Puzzlespieler-Strassenfoto:
Die Komposition befiehlt

Bevor Du Teile Deines Objekts mit der Bildkante abschneidest, überlege Dir genau, warum Du es tust. Jeder einzelne Aspekt Deiner Komposition sollte seinen Grund haben.

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Michael Grein).

Kommentar des Fotografen:

„Überlebenskünstler“ Das Foto dokumentiert einen Mann in Paris (Gare Montparnasse), welcher mit viel Einfallsreichtum versucht, ein wenig Geld zu verdienen: „Eine kleine Spende für einen Künstler“ Das Bild zeigt das Aufeinandertreffen zweier verschiedenster Menschen unserer leider doch sehr gespaltenen und ignoranten Gesellschaft. Das Bild wurde in Farbe fotografiert und mit Photoshop in SW umgewandelt. Zur Verstärkung der Bildwirkung und der Gegensätze wurde es zusätzlich beschnitten.

Profi Douglas Abuelo meint zum Bild von Michael Grein:

Einst sagte mir ein Fotograf, dass nur Fotografen, die nicht die Fertigkeit besäßen, eine interessante Komposition im Bild zu schaffen, ihre Objekte mit dem Bildrand abschnitten.

Eine interessante Meinung, die leicht widerlegt werden kann:

Wenn man sich die Arbeiten von Eugene Richards oder James Nachtwey ansieht. Beide Fotografen nutzen diese Technik häufig – aber sie haben normalerweise gute Gründe dafür.

Sie nutzen sie, um ein Element des Fotos zu betonen, wie zum Beispiel die Augen oder Hände einer Person, um der Komposition Ausgewogenheit zu geben, um die Botschaft klarer zu machen, die sie vermitteln wollen, oder, um den Blick des Betrachters durch das Bild zu leiten. Beide sind äußerst kompetente Fotografen, die wissen, dass jedes kompositorische Detail nur benutzt werden sollte, wenn es dafür einen bestimmten Grund gibt, und die Aussage des Fotos dadurch gestärkt wird.

In diesem Foto gibt es zwei Fälle, in denen Menschen vom Bildrand abgeschnitten sind, in einem Fall ist es teilweise akzeptabel, im anderen nicht.

Die vielen verschiedenen Elemente in diesem Bild ergeben eine interessante Dynamik. Das helle Licht auf der Linken, besonders auf dem Gesicht des Mannes, lenkt unsere Aufmerksamkeit auf sich. Von dort werden unsere Augen über den gekrümmten Rücken des Mannes, seinen ausgestreckten Arm, die Formen des weißen Kartons und des Metallkreises, sowie die Linien der Schatten, die sich über das Bild erstrecken, bis zur rechten Bildseite gelenkt, wo sich die untere Hälfte einer schattenhaften Figur abzeichnet.

Die obere Hälfte der Frau abzuschneiden war eine gute Idee. Es gibt dem Bild etwas Mysteriöses und Bedrohliches. Aber ich sehe keinen guten Grund dafür, dass auch der Mann so abgeschnitten ist. Es lässt das Bild künstlich steif erscheinen. Ein weiterer Winkel würde uns einen klareren Eindruck von ihm und seiner Umgebung vermitteln und zugleich die Krümmung seines Rückens betonen, die nicht nur unseren Blick nach rechts weist, sondern auch symbolische Konnotationen besitzt.

Mit einem weiteren Winkel würde wir ebenfalls den Rest der unteren Körperhälfte der Frau sehen können, was sie noch imposanter machen würde. Dies würde der Komposition auch Ausgewogenheit geben und die Botschaft verstärken, die Du vermitteln wolltest.

Welches kompositorische Mittel Du auch immer anwendest, versuch Dich zu vergewissern, weshalb Du es tust.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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