Abendrot:
Kontrastprobleme

Sonnenuntergang-Fotos sind Gegenlicht-Aufnahmen. Der Kontrastumfang wird dabei fast unweigerlich zum Problem.

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Andy Reinboth).

Kommentar des Fotografen:

Hallo, das Bild ist bei einer Ausfahrt nach Brandenburg entstanden. Ich fand die Zusammenstellung aus untergehender Sonne im Hintergrund und dem Boot/Baum im Vordergrund wunderbar. Ich bin gespannt was die Kritiker zu dem Bild sagen. viele Grüße Andy

Peter Sennhauser meint zum Bild von Andy Reinboth:

Ein verlassenes Ruderboot liegt in dieser Aufnahme im untersten Bilddrittel in der linken Bildhälfte neben einem Baum. Der Blick über einen Fluss führt zu einem leicht bewölkten Himmel, die Sonne ist bereits untergegangen oder von Wolken verdeckt.

Dieses Bild ist leider radikal unterbelichtet. Zwar ist „korrekte“ Belichtung ein relativer Begriff:

Zu den spannenden Eigenschaften der Kamera gehört ja auch, dass anders sehen kann als wir und beispielsweise Schattenrisse aus Gegenlicht-Anblicken macht, die wir ganz anders wahrnehmen.

Aber Du hast hier offensichtlich versucht, Boot und Sonnenuntergang in ein Bild zu kriegen. Das gelingt mit den „Bordmitteln“, die Du zur Verfügung hattest, nur schlecht.

Einerseits bieten Sonnenuntergänge das Problem, dass wir meist fast direkt gegen das natürliche Licht fotografieren. Um dabei zu einer spannenden Aufnahme zu kommen, brauchen wir viele Objekte in der Komposition, die das vorhandene Licht in einem anderen Winkel reflektieren – Wolken, unter denen die Sonne untergeht, eine Wasseroberfläche, die das Licht des Himmels spiegelt, oder aber einen markanten Horizont, der in einer Silhouette als Schattenriss belichtet werden kann.

Du hast hier versucht, mit dem Blitz – und ich nehme an, es handelt sich um den eingebauten Blitz – den Vordergrund so aufzuhellen, dass der Kontrast zwischen Himmel und ausgeleuchtetem Vordergrund abgeglichen wird.

Du hast zwar manuell belichtet, dabei aber trotzdem die Belichtungskorrektur mit +1EV, eine Blende von 9 und eine Sechzigstelsekunde eingestellt – was insgesamt und besonders mit zugeschaltetem Blitz kaum mehr Sinn ergibt: Die Belichtungskorrektur dient zwar dazu, Fehler der Matrixmessung (bei extrem hellem oder dunklem Vordergrund) auszugleichen – aber eigentlich in Kombination mit automatischer Belichtung (Zeit-, Blenden- oder Vollautomat).

Das Histogramm der beiden Varianten zeigt die Verschiebung der Werte nach rechts.

Wenn Du ohnehin manuell belichtest, würde sich die Nutzung der Spotmessung anbieten. Sie misst nur einen ganz kleinen Bildausschnitt statt wie die matrixmessung den Durchschnitt der Helligkeit über fast das ganze Bild.

Dabei misst Du den hellsten Bereich des Bildes (den Himmel) und den dunkelsten, in dem Du noch Zeichnung haben willst (den Baum) und wählst eine Belichtungszeit zwischen den beiden Werten. Am Monitor der Kamera kannst Du jetzt anhand des Histogramms Deine Einstellungen der Testaufnahmen überprüfen. Bei einer Aufnahme wie dieser kannst Du dabei nicht auf die Faustregel der „Glockenform“ im Histogramm gehen, sondern wirst ein umgekehrtes Profil erhalten.

Der Aufhell-Blitz schliesslich müsste ebenfalls händisch auf den Baum gemessen werden. Du hast mit Deiner Konfiguration allerdings ohnehin das Problem, dass der eingebaute Notblitz der D200 für eine Weitwinkel-Aufnahme mit 18mm (27mm) zu schwach und zu gebündelt ist – namentlich bei Blende 9 und einer Aussenaufnahme mit dunklen Flächen, die beleuchtet werden sollen. das Resultat ist hier, dass eigentlich nur die beiden Grasbüschel ganz im Vordergrund merklich vom Blitz aufgehellt wurden – die wir eher nicht heller haben wollen.

Das Boot, nachbelichtet.Ich habe Deine Aufnahme in Lightroom um volle zwei Blendenwerte „nachbelichtet“ und zusätzlich mit der Funktion „Aufhelllicht“ (welche nur die dunkleren Bildtöne anhebt) sozusagen den Aufhellblitz simuliert. Schliesslich habe ich in der Gradierungskurve die Mitteltöne leicht abgesenkt und die Tiefen noch etwas angehoben. In einem „normal“ belichteten Bild sorgt das sofort für einen Kontrastverlust – und das ist ja just, was Du hier anstrebst.

Das Resultat ist noch immer nicht perfekt und aus Anschauungsgründen etwas übertrieben, aber es dürfte einem optimalen Ergebnis näher sein als das Ursprungsbild.

Zur Komposition liesse sich noch sagen, dass die Lücke zwischen Baum und linkem Bildrand oben eher zu vermeiden oder zu schneiden wäre. Ausserdem habe ich den Starkstrommast und die eine, vom Blitz überhellte Blüte unten links aus dem Bild geklont und den Ausschnitt etwas enger gewählt.

Fazit: Extreme Kontrastumfänge verlangen viel Übung, um zum gewünschten Ergebnis zu kommen, und das gleiche gilt für die Anwendung des Aufhellblitzes. Glücklicherweise erlauben uns die digitalen Kameras beliebige Experimente und liefern mit dem Vorschaubild und dem Histogramm ein Lerninstrument im Feld, von dem unsere fotografischen „Vorfahren“ nur träumen konnten.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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1 Antwort
  1. Endres Helbig says:

    Ja die Kontrastumfänge… Da steht man nun will dieses Bild machen. Viel Zeit bleibt nicht. Sonnenuntergang ist schliesslich nicht ewig. Kenne das Problem nur zu gut. Aus meiner Erfahrung heraus hilft nur, die eigene Kamera, speziell deren Reaktion auf Kontraste, noch besser kennen zu lernen. Was habe ich gemacht? Zonensystem (korrekter Weise nur einen kleinen Teil, ich weiss) nach Adams für meine D80 und nur die. Bilder im RAW (auf weisser fein strukturierter Rauhfasertapete fokkussiert)aufgenommen. Mit z.B. einem halben Blendenwert Korrektur nach – und +. Wo ist noch Zeichnung in der hellsten und dunkelsten Aufnahme? Wo ist absolut schwarz und absolut weiss? Das Alles habe ich in einer Grafik zusammengestellt. Belichtungskorrekturen rangeschrieben. In der Praxis dann, wie Peter beschrieben hat, mit Spotbelichtung arbeiten. Hellste und dunkelste Stelle anmessen. Dann aber nicht irgendeinen Mittelwert beschliessen, sondern mit dem Kamereigenen selbstgemachten Zonenwerten abgleichen und selbst entscheiden wo Zeichnung ist und wo nicht. Funktioniert meistens. Erfordert aber erst etwas „Trockenübung“. Der Aufwand lohnt sich.
    Histogramme können dann, als zweite Kontrollinstanz, gute Dienste leisten. Denn das Foto machen wir.

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