Strassenszene:
Respekt ist gut, Scheu ist schlecht

Wenn ein Bild mit fremden Menschen eine Botschaft vermitteln soll, müssen diese Menschen in Szene gesetzt werden. Das bedingt einen Austausch zwischen Fotograf und Subjekt.

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Jürgen Roberg).

Kommentar des Fotografen:

Dieses Bild entstand in einer Fußgängerzone Amsterdams. Besonders interessant fand ich, wie der Orgelspieler einfach ignoriert wurde und hoffe, das kommt auch zum Ausdruck. Das Foto wurde mit Lightroom (meine ersten Gehversuche) bearbeitet, d.h. Bildausschnitt, Farbe, Kontrast etc. wurden angepasst.

Profi Jan Zappner meint zum Bild von Jürgen Roberg:

Ein Foto einer normale Straßenszene. Nur das mobile Straßentheater strahlt golden und sticht ins Auge.

[textad]Es gibt also einen Hingucker. Deshalb ist es schön zu lesen, welche Situation der Fotograf festhalten wollte: Die Ignoranz der Passanten, die den Orgelspieler keines Blickes würdigen.

Leider sehe ich von dem beobachteten Moment fast nichts:

Es ist aber gar nicht so schwierig, so einen Moment einzufangen. Die eigene Zurückhaltung gegenüber Fremden zu überwinden gehört allerdings dazu.

Zunächst aber ein paar Hinweise, was man am Aufbau ändern sollte, um das Bild besser zu machen:

Wenn mein Hauptmotiv der Orgelspieler ist (den ich hier noch nicht mal sehe), dann muss ich ihn auch prominent im Bild plazieren. Das heisst nicht unbedingt im Zentrum, sondern einfach so, dass die Blicke der Betrachter nicht an ihm vorbeigehen können.

Die Aufmerksamkeit des Betrachters wird nämlich durch die Bildgestaltung auf das Hauptmotiv gelenkt. Beispiel: Hier könnte man mit dem Straßentheater und dem Orgelspieler eine schöne Szene bilden, wenn man diese grundsätzlich radikal frontal fotografiert und nur diese beiden Elemente inszeniert; anschliessend müsste man auf Passanten warten, die „unaufmerksam“ vorbeilaufen.

Diese müssten dann vor oder hinter dem Orgelspieler laufen, damit sie diesen nicht verdecken. Wenn die Verschlussgeschwindigkeit passt, verwischen die Passanten ein wenig, der Orgelspieler bleibt scharf, und Deine Aussage – die Du im Ansatz ja genau so komponiert hast – käme zur Geltung.

Aber dafür muss man sich direkt vor den Mann stellen und warten, bis die richtige Situation eintritt. Das provoziert natürlich in fast jedem Fall eine Reaktion des Orgelspielers.

Ich vermute, Du hattest zu viel Respekt, Dich direkt mit Deinem Subjekt auseinanderzusetzen. Das ist aber unabdingbar.

Meistens haben die Menschen übrigens gar kein Problem damit, fotografiert zu werden, und bisweilen muss man sie davon abhalten, künstlich zu posieren – was nochmals Zeit braucht, weil Du abwarten musst, bis Du und die Kamera nicht mehr die Aufmerksamkeit des Subjekts haben.

Vor allem aber lernt man bei solchen begegnungen auch was dazu, weil sich vielleicht ein nettes Gespräch entwickelt.

Sei also beim nächsten Mal ganz einfach etwas frecher.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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4 Antworten
  1. Path says:

    Die Frage ist eher wozu brauche ich das Foto wieviel Inszenierung ist erlaubt um bei Reportage/Dokumentation s Bildern nicht von Manipulationen zu sprechen.

    Wieviele Pressefotografen haben nachträglich in einem Bild vom Krieg Rauchwolken oder anderes Spektakuläres eingefügt um Bilder zu verkaufen…
    Wo schwinden da die Grenzen zwischen Inszenierung und Manipulation des Inhaltes zu einem bestimmten Zweck…

    Ich mag keine Inszenierten Bilder weil es oft hart an der Grenze der Manipulation ist , dadurch geht bei vielen Medien auch Glaubwürdigkeit verloren und damit auch die Bereitschaft für echten Bildjournalismus Geld zu bezahlen

    Die Medienkrise zeigt das zu deutlich die Menschen vertrauen diesen Bildern nicht mehr ….

    Antworten
    • Uwe S says:

      Ich würde mir keine Gedanken darüber machen, was ich darf, oder nicht. Mit zwei Ausnahmen: Bei den Persönlichkeitsrechten der abgebildeten Personen und beim Betrügen.

      Kein Bild enthält die objektive Wahrheit, sondern ist eine subjektive Sichtweise. Die kann ich gestalten, verfremden, aufhübschen, inszenieren, collagieren und was sonst noch. Wichtig ist, als was ich das Bild anbiete. Habe ich meine persönlichen Eindrücke aus der Fußgängerzone Amsterdams in diesem Bild verarbeitet? Habe ich ein Dokumentationsfoto geschossen? Habe ich in einer Fotoreportage möglichst viele Aspekte berücksichtigt?

      Selbst wenn ein Bild so authentisch ist, wie das einer Überwachungskamera, kann ich manipulieren. Allein die Auswahl des Fotos, der Blickwinkel, welche Bilder ich erst gar nicht gemacht habe, all das sind meine Entscheidungen und die könnten selbstverständlich auch so ausfallen, dass ich damit manipulieren kann.

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