Fotografischer Surrealismus:
Verzogene Welt

Eine klare Vorstellung des angestrebten fotografischen Ausdrucks und ein Vorbild helfen auf der Suche nach dem eigenen Stil.

Kommentar des Fotografen:

Vor zwei Jahren war ich an einer Ausstellung von Salvador Dali in St. Moritz und ich bin und war schon immer von seinen Bildern begeistert. Seine andere, vielleicht etwas schräge Sicht auf die Welt hat mich dazu inspiriert, dasselbe mit meiner Kamera zu tun. Seither versuche ich verschiedene Dimensionen in einem Bild zu vereinen. Ich arbeite an einer Serie und gehe immer wieder hinaus, um Dinge zu sehen, an denen die meisten achtlos vorbei laufen. Ich will , mit der Kamera, unsere Welt anders wahrzunehmen, als es die meisten Menschen tun. Das ist mein bisher bestes aus dieser Serie in diesem Jahr.

Peter Sennhauser meint zum Bild von Benjamin Koch:

Die Fassade eines modernen Wohnhauses mit Eingangstüre erscheint in diesem Bild seltsam-harmonisch verzerrt: Es ist die Spiegelung der Fassade auf dem Kotflügel inklusive Rücklichtern eines ebenso modernen Autos.

Die Aufnahme fängt die Betrachterin durch zwei ineinander verschachtelte Bildebenen:

Die dreigeteilte, von rechten Winkeln und scharfen Kanten vollkommen freie Oberfläche des Autos und die darin sichtbare, minimalistische und von über der sanften Oberfläche des Kotflügels verzerrte Ansammlung ebendieser rechten Winkel und aufgereihten Fensterboxen.

Technisch ist die Aufnahme schön umgesetzt, die mittelgrosse Blende sorgt für durchgehende Schärfe auf dem Spiegelungsobjekt, worauf Du wahrscheinlich den Fokus gesetzt hast, als auch auf der Spiegelung, die in deutlicher optischer Distanz zum Auto steht. Die Farben scheinen mir, angesichts des fahlen Rots des Autorücklichts, nachträglich entsättigt.

Die Bildkomposition passt durch die horizontale Drittelung des Bildes: Oben die vielleicht eine Spur zu mittig angeordneten Teile der Carrosserie mit der fast organisch anmutenden Trennfuge dazwischen, unten die durch die weichen Formen des Kotflügels surreal verzerrte Fassade.

Auf den ersten Blick sind die beiden Bildebenen nicht wirklich zu trennen, und die Vermischung der gewollt organisch anmutenden Autoformen mit dem strikt funktionalen Fassadenbild überrascht, weil man selten “organisch anmutende Fassaden” zu sehen kriegt.

Hier kommt Salvador Dali ins Spiel, Dein Vorbild, der spanische Maler des Surrealismus, dessen Gemälde unterbewusste Sichtweisen und Traumbilder darstellen. Ich finde Deinen Ansatz ausserordentlich spannend, mit dem Werkzeug der Fotografie surrealistische Arbeiten zu erstellen, und zwar schon deswegen, weil das für die meisten Menschen einen Widerspruch darstellt, weil Fotografie vermeintlich objektive Realitäten abbildet. Umso faszinierender finde ich die Idee, surreal anmutende Bilder aus vermischten Ebenen zu suche, ohne dabei auf Photoshop zurückzugreifen.

Wenn es Dir noch dazu so gut gelingt wie hier, kannst Du auf die Legende verzichten und Dich vollständig auf die technische und kompositorische Umsetzung konzentrieren.

Das ist ein Punkt in der fotografischen “Karriere”, den viele von uns anstreben, dabei häufig fast verzweifeln oder sogar aufgeben. Insofern bist Du nicht nur zu diesem Bild, sondern zu der gefundenen Stilrichtung zu beglückwünschen, die es Dir jetzt erlaubt, Deine ganz persönliche Umsetzung zu finden.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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2 Kommentare

  1. Dave
    schrieb am 19. April 2010 um 19:40 Uhr (#)

    Hey Benji!

    Habe hier noch selten eine so positive Bildkritik gelesen – gratuliere! Und natürlich kann ich mich Peter nur anschliessen, tolles Foto…

  2. Benjamin Koch
    schrieb am 19. April 2010 um 23:05 Uhr (#)

    Hallo Peter, hallo Dave

    Ja, da kann ich wirklich nur noch Danke sagen und weiter an der Serie arbeiten.

    Danke vielmals

    lg ben

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