Tordurchblick:
Nachträgliche Linsenspiele

Die digitale Dunkelkammer gibt uns Möglichkeiten wie nachträgliches Unscharfmaskieren in die Hand. Diese Mittel sind aber mit Vorsicht zu nutzen.

Kommentar des Fotografen:

Bei diesem Bild gibt es viele Möglichkeiten der Interpretation, finde ich. Was diese Beiden verbindet….oder vielleicht nicht oder nicht mehr verbindet? Wer geht wohin? Bezüglich der Tonung fiel mir die Entscheidung zwischen s/w und dieser Tonung schwer. Bin auch jetzt nicht ganz sicher.

Peter Sennhauser meint zum Bild von Rose – Marie Pawlitte:

Ein junger (?) Mann geht durch einen Torbogen im Gegenlicht auf einer Strasse auf einen zweiten Torbogen zu, der wie der innere Einlass eines Schlosses aussieht. Unser Blick fällt aus dem Dunkel des ersten Torbogens auf den Vorplatz, wo eine Frau auf das zweite Tor zugeht, ins dortige Dunkel und hinaus ins Licht dahinter.

Diese Aufnahme ist mir wegen der gelungenen Komposition in den Vorschauen aufgefallen:

Doppelt gerahmte “Durchblicke” wirken in Fotografien meistens gut, besonders, wenn dabei Kontrastwechsel stattfinden – von einem hellen Raum durchs Dunkel in einen andern oder wie hier aus dem Dunkel ins Helle und wieder ins Dunkel.

Der dreifach aufgegriffene Torbogen schafft hier zusätzlich einen eindeutigen Tunnelblick, und die scharfgezeichnete Kontur des jungen Mannes bietet einen Haltepunkt, der gut im Goldenen Schnitt liegt.

Die Tönung in Sepia passt zur Motivwahl der Bauten und verleiht dem Bild etwas Nostalgisches – das ist indes Geschmackssache.

Allerdings habe ich in der kleinen Vorschau das Bild für eine gelungene Offenblenden-Aufnahme mit entsprechendem Schärfentiefen-Effekt gehalten.

In der Vollansicht erweist es sich dann als Vollschärfenbild mit Blende 10 – welches Du in der digitalen Dunkelkammer mit einem Unschärfefilter bearbeitet hast.

Dagegen ist grundsätzlich noch nichts einzuwenden, auch wenn man sich fragen kann, wieso Du in relativ heiklen Lichtverhältnissen mit einer solch kleinen Blende arbeitest, vor allem, wenn Du später die Unschärfe für die Bildgestaltung einsetzen möchtest.

Das Problem bei der manuellen Unschärfenmaskierung ist das Mass. Denn wenn Du es nur ein bisschen übertreibst, wirkt das Bild sofort wie eine Fake Tilt/Shift-Aufnahme mit dem bekannten Modellcharakter.

Schlimmer aber ist hier, dass Du nicht den effektiven Distanzverhältnissen im Bild entlang maskiert hast. Du hast hier sozusagen einen Anti-Scheimpflugeffekt eingebaut (Schärfenebene verläuft nicht parallel zur Sensorebene), der die Schärfenebene fast in einen rechten Winkel zum Betrachter stellt – aber nur fast: Alles um den jungen Mann ist scharf, dann kommt die unschärfe des entfernt liegenden zweiten Torbogens, und dann dahinter erneut eine Schärfenzone – das ist physikalisch schlicht unmöglich und vollständig verwirrend.

Es ist sehr aufwändig, wenn man den Schärfentiefeneffekt nachträglich sauber anwenden will, weil man im zweidimensionalen Bild die Ebenen der Tiefe der dritten Dimension erkennen und mit der Maske sauber erfassen muss – und das auch noch in korrekter Abstufung. Du hättest hier, um eine offene Blende zu simulieren, etwa die uns gegenüberliegende Fassade so unschärfen können, wie Du es getan hast, dann aber die Dinge im Durchblick des zweiten Torbogens noch viel stärker unschärfen müssen.

Trotzdem – ein ansprechendes Bild, das mit einem vielleicht etwas grosszügiger gewählten Vordergrund-Torbogen und behutsamerer Unschärfemaskierung noch besser geworden wäre.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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3 Kommentare

  1. Rose - Marie
    schrieb am 11. März 2010 um 06:19 Uhr (#)

    Erstmal vielen Dank, Peter.

    Mein Gedanke bei der Aufnahme war, er ist der einsame Mann im Schatten, sie, unerreichbar für ihn und gleich hinter den zweiten Torbogen verschwindend. Deswegen die Schärfezone im 2ten Torbogen. Habe sozusagen den Fluchtpunkt ” betont “, um die Bildaussage zu unterstützen.

    Eure Seite finde ich klasse, weiter so :)).

    Rose – Marie

    1. Swonkie
      schrieb am 11. März 2010 um 15:03 Uhr (#)

      die verschwommene frau im bild nehme ich überhaupt nicht als teil der komposition wahr. sie ist einfach auch noch drauf, hat aber in meinen augen nicht das geringste mit dem mann im vordergrund zu tun.

  2. Rose - Marie
    schrieb am 11. März 2010 um 17:27 Uhr (#)

    Swonkie, zuerst mal Danke für Dein Interesse an dem Bild sowie dem Kommentar.

    Was mich ganz besonders interessiert, warum meinst Du die Frau hat mit dem Mann im Vordergrund nicht das geringste zutun?

    Das sehe ich etwas anders, es gibt einiges was diese Beiden verbinden könnte. Ich habe sie ganz bewußt mit in das Bild einbezogen…es stand mir frei zu warten bis sie verschwunden war. Wie ich finde, kann sich jeder seine Gedanken darüber machen, es lässt viel Spielraum für Interpretationsmöglichkeiten. Neben der Gestaltung ist das ein Punkt, der mir nicht unwichtig ist.

    Sie gehört dahin, meine ich!!

    Gruss Rose – Marie

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