Erinnerungsfoto:
Klarheit durch Kontext durch Farbe

Douglas Abuelo, 19. Januar 2010 11:03 Uhr, 0 Kommentare Kommentare

Zweideutigkeit kann ein starkes Mittel im Foto sein. Familienbilder sind aber wohl die falschen Objekte dafür.

Kommentar des Fotografen:

Dieses Bild entstand am 11. März 1993, an meinem Geburtstag. Es wurde von meinem Vater im Krankenhaus aufgenommen. Ich habe es eingescannt und bearbeitet. Zu sehen ist mein Großvater, der mich in seinen Armen hält. Dieses Bild ist das erste und wertvollste Bild von mir. Die Haltung meines Großvaters finde ich besonders faszinierend. Mein Kopf liegt behutsam in seinen Armen, seine linke Hand umschließt vorsichtig, fast schon elegant meinen Unterkörper. Die rechte Hand hält fest, aber dennoch sanft meine kleinen Füßchen. Sein stolzer Blick auf seinen Enkel ist ihm ins Gesicht geschrieben. Ein sehr gefühlvolles Bild. Mein Großvater starb 2001. Dieses Bild spiegelt seine Persönlichkeit. Auf eine schöne Art und Weise. Zwar habe ich das Bild nicht aufgenommen, aber mein Vater hat mir natürlich erlaubt, es zu modifizieren. Weil keine EXIF-Daten existieren, habe ich das “Original” mitgeliefert.

Profi Douglas Abuelo meint zum Bild von Abdullah Sevik:

Ein einfaches schwarz-weißes Quadrat, inmitten dessen ein Mann sitzt, der ein Baby im Arm hält. An der Wand hinter den beiden hängen keine Bilder, stehen keine Pflanzen, nichts gibt der Szene einen Kontext.

Der Mann sieht zum Baby hinunter, sein Gesicht und sein Ausdruck sind von seiner Brille, seinem Schnurrbart und dem Winkel seines Kopfes verdeckt. Dies ist kein professionelles Foto, eher ein Bild, das spontan aus der Hand heraus gemacht wurde, ohne den technischen und kompositorischen Details viel Aufmerksamkeit zu schenken. Anzeichen eines typischen Familien-Schnappschuss, wie sie zu Millionen täglich gemacht werden.

Oder? Auf den ersten Blick war mir nicht ganz klar, was ich von diesem Bild halten sollte. Es wirkte auf mich, als sei das Objekt niedergeschlagen oder bedrückt, weshalb ich mir dramatische Szenarien vorstellte, was wohl vorgefallen war.

Erst Deine erklärung bringt Klarheit: Ein stolzer Großvater, der seinen neugeborenen Enkelsohn im Arm hält. Die Zweideutigkeit, die zu meiner Verwirrung führte, rührt vom Mangel an Kontext, dem körnigen Schwarz-weiß, dem starken Kontrast und dem für Interpretation offenen Gesichtsausdruck des Mannes her.

Vergleichen wir diese Version mit dem Originalbild, so sehen wir, wie Farbe und ein paar kontextuelle Hinweise uns einen besseren Eindruck der Situation verpassen. In Farbe, ohne die harten Kontraste und dunklen Töne, erscheint der Gesichtsausdruck des Grossvaters weicher und leichter zugänglich.

Der orange Ton im Original scheint passend und verleiht dem Foto eine historische Patina, die mit einer bestimmten Ära verbunden ist. Nimmt man dem Bild diese Patina, wie im zweiten Beispiel, wird zwar der Kontext nicht verändert, jedoch ist der zeitliche Rahmen nicht so ersichtlich.

Zweideutigkeit hat ihren Platz in der Fotografie, besonders in der Kunst, denn Künstler wollen normalerweise, dass der Betrachter ihre Arbeiten interpretieren. Familienfotos sind jedoch nicht notwendigerweise zum Interpretieren bestimmt.

Ihre Stärke liegt darin, besondere Ereignisse und vertraute Momente für die Zukunft festzuhalten und zu konservieren. In diesem Sinne sind Familienfotos Dokumentarbildern ähnlich, indem eine klare Aussage vorgezogen und angestrebt wird.

Dieses gefühlvolle Bild von Dir und Deinem Großvater gewinnt mit der Klarheit, die diese kontextuellen Hinweise geben, an Stärke.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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