Strassenszene:
Bilder nicht inhaltlich überfrachten

Ein Foto sagt mehr als tausend Worte. Aber tausend Worte passen selten in ein Bild.

Kommentar des Fotografen:

Ich war neulich auf einem Kurztrip in Dublin und habe versucht, prägende Stadtszenen festzuhalten. Dies war so eine. Viele dunkle und dreckige Gassen, viele Kameras, viele anonyme Menschen aber alles zusammen ein riesen Erlebnis. Der Mann ist in Bewegungsunschärfe, da er nicht zu wichtig sein soll. Der Bildausschnitt ist frontal gewählt, um es gewaltiger wirken zulassen. Zudem soll durch den oberen und unteren Bildrand und die Verwendung von s/w die Gassenstimmung unterstützt werden. Alles zusammen sollte das unbehagliche Gefühl rüberkommen, was man in den Gassen der Stadt erfährt. Ich fotografiere mit einer Olympus E-520. Über die Einstellungen kann ich leider nichts sagen, da ich erst seit einem Monat fotografiere und daher technisch noch nicht auf der Höhe bin.

Profi Jan Zappner meint zum Bild von Julian Emde:

Ein alltägliches Bild aus einer Stadt, so meint man. Du selbst, der Du dieses Bild im Ausland auf einer Reise gemacht hast, verbindest damit eine ganze Menge.

Das allerdings ist Deine Sicht der Dinge, und so viel Information oder Emotionalität, wie Du möchtest, gibt das Bild nicht her. Das liegt weniger am Bild selbst als am Wunsch, mithilfe eines einzigen Fotos eine ganze Reise mit ihren persönlichen Eindrücken erzählen zu können.

Das klappt nur ganz selten.

Hier gibt es mehrere Gründe dafür: Zunächst könnte diese Straßenszene auch in Berlin oder Warschau liegen. Es müsste Dublin als Stadt stärker charakterisiert werden – als einzigartig einfacher erkennbar sein. Ein besonderer Platz, Gebäude, Verkehrsmittel oder ähnliches.

Auch ist die Gasse weder als Gasse erkennbar noch ist sie dreckig oder besonders dunkel. Unter einer Gasse verstehe ich eng aneinander gebaute Häuser mit einem Weg hindurch. Gerade dieses Merkmal kann hier durch die frontale Aufnahme eben nicht dargestellt werden.

Hinter der abgebildeten Häuserfassade könnte ein Platz liegen, das Meer oder eben ein Haus. Eine Gasse sehe ich einfach nicht. Wenn also Gasse, dann in die Gasse hinein fotografieren.

Die anonyme Stimmung hingegen ist gut eingefangen. Die Kameras, der verbeihuschende Mensch, die geschlossenen Läden und die schwarz-weiß Wahl beruhigen das Bild und lenken den Blick auf diese zwei Dinge: Den Menschen und die Kamera.

Vielleicht hätte man einen Ort wählen können, an den der gesamte Hintergrund dunkel ist. Damit wären der Mensch und die Kameras noch deutlicher hervorgetreten, was die Aussage unterstrichen hätte. Aber eben nur eine Aussage.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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