Morgentau-Grashalm:
Braucht keine Story

Nicht jede Fotografie braucht eine „Geschichte“. Ein wirklich gutes Bild lässt sie im Kopf des Betrachters entstehen.

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Florian Beyer).

Kommentar des Fotografen:

Hallo, tja, irgendwann einmal beim Weg zur Arbeit machte ich an einer taufeuchten Wiese halt, um ein paar Fotos zu schießen. Dabei ist dieses hier entstanden. Da ich immer sehr gerne die Kritiken hier auf fokussiert lese, lernt man mit der Zeit ja, auf was es ankommen sollte. Ein Punkt, der fast immer angesprochen wird ist die Geschichte, die ein Foto erzählen kann oder sollte. Aber kann man so etwas auch auf die Makrofotografie anwenden? Daher lege ich in diesem Bild eher wert auf die technische und kompositorische Bewertung des eingereichten Fotos. Schon einmal Danke dafür.

Peter Sennhauser meint zum Bild von Florian Beyer:

Ein taufrischer Grashalm in der Morgensonne vor einer Wiese, fotografiert mit Makro und weit geöffneter Blende. Der Hintergrund verschwimmt in zahllosen, verschieden grossen Bokeh-Kreisen, deutet das Umfeld aber mit hochschiessenden Schatten an.

Der Grashalm selber windet sich von rechts unten in den Vordergrund des Bildes. Die Schärfe liegt auf einigen der dicht gedrängten Tropfen in der Biegung des Blattes.

Florian, ich weiss nicht, welche Kritiken Du ansprichst, aber ich habe schon lange keine mehr gesehen, die eine Geschichte im Bild verlangt. Abgesehen davon würde ich behaupten, dass es sich dabei jeweils um einen ganz bestimmtes Genre handelt – Strassenfotografie braucht eine Geschichte, eine Reportage braucht eine Geschichte, oder ein Studiobild, das als Stockfoto verkauft werden soll.

Daneben gibt es aber unzählige Genres, die vom Bild als solchem, von grafischen Eindrücken, Landschaften, Farben und Formen leben und dabei nur eine Bedingung erfüllen müssen: Die Betrachterin dermassen stark faszinieren, dass sie ihre eigene Geschichte zum Bild im Kopf entstehen lässt.

Mit diesem Bild lieferst Du mir mehr als eine vorgegebene Geschichte. Es ist das Setting für einen romantischen Morgen, die Geschichte einer Ameise, der Kameraschwenk zum Beginn eines Tages auf einem Bauernhof… das schöne daran ist ja grade, dass dieser Typ Fotografie Raum lässt für Vorstellung und Phantasie.

Solange das Bild einen zu fesseln vermag und die berüchtigten zehn Sekunden standhält, ist das erste Etappenziel erreicht.

Das ist hier sicherlich der Fall. Die Faszination geht von der Einfachheit des Motivs und der darin verborgenen Komplexität aus: Wie viele Tropfen können auf einem Grashalm sitzen? Wo stammen sie her? Warum perlen sie nicht sogleich ab? Wie entsteht diese faszinierende Oberflächenspannung?

Und all das wiederholt sich im Hintergrund millionenfach, angedeutet durch das Bokeh, das in solch einer Aufnahme kaum besser angebracht werden könnte.

Was mich stört, ist die zu geringe Schärfentiefe. Es ist sinnvoll, den unteren Teil des Grasblattes in der Unschärfe verschwinden zu lassen, und Deine Position war dafür perfekt gewählt.

Leider aber ragt die Spitze des Blattes in die Vordergrund-Unschärfe. Das ist deshalb unglücklich, weil der Fokus in den Tropfen gesucht werden muss und der Blick natürlicherweise zuerst auf die Blattspitze fällt, die unscharf ist und den Eindruck erwecken könnte, das ganze Bild sei unscharf.

Ausserdem fällt der Horizont (sehr gut platziert) leicht nach rechts ab, was ja bei einer Wiese durchaus sein kann, hier aber auf den zweiten Blick auffällt. Ich hätte ihn wahrscheinlich gerade gerückt – was durchaus möglich ist, weil die Grashalme allesamt nicht sauber vertikal stehen.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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1 Antwort
  1. Florian says:

    Wieder einmal herzlichen Dank für die Kritik.
    Dass ein Bild eine Geschichte verlangt, möchte ich so nie gesagt haben, ist vielleicht ein wenig falsch rübergekommen.

    Nichtsdestotrotz: wieder etwas gelernt :)

    Grüße
    Flo

    Antworten

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