuelo/ auch mal begradigen.

    Gruß
    Tom

    • Deine Meinung wird respektiert, Tom, aber es gibt keinen Grund, hier beleidigend zu werden. Abgesehen davon: Hier ist die Rede von der Verzeichnung des Objektivs, und die ist (ausser bei Fischaugen) kein Stilmittel, sondern Ausdruck minderer Qualität des Glases.

  3. Ich bin und wollte keinesfalls beleidigend werden. Und nein, es ist nicht richtig, dass Verzeichnungen bei Weitwinkeln Ausdruck mangelnder Qualität ist. Es ist vielmerhr eine physikalische Gesetzmäßigkeit. Entschuldigung, aber diese Bewertung ist Fotografie von vor Übergestern! Das ist meine persönliche Meinung und hat nichts mit Beleidung zu tun!

  4. Jenseits von unverschaemt oder nicht. Der Kommentator hat nicht ganz unrecht und Peter Sennhauser auch nicht ganz recht :)

    “Hier ist die Rede von der Verzeichnung des Objektivs, und die ist (ausser bei Fischaugen) kein Stilmittel, sondern Ausdruck minderer Qualität des Glases.”

    Wie schon angedeutet ein physikalische Problem und auch teure Optiken offenbaren das Problem, wenn natuerlich auch in geringerem Masse.

    Das Problem ist, dass Verzeichnung *mittlerweile* auch ein Stilmittel geworden ist, was gefallen kann oder auch nicht, solange es nicht als Ausrede dient um, z.B., kompositorische oder andere Fehler zu vertuschen. Eben Geschmackssache.

    Dass in diesem Fall, eben durch die hier besondere geometrische Konstellation der Situation, die Verzerrung des Weitwinkels eher stoerend als hilfreich ist, heisst, meiner Meinung nach, nicht, dass es grundsaetzlich falsch ist. Das gaelte genauso fuer jede geometrisch konstruierte naturalistische Szene.

    Allerdings das Normalobjektiv als Grundsatz und Notwendigkeit in dokumentationsartigen Szenen zu propagieren halte ich fuer sehr gewagt. Dazu gibt es etliche Gegenbeispiele und nicht nur von Amateurfotografen.

    Der Fakt, das vorwiegend 50er Objetive benutzt wurden/werden liegt einfach an der Tatsache, dass sie einfach am besten den Blickwinkel des menschlichen Auges wiedergeben und deshalb am ehesten dem Dokumentarstil der Strassenfotografie nahee kommen.

    Meiner Meinung nach ist es nicht die Verzeichnung, sondern der statische Charakter, der dem Bild die Faszination raubt. Es wirkt ein wenig gestellt, so wenig aus dem Leben. Was allerdings auch der schwierigste Aspekt an der Strassenfotografie ist.

    Zumindest fuer mich, ist die Argumentation von Abuelo nicht ueberzeugend.

  5. Matidio: Klare Ausführung, mit der wohl auch Douglas leben kann, ohne gleicher Meinung sein zu müssen.
    “Tom” hat sich auf meine Replik übrigens nochmals gemeldet, allerdings weiterhin in einem auf Personen zielenden und verletzenden Ton, weswegen ich den Kommentar gelöscht habe. Selbstredend war darin der Vorwurf enthalten, wir seien nicht an Kritik interessiert.
    Das Gegenteil trifft zu, aber ich bin der Überzeugung, es ist kein Problem, seine Meinung oder sein Fachwissen rein bezogen auf Bilder oder Aussagen kund zu tun. Immerhin exponieren sich hier alle – Fotografen und Kritiker/innen sowie Kommentarautoren und -autorinnen gleichermassen – und eine nachhaltige Diskussion ist nur möglich, wenn wir dabei in relativ strengen Anstandsregeln operieren: Wir wollen allen Teilnehmern den Respekt garantieren, den sie für ihre Mühe erwarten dürfen.
    Alles andere führt irgendwann unweigerlich zu jenem inhaltlich wertlosen persönlichen Hickhack, den man anderswo meiner Meinung nach zur Genüge findet.
    Die Grobheiten, die dort mit “besonders kritischer Haltung” verwechselt werden, können wir nicht zulassen, weil wir an Kritik interessiert sind.

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