Verstörendes Selbstporträt:
Verständlichkeit ist keine Nebensache

Um ein Foto verständlich zu machen, braucht es wenigstens ein gewisses Maß an Klarheit und Stimmigkeit.

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Adriana Navalesi).

Kommentar der Fotografin:

Selbstporträt

Profi Douglas Abuelo meint zum Bild von Adriana Navalesi:

Aus einer weich beleuchteten, verträumt pastellfarbigen Atmosphäre starrt eine junge Frau heraus – direkt in die Kamera und scharf in die Augen des Betrachters.

Ihre Arme sind schützend vor ihrem bloßen Oberkörper verschränkt, ihr Gesichtsausdruck ist mehrdeutig.

Den Objekten im Hintergrund nach, nämlich einem Bett und ein paar verschiedenen Kissen, können wir vermuten, dass sie sich zu haus in ihrem Schlafzimmer befindet. Wir wissen, es handelt sich um ein Selbstporträt, dennoch müssen wir uns fragen: „Was genau will sie uns sagen?“

Die Kombination der Atmosphäre, ihres Gesichtsausdrucks, ihrer Pose, Nacktheit und der Umgebung schafft eine gewisse Unstimmigkeit, die vermuten lässt, dass versteckt hinter der Sicht der Kamera etwas Böswilliges lauert. Dies unterscheidet das Bild von vielen Selbstporträts, die oft nur wenig mehr als eine oberflächliche Ästhetik abbilden. Hier gibt es eine Art von Tiefe, vermutlich Lebenserfahrung, vielleicht sogar quälende Erfahrung.

Obwohl das Ungewisse und die Mehrdeutigkeit dieses Foto interessant machen, hätte ein wenig mehr Klarheit es dem Betrachter einfacher gemacht, zu verstehen, was Du vermitteln wolltest.

So ist schwer zu sagen, ob Du grüblend, wehmütig oder genötigt bist, oder ob Dir einfach kalt ist. Eine kleine Veränderung Deines Gesichtsausdrucks, oder eine dramatischere Weise, Deine Hände und Arme um Deinen Körper zu schlingen, könnte viel vermitteln.

Vielleicht klingt es kleinlich, aber die alltäglichen Muster und Formen auf den Kissen kollidieren mit der verträumten, zeitlosen Atmosphäre. Weniger auffällige, weiße Kissen schienen angemessener.

So, wie es ist, könnte das Foto in einer Werbekampagne oder einem Artikel erscheinen, der sich mit häuslicher Gewalt oder Frauenrechten befasst, wobei die benötigte Klarheit aus dem dazugehörigen Text hervorgehen müsste.

Als ein Selbstporträt würde dieses Bild durchaus von etwas mehr Klarheit in der Aussage und mehr Stimmigkeit in der Atmosphäre profitieren.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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1 Antwort
  1. thomas deuer says:

    Die Kombination der Atmosphäre, ihres Gesichtsausdrucks, ihrer Pose, Nacktheit und der Umgebung schafft eine gewisse Unstimmigkeit, die vermuten lässt, dass versteckt hinter der Sicht der Kamera etwas Böswilliges lauert.

    Ist es nicht der Betrachter selbst der (virtuell) hinter der Kamera steht, dem die Möglichkeit der Böswilligkeit hinzu interpretiert wird?

    Obwohl das Ungewisse und die Mehrdeutigkeit dieses Foto interessant machen, hätte ein wenig mehr Klarheit es dem Betrachter einfacher gemacht, zu verstehen, was Du vermitteln wolltest.

    Unterm Strich weiß niemand ob Adriana Navalesi überhaupt etwas mitteilen wollte was passend fürs Marketing ist oder das die Unsicherheit des Profi Douglas Abuelo, wie bestimmt auch einigen Anderen, nimmt.

    Der Meinung

    Dies unterscheidet das Bild von vielen Selbstporträts, die oft nur wenig mehr als eine oberflächliche Ästhetik abbilden.

    kann ich mich anschließen.

    Dieses Selbstportrait ist für mich eins der wenigen Bilder die zum wirklichen „Hinschauen“ zwingen und das Kopfkino im Automatikgang an wirft. Was braucht ein Foto an wesentlichem noch wenn es nicht um wirtschaftliche Belange geht? Es vermittelt Emotionen. Welche? Das muss der Betrachter für sich selbst entscheiden.

    Antworten

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