Spiegelkabinett:
Museumsfotografie, anders

Peter Sennhauser, 5. Februar 2010 11:06 Uhr, 1 Kommentar Kommentare

Die Ausstellungsobjekte sind keineswegs das einzige oder das beste Motiv in Museen. Die Architektur, die Raumeinteilung, die Beleuchtung und die Menschen bieten sich für spannende Fotografie an.

Kommentar des Fotografen:

Zeche Zollverein 2010, Ruhr Museum Eröffnung. Spontan aufgenommen. Kompaktkamera auf Vitrine positioniert. Interessant fand ich die Spiegelungen und die Einbettung der Ausstellungstücke in die gegebene Architektur. Die Tiefe des Raumes wird durch die Kameraposition verstärkt. Ich wollte die Stimmung im Museum festhalten und fand die Beleuchtung der Austellungsstücke im Museum sehr gelungen. Kann ich noch etwas verbessern (Nachbearbeitung).

Profi Peter Sennhauser meint zum Bild von Guido Sokolis:

Ein ebenso futuristisch wie minimalistisch anmutender Raum mit dunklen Farbtönen und fragmentierter Betondecke, vielen indirekten Lichtquellen und einigen Menschen erstreckt sich aus der Perspektive des Betrachters ins Bild hinein.

Menschen schlendern um eine Vitrine im Bildzentrum und -vordergrund herum, in welcher Gesteinsbrocken liegen, nur halb sichtbar durch die Spiegelungen im Glas, welche die linienreiche Raumgestaltung und die Lichtquellen verdoppelt und über andere Ansichten im Bild legt.

Eine spannende Fotografie, die viele Leitplanken bietet, denen das Auge folgen kann, ohne sogleich alles preiszugeben, was es zu entdecken gilt.

Zunächst will der Betrachter erfahren, was denn hier ausgestellt wird, und wird sich die Objekte in der Vitrine angucken, dann den Blick nach links zu dem Besucher wandern lassen, der sozusagen aus dem Bild hinaus in eine Wandvitrine blickt und von deren Beleuchtung ideal erhellt wird; dann folgt das Auge den Linien zum Fluchtpunkt vom linken vorderen Bildrand in die starke Raumtiefe und stösst dort auf Reflexionen, welche die Trennung von Raumgefüge und Spiegelung fast nicht mehr ermöglichen, und folgt den Kanten der Vitrine auf der rechten Seite zurück in den Vordergrund, wo weitere Menschen, von der Kamera abgewandt, das Bild beleben und ein in der Bewegungsunschärfe von der Kamera weggehender Mann für Dynamik sorgt.

Der Raum als solcher ist durch die ausgeprägten Linien in den Fluchtpunkt, die von zahlreichen rechtwinklig verlaufenden Horizontalen aufgebrochen werden, ein attraktives Motiv, das durch die ungleichmässige Ausleuchtung der Vitrinen und der Deckenelemente zu einem Labyrinth für den Blick wird. Solche Lichtbegebenheiten ist unser Auge nicht gewohnt, weshalb wir den Quellen auf die Spur zu kommen versuchen und damit das Bild ergründen. Weiter sorgen die Spiegelungen für zusätzliche Herausforderungen: Der Intellekt will verstehen, was echt ist und was nur Spiegelung, zugleich aber sorgt die Wiederholung einzelner Elemente im Glas der Vitrinen für Sehnervenkitzel.

All das wäre aber nur halb so spannend, wenn in dem Gewirr aus Linien und Lichteinfällen nicht auch noch Menschen zu sehen wären, die für Leben sorgen.

Und während sie ihre Aufgabe durch die blosse, auch in der Bewegung verwischten Anwesenheit erfüllen, wird unser Blick doch von Gesichtern angezogen. der Mann links im Vordergrund ist nicht nur ein Blickfang, sondern Ausgangspunkt der Reise durch die Ergründung der Spiegelung. Zum einen ist er, als Glücksfall, klar erkennbar und drückt die Stimmung des Museumsgängers aus.

Zum andern aber sorgt er mit der halbtransparenten Vitrinen-Oberfläche für eine grandiose “Hauptspiegelung”, indem er einerseits ganzheitlich sichtbar, aber zugleich auch im Torso wie eine Spielkarte gespiegelt ist. Als I-Tüpfelchen sorgt die eine, sehr helle Neonlicht-Linie, die ihn “entweischneidet”, wie die Aufgleisung des Blicks in die Fluchtpunktlinien.

Man könnte argumentieren, dass dieser Bildteil zu dominant ist. Ich glaube aber, dass just diese Unausgewogenheit die Stimmung des Bildes verstärkt. Die ansonsten fast genau im Bildzentrum zusammenlaufenden perspektivischen Linien erhalten eine Gewichtung und entgehen dem Schicksal, sich in der Symmetrie gegenseitig aufzuheben.

Die vielen Schichten des Bildes, seine starke Räumlichkeit und die ebenso starke Präsenz der Menschen sorgen für eine Mischung aus abstrakter Ästhetik und Erzählbild, welche jede Betrachterin zu ergründen versuchen und dafür ein gutes Stück Zeit investieren wird.

Ich habe in einem schnellen, unsorgfältigen Klon-Durchgang die Menschen und die dominantesten Linien links aus dem Bild genommen um zu sehen, wie sich das auf Komplexität und Symmetrie auswirkt. Ich denke, das Resultat macht deutlich, wie wichtig diese Elemente im Original sind.

Technisch ist Dir die grosse Tiefenschärfe zugute gekommen, welche Kompaktkameras auch bei relativ weit geöffneter Blende wie 2,8 noch liefern – der Raum muss, damit die Spiegelungen wirken, durchgehend scharf bleiben, ausserdem kommt so erst die Bewegungsunschärfe des Mannes rechts zur Geltung.

In einem Punkt hätte man die Spannung der Komposition vielleicht noch steigern können, auch wenn Spiegelungen ebenso sehr wie Horizonte zur Zweiteilung des Bildes verführen, im Gegensatz zu jenen aber meistens besser wirken – eine leichte Neigung der Kamera nach vorne zur Verschiebung der “Horizontlinie” der Glasvitrine nach oben hätte zusammen mit einem verstärkten Vordergrund reizvoll sein können.

 

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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1 Kommentar

  1. Guido Sokolis
    schrieb am 7. Februar 2010 um 18:46 Uhr (#)

    Herzlichen Dank an Herrn Sennhauser und das Fokussiert Team. Durch die konstruktive Kritik habe ich viel neues im Bild wieder entdeckt. Es stimmt, dass die vielen Spiegelungen zum Teil verwirren aber auch das Motiv spannend machen. Die Menschen sind wichtig, das zeigt Ihre Montage deutlich, danke für diese An- und Einsicht. Zur Steigerung im letzten Absatz. Ich hatte kein Stativ (wie dumm), allerdings auch welch ein Glück, denn was lag näher die Vitrine zu nutzen und siehe da ich hatte eine Sicht wie ich es nicht erwartet habe. Das nächste mal nehme ich wieder ein kleines Stativ mit, dann probiere ich es dort mal mit einer Verschiebung der “Horizontlinie”. Vielen Dank und mit freundlichen Grüßen Guido Sokolis

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